80 Jahre – das Alter des Erinnerns

Regelmässig erreichen uns Geschichten, Texte und Zuschriften unserer Leserinnen und Leser. Diese wollen wir Ihnen nicht vorenthalten. Heute: Maya Lütolf blickt auf 80 Jahre Leben zurück.

«Kürzlich konnte ich meinen 80. Geburtstag feiern. Mich hat dieser Geburtstag – auf den ich mich nicht besonders freute – inspiriert, immer wieder in die Vergangenheit zu schauen, mich zu erinnern, wie es damals in meiner Jugend war, in meinem Elternhaus mit meinen beiden Schwestern. Und so habe ich natürlich auch alte Fotoalben hervorgeholt und viele schöne Erinnerungen an Ferien, Familienangehörige, Verwandte und Freunde gefunden. Am meisten beeindruckte mich aber das Foto meiner Grossmutter väterlicherseits an ihrem 80. Geburtstag. Das war ein unvergessliches Familienfest, das wir am Walensee feierten mit Onkel, Tanten und Cousine. Damals – 1947 – war ein 80. Geburtstag eher selten und meine Grossmutter war in noch recht guter gesundheitlicher Verfassung. 

Sie wohnte mit uns im gleichen Haus und wir hatten eine enge Beziehung zu ihr, meine beiden Schwestern und ich. Ich erinnere mich an sie, wie sie in ihrem Lehnstuhl sass, lesend oder strickend. Sie hat uns Grimms Märchen vorgelesen und für uns Pullover und Strumpfhosen gestrickt. 

Überrascht hat mich ihre Kleidung auf dem Foto nicht wirklich, habe ich sie doch so in Erinnerung – in langem schwarzem Rock. Wahrscheinlich hatte sie keine farbigen Kleider, schwarz war damals die Farbe der Senioren, die meistens schon Angehörige verloren hatten. Meine Grossmutter trauerte um 2 Söhne und meinen Grossvater, den ich leider nie kennenlernte.

Links: Sophie Busch-Guldin (1867-1950), rechts: Maya Lütolf-Busch (*22.01.1941)

Seit einigen Jahren bin auch ich Oma und mein Schwiegersohn hat mich an meinem 80. Geburtstag fotografiert. Auffallend ist natürlich die veränderte Mode. Ich weiss nicht, ob meine Grossmutter jemals von Hosen geträumt hatte, ich glaube es nicht. Selbst zu meiner Schulzeit waren Hosen für Mädchen nicht erlaubt, ausser wenn’s schneite zum Schlitteln und Skifahren. Aber was man nicht kennt, vermisst man nicht. Die heutige Mode hält für uns 80-Jährige viele Möglichkeiten offen. Aber in Form und Farbe hatte es wohl meine Grossmutter doch einfacher. Ob ich mit ihr tauschen möchte?

Sie hat 2 Weltkriege erlebt mit vielen Entbehrungen und Sorgen. Ich bin während des 2. Weltkriegs geboren, habe eine einzige Erinnerung daran, die auch mit meiner Grossmutter zusammenhängt. Wir lebten in Rorschach und bei der Bombardierung von Friedrichshafen ca. 1944 musste die ganze Familie in den Keller und dort sass ich auf dem Schoss meiner Grossmutter und wusste nicht, was da draussen passierte. Das blieb für mich bis heute – Gott sei Dank – das einzige Kriegserlebnis. 

Momentan erleben wir zwar auch bedrohliche Situationen mit dieser weltweiten Pandemie. Ich bin aber zuversichtlich und habe auch Vertrauen in Wissenschaft und Politik, dass wir irgendwann den Ausweg schaffen werden.

Nein, tauschen möchte ich nicht mit meiner Oma!»


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