Das Bad am Sonntagnachmittag

Sigi Brügger aus Luzern erinnert sich an die Besuche mit der Familie bei den Grosseltern – etwa beim «Bädele» im Sommer 1969.

Im Garten der Grosseltern im Zuber zu baden, war für unsere Kinder im Sommer ein herrliches Vergnügen: Hier konnten sie nach Herzenslust planschen und eine volle «Wanne» ganz für sich allein beanspruchen! Sie genossen die Abkühlung im Wasser und wir Eltern durften dank der Unterstützung von Grossmami und Grosspapi etwas «verschnuufe». 1969, als das Foto entstand, schätzten wir die Entlastung besonders, da zu dieser Zeit Urs‘ und Claudias kleine Schwester zur Welt kam.

Das waren noch Zeiten: Zwei Kinder in Blechbadewanne und Plastikeimer baden im Garten.
© zVg

Unsere vier Kinder hatten alle ein sehr schönes und enges Verhältnis zu den Grosseltern mütterlicherseits. Diese wohnten wie wir in Luzern und wir besuchten sie fast jedes Wochenende. Die Kinder flitzten mit dem Trottinett herum und konnten auf der Wiese neben dem Haus ungestört herumtollen. Dort spielten bei unseren Besuchen jeweils alle drei Generationen zusammen Fussball oder Federball.

Bei den Grosseltern stand mehr Platz zur Verfügung als um den Block, in dem wir nach unserer Hochzeit 1965 wohnten. «Bundeshaus» nannte man das Haus, weil die Genossenschaft eidgenössischen Beamten vorbehalten war, also Telefönlern, Pöstlern oder Zöllnern. Ich erinnere mich gut an Frau Hübscher, die im Parterre neben dem einzigen Telefonanschluss im Haus wohnte. Klingelte es, hob sie ab und läutete dann bei den Nachbarn, für die der Anruf bestimmt war… Meine Frau und ich arbeiteten beide bei der Post, so lernten wir uns kennen. Ich begleitete sie jeweils nach Arbeitsschluss nach Hause – und eines Abends machte es klick. Bereut haben wir das in den letzten 55 gemeinsamen Jahren nie.

Als die Kinder kamen, gab meine Frau den Beruf auf und blieb zu Hause. Uns war wichtig, dass immer jemand zu den Kindern schaute. Da ich bis zum Abteilungsleiter Kundendienst bei der Kreispostdirektion aufstieg, konnten wir uns dies zum Glück leisten – auch weil wir bescheiden lebten und mit wenig zufrieden waren. Grosse Reisen oder Ferien im Ausland reizten uns nie. Selbst unsere Hochzeitsreise führte einfach ins Bündnerland.

Bei der Post konnte ich viele interessante Entwicklungen miterleben. Als etwa die erste Frau Postchefin wurde und damit in eine Männerdomäne vordrang, galt dies als Sensation. Ich engagierte mich stark in der Gewerkschaft – eine Erfahrung, die mich prägte. Dort lernte ich, vor einem grossen Publikum aufzutreten und Reden zu halten. Die Post unterstützte diese Tätigkeit und ermöglichte mir verschiedene Weiterbildungen.

Heute sehe ich mit Bedauern, wie sich Gewerkschaften und Arbeitgeber bekämpfen. Früher war dieses Verhältnis viel kameradschaftlicher und die gegenseitige Wertschätzung gross. Nach den Sitzungen gingen beide Parteien jeweils zusammen jassen! Auch beim Filialnetz hat sich viel verändert. Die Schliessung so vieler Poststellen schmerzt, aber ich verstehe sie: Unter den heutigen Bedingungen könnten sie kaum rentieren.

Das «Pöstler-Gen» haben meine Frau und ich wohl weitervererbt: Auch unsere Tochter wurde Pöstlerin und heiratete einen Pöstler. In der Filiale des Schwiegersohns packte ich nach der Pensionierung nochmals mit an – nach Jahren im Büro als Abteilungsleiter musste er mich fast neu anlernen, so vieles hatte sich unterdessen an der Basis verändert.

Auf die Frühpensionierung hin absolvierte ich einen Theologie-Kurs für Laien. Religion hatte mich schon immer interessiert und die kritische Auseinandersetzung mit dem Glauben war spannend und bereichernd. Seither helfe ich in unserer Kirchgemeinde aus, das gefällt mir rüüdig. Und bei den Leuten kommt gut an, dass ich einer bin, der auch Zweifel kennt und dass ich ohne Fremdwörter sage, wozu ich stehen kann.

Auch geschrieben habe ich immer gern: Früher verantwortete ich das «Chäsblettli» unserer Kreispostdirektion und einige meiner Geschichten erschienen im gelben Heft, im Vaterland und sogar in der NZZ. Derzeit schreibe ich meine Lebenserinnerungen nieder, gestützt auf vierzig Jahre stichwortartige Tagebuchnotizen. Alles nochmals Revue passieren zu lassen, empfinde ich als sehr befriedigend. Und ich darf im Rückblick sagen: Ich hatte von A bis Z ein gutes Leben.

Bereits mit 50 und 53 Jahren wurden meine Frau und ich Grosseltern – in einem Alter, da man dies noch richtig geniessen kann. Wie die Eltern meiner Frau zu Zeiten des Fotos, so schätzen auch wir die schönen Beziehungen zu unseren neun Enkelkindern sehr. Unterdessen ist die Älteste 28, die Jüngste 11 Jahre alt. Normalerweise sehen wir uns oft und stehen jederzeit zur Verfügung, wenn die Jungen Unterstützung brauchen.

Einander im letzten Jahr kaum mehr zu sehen, war schon traurig. Wir telefonierten häufig oder trafen uns ab und zu im Garten. Alle hatten Respekt vor dem Virus und verhielten sich vorsichtig. Auch die Treffen im Turnverein oder im Kirchenchor, die plötzlich wegfielen, fehlten uns. Zum Glück sind wir zu zweit, das macht es leichter. Kürzlich konnten wir dank der Impfung unser wöchentliches Zmittagkochen bei den Enkeln wieder aufnehmen. Jetzt hoffen wir, dass es jetzt auch mit den Vereinstreffen wieder losgehen kann – und dass der Zusammenhalt wieder so gut wird wie vor der grossen Corona-Pause.

Aufgezeichnet von Annegret Honegger


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