Vom Glück beim Blick zurück

Grosse Dankbarkeit erfüllt Edith Baumgartner-Schärer, wenn sie an ihre Kindheit und ihr harmonisches Elternhaus zurückdenkt. Das Leben der vierfachen Grossmutter aus Gossau SG war geprägt von grossem Glück und dem tragischen Tod ihres geliebten Mannes.

Aufgezeichnet von Annegret Honegger

Umgeben von Bauernhöfen wuchs ich die ersten sieben Jahre im Lerchental ganz im Osten der Stadt St. Gallen auf. Meine früheste Erinnerung ist das Weinen meiner Schwester, die daheim zur Welt kam. Mit meinen drei Jahren machte mir das Geschrei Angst – und ich realisierte schon damals, dass ein kleines Geschwister gleichzeitig etwas Schönes, aber auch eine Konkurrenz ist.

Mein Schulweg über Wiesen und Felder und im Winter durch den hohen Schnee in die Stadt hinein dauerte fast eine Stunde. Heutigen Schulkindern würde man das kaum mehr zumuten. Dabei verpassen sie etwas: Ich erlebte und lernte sehr viel auf diesen einsamen Märschen.

Die weiten Hosen, die ich auf dem Foto von etwa 1943 trug, hatte mir sicher meine Mutter genäht. Sie vollbrachte mit ihrer Pfaff-Nähmaschine – anfangs noch mit Fusspedal – wahre Wunder. Warum ich darunter einen Ball versteckte, weiss ich nicht mehr. Aber ich hatte schon als kleines Mädchen viel Fantasie. Mit meinen Ideen und Spielen konnte ich mich stundenlang allein beschäftigen.

Anno 1943: Edith Baumgartner und ihr Vater im Garten. Sie trägt eine Schleife im Haar. Der Vater sitzt mit freiem Oberkörper auf einem Kinderfahrrad.
© zVg

Mein Vater, mein Held

Mein «Bappe», der auf dem Foto auf meinem Dreirad sitzt, war in meinen Kinderaugen ein Held, der alles wusste und konnte. Als gelernter Automechaniker arbeitete er als Werkstattchef der Grossgarage Grünenfelder in St. Gallen. Er war ein hervorragender Zeichner und Konstrukteur, sehr sportlich und sah zudem gut aus. Ich gab immer mein Bestes, um ihn stolz zu machen. Zeitlebens standen wir uns nah und sind uns auch vom Wesen her ähnlich. Beide haben wir einen starken Willen und sind optimistische Menschen, die gerne leben.

1946, als ich in die zweite Klasse ging, zügelten wir nach Gossau SG. Mein Vater hatte dort an der Hauptstrasse beim Restaurant Sonne eine eigene Garage mit Tankstelle aufbauen können. Seine Anfänge als Gewerbler waren hart. Kein Jahr werde er durchhalten, wetterte der katholische Pfarrer. Bloss weil Vater eine Protestantin geheiratet und uns Kinder reformiert getauft hatte… Welch wichtige Rolle die Konfession damals spielte, kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Reformierte kauften nur bei Reformierten ein und Katholiken bei Katholiken. Es gab sogar zwei verschiedene Schulhäuser.

Der Familienbetrieb bedeutete viel Arbeit. Selbstverständlich packten auch wir Kinder mit an. Beim Autowaschen waren viele Hände nötig, damit es schnell ging. Klingelte es in der Wohnung, musste jemand die Tankstelle bedienen, egal wie spät es war. Ich weiss noch, wie meine Arme vom Pumpen schmerzten, wenn ich einen Diesel-Laster mit hundert Litern befüllen musste. Erst viel später, als wir eine Ablösung einstellten und schliesslich auf Selbstbedienung umstellten, lernten wir einen Feierabend ohne Störungen kennen.

Heimweh in England

Ich hätte gerne Archäologie oder Biologie studiert, aber dafür fehlte daheim das Geld. Meine Eltern ermöglichten mir die Sekundar- und Handelsschule in St. Gallen. Danach ging ich ein Jahr als Au-Pair nach London – und litt! Wie schon als Kind in den seltenen Ferien weg von daheim, hatte ich grosses Heimweh. Jede Woche schrieb ich meinen Eltern, ich wolle nach Hause. Sie befahlen mir zu bleiben – und im Nachhinein bin ich froh, dass ich durchhielt. Jeden Mittwochabend besuchte ich das sogenannte «Schweizer Kränzli» der evangelischen Kirche, wo ich viele andere heimwehkranke junge Frauen aus der Heimat traf.

Danach übernahm ich im Familienbetrieb alles Administrative. Mit meinem Handelsdiplom war ich bestens qualifiziert. Meine Beziehung zu Albert Baumgartner, der schon mein Schulschatz gewesen war, wurde ernster. Wir heirateten, als unsere erste Tochter unterwegs war. Jung Eltern zu werden, kann ich nur empfehlen: Wir unternahmen viel mit unseren beiden Mädchen und diese waren stolz auf ihre aktiven Eltern.

Dass Albert und ich zusammengehörten, war schon in der Primarschule klar. Für die grosse Liebe, die ich mit ihm erfahren durfte, bin ich sehr dankbar. Es mag kitschig klingen, aber wir erlebten «Glück pur». Vielleicht, so denke ich im Nachhinein manchmal, wurde er deshalb so früh aus dem Leben gerissen, weil man nicht einfach immer nur glücklich sein kann… Vielleicht muss man im Leben auch die dunkleren Seiten kennenlernen. Die Zeit, als Albert an Leukämie litt und schliesslich starb, war schlimm. Wer so etwas durchsteht, den haut so leicht nichts mehr um.

Witwe mit 47

Mit 47 Jahren war ich bereits Witwe. Auch die Arbeit in der Garage gab ich auf – zu schmerzhaft waren die Erinnerungen an meinen Mann, der mich immer unterstützt hatte. Die Töchter waren zum Glück schon erwachsen und im Studium. Heute haben beide selbst zwei Kinder und meine älteste Enkelin ist bereits 25. Gerne hätte ich das Wachsen unserer Familie gemeinsam mit meinem Mann erlebt. Heute könnten wir zu einander sagen: «Wir haben es gut gemacht.»

Natürlich ging mein Leben weiter. Ich bin eine, die zupackt und etwas unternimmt. Ich habe viele Interessen und einen grossen Bekanntenkreis. Mit über fünfzig lernte ich das Klettern. Die Freiheit auf dem Berggipfel, wenn sich unter einem das Land ausbreitet, die klare Sicht in die Weite – das ist für mich etwas vom Schönsten. Es tat weh, dieses Hobby gesundheitshalber aufgeben zu müssen. Umso mehr geniesse ich die Aussicht auf den Alpstein aus meiner jetzigen Wohnung. Den Bergen gilt am Abend mein letzter, am Morgen mein erster Blick. Und mein Ziel von zehntausend Schritten täglich erreiche ich auch ohne Bergtouren fast immer!

Von Gossau nach Monte Carlo

Neben den Bergen ist das Glücksspiel eine weitere Leidenschaft. Schon dreimal reiste ich nach Monte Carlo und logierte mit meiner älteren Tochter im Hotel Ermitage, wo früher Clark Gable und Vivien Leigh abstiegen. Man fliegt nach Nizza und weiter mit dem Helikopter – und fühlt sich wie eine Königin. Im Casino setze ich meist auf ungerade Zahlen, am besten passt mir die Sieben. Aufhören kann ich gut, das ist wichtig. Ich erlebe Glückssträhnen und Höhenflüge – aber sobald mein Einsatz weg ist, ist Schluss.

Hier in Gossau fühle ich mich daheim und nie allein, auch wenn ich heute allein lebe. Ich geniesse das Hier und Jetzt, hänge aber auch sehr an meinen Erinnerungen. Unter meinem Spitznamen Speedy Schärbaum habe ich ein Büchlein* über meine Kinder- und Mädchenjahre veröffentlicht. Material für ein zweites hätte ich zuhauf. Wenn ich zurückdenke, erfüllt mich grosse Dankbarkeit. Ein harmonisches Zuhause, wie ich es erleben durfte, gibt Kraft fürs ganze Leben. Wir hatten so wenig und hatten es so schön!

* Die Bücher von Speedy Schärbaum (Edith Baumgartner-Schärer) sind erhältlich über Mail edith.gossau@bluewin.ch:

  • Kinder- und Mädchenjahre im Fürstenland. 2007, 56 Seiten, CHF 24.-.
  • Gedichte. 2009, 63 Seiten, CHF 24.-.

Mehr Porträts aus früheren Zeiten unter zeitlupe.ch/anno-dazumal

Beitrag vom 09.06.2022

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