Quelle: Screenshot SRF

Vom Bergsturz vertrieben

Mitte Mai musste Zeitlupe-Leserin Elisabeth Arpagaus zügeln. Wer ihren Wohnort kennt, weiss auch warum: Ein Bergsturz bedroht ihr Heimatdorf Brienz/Brinzauls GR. Der Zeitlupe erzählt die 85-Jährige vom unfreiwilligen Umzug, vom Wohnen im Provisorium und von der Hoffnung auf die Rückkehr.

Einen «guten Rutsch» zum Neujahr haben wir in Brienz uns nie gewünscht. Schliesslich war uns schon lange bewusst, dass sich unser Dorf wegen der unstabilen Unterlage abwärts bewegt. Die wachsenden Risse in unseren Häusern zeigten das deutlich. Das Rumpeln des Steinschlags begleitete unseren Alltag. Trotzdem habe ich immer gut geschlafen. Nur ganz zuletzt lag ich manchmal wach und überlegte, was nun auf uns zukommt.

Dass wir unser Dorf wegen des drohenden Felssturzes evakuieren mussten, ist verrückt. Wobei: Auf der Welt gibt es natürlich noch viel Verrückteres mit Kriegen und Katastrophen. Wenn ich von Menschen lese, die wegen eines Erdbebens oder einer Überschwemmung von heute auf morgen das Dach über ihrem Kopf, ihr Hab und Gut und ihre Familie verlieren, denke ich: Wir hier waren wenigstens gewarnt. Und wir werden von der Gemeinde und den Behörden gut begleitet. Eine Hotline beantwortet Fragen und auch finanziell lässt man uns nicht hängen.

Schwierig für Bauern und Familien

Wenn ich an die Brienzer Familien mit Kindern oder an die Bauern denke, die nicht heuen oder ihr Land bebauen können, deren Vieh noch nicht auf der Alp ist – die haben wirklich grössere Sorgen als ich. Meine fünf Kinder sind längst erwachsen, mein Mann verstarb vor über zwanzig Jahren und ich lebe allein. Für mich persönlich ist die Situation kein Drama. Wer wenig hat, hat auch wenig zu verlieren. Aber klar: Die Heimat verliert niemand gern.

Seit Mitte Mai lebe ich unten im Tal in Tiefencastel in einer kleinen Wohnung, die mir eine liebe Kollegin zur Verfügung stellt. Meine Familie half mir beim Umzug und hat viel mehr mitgezügelt, als ich ursprünglich geplant hatte. Heute bin ich froh, habe ich hier mein kleines Lieblingssofa, mein Arvenholzschränklein, meine Bilder und meine Orchideen. So fühle ich mich «chli dihei», das ist schön. Es fehlen oft kleine Dinge wie Gewürze beim Kochen, die ich neu kaufen muss, obwohl sie ja «daheim» stehen würden. Am Pfingstmontag feierte ich meinen 85. Geburtstag – und hatte nicht einmal genug Gläser für meine Gäste.

Von hier unten sehe ich direkt hinauf auf die Felswand. Manchmal sitze ich beim Spazieren auf ein Bänkli oberhalb von Tiefencastel und sinniere. Man darf sich nicht «la gheie», nicht einfach daheim hocken und studieren. Mit meiner Freundin aus Brienz, die jetzt auf der Lenzerheide wohnt, treffe ich mich nun halt in der Mitte zum Spazieren. Und auch am Sonntag in der Kirche sehen wir Brienzerinnen und Brienzer einander – einfach in Alvaneu statt in Brienz.

Seit 58 Jahren in Brienz

Zum Glück habe ich einen «breiten Buckel» und früh gelernt, mit schwierigen Situationen umzugehen. Ich stamme ursprünglich aus dem Luzernischen und war die Älteste von elf Geschwistern. Weil mein Vater früh verunglückte, war ich immer eine Art «Leitkuh» für die Jüngeren. Meinen Mann lernte ich in den Skiferien kennen und lebe unterdessen seit 58 Jahren in Brienz. Hier bin ich verwurzelt, habe nach der Familienzeit als Krankenschwester bei der Spitex und als Samariterlehrerin gearbeitet und bin im Frauenverein.

Am meisten vermisse ich die Aussicht oben in Brienz. Und am schlimmsten ist die Ungewissheit. Wann kommt der Berg? Wie viel Gestein kommt herunter? Was geht kaputt? Wann können wir wieder zurück? An eine Rückkehr glaube ich fest. Im Winter werde ich wieder daheim sein, deshalb habe ich auch meine Winterkleider nicht eingepackt.

© SRF

Heute können wir zum ersten Mal seit drei Wochen für anderthalb Stunden zurück in unsere Häuser. Ich habe ein paar Kleinigkeiten notiert, die ich holen will. Eine Karte für die Hochzeit eines Grosskindes, die Euros für den Ausflug ins Elsass mit meiner Tochter… Ob es schon Mäuse gibt im Haus? Traurig wird sicher sein, dass meine Blumen vor den Fenstern und diejenigen auf unserem schönen Friedhof längst verdorrt sind. Ich verstehe gut, dass manche lieber gar nicht erst nach Brienz fahren möchten.

Danach bleibt uns nichts anderes übrig als zu warten. Die Natur entscheidet, da können wir Menschen nichts machen. Es ist schon seltsam: Früher haben wir in Brienz gebetet, dass der Berg nicht rutscht. Jetzt beten wir dafür, dass er möglichst bald kommt und wir wissen, woran wir sind.

Aufgezeichnet von Annegret Honegger

«Einstein: Brienz rutscht – gelingt die Rettung?»: SRF-Dokumentation über die Situation in Brienz/Brinzauls GR

Beitrag vom 08.06.2023

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