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Vortrag: «Zwischen Anti-Ageing und Palliative Care»

Für seine Vortragsreihe konnte der Verein Palliativ Zug den erfahrenen Alters- und Palliativ-Mediziner Roland Kunz gewinnen. Das Referat mit dem provokativen Titel findet am 13. September in Zug statt.

«Das Leben ist nicht unendlich – auch wenn uns das die moderne Medizin manchmal glauben macht», sagt Rita Fasler. Die Geschäftsführerin des Vereins Palliativ Zug betont deshalb: «Es ist wichtig, dass man sich mit seiner Endlichkeit beschäftigt.» Allen Menschen, egal welchen Alters, rät sie, ab und zu innezuhalten und über Sterben und Tod nachzudenken.

Die Erfahrung ihrer Beratungsstelle zeige deutlich: Wer sich bewusst sei, dass das Leben früher oder später zum Tod führe, habe es am Lebensende leichter als diejenigen, die das Thema verdrängen. Auch den Angehörigen ermögliche eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Sterben ein leichteres Loslassen und einen einfacheren Umgang mit ihrer Trauer.

Der Verein Palliativ Zug engagiert sich für Menschen mit unheilbaren, lebensbedrohlichen und chronisch fortgeschrittenen Krankheiten, deren Heilung nicht mehr das Hauptziel darstellt. Patientinnen und Patienten sollen Zugang zur palliativen Medizin erlangen, die sie so betreut und behandelt, dass sie möglichst viel Lebensqualität und Selbstbestimmung erlangen. Ziel dabei ist gemäss Rita Fasler ein Leben in Würde, bis zuletzt. Sie zitiert den berühmten Satz der englischen Krankenschwester und Palliativ-Pionierin Cicely Saunders: «Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben zu geben.»

Gestorben wird heute selbstbestimmt

Am 13. September 2021 spricht im Rahmen der von Palliativ Zug veranstalteten Vortragsreihe zum Thema «Endlichkeit – das Leben zelebrieren» ein Pionier der Palliativen Altersmedizin der Schweiz: Dr. med. Roland Kunz, Facharzt Geriatrie und Palliative Care am Stadtspital Waid und Triemli in Zürich. Zusammen mit dem Theologen und Ethiker Heinz Rüegger hat Roland Kunz das Standardwerk «Über das selbstbestimmte Sterben» verfasst, das sich nicht nur an medizinische Fachleute, sondern auch an Betroffene und deren Angehörige richtet.

Darin zeigen die Autoren, wie sich unser Verhältnis zum Sterben in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Früher war der Tod ein Schicksal, das einen fast jederzeit ereilen konnte und gegen das man kaum etwas auszurichten vermochte. Heute ist dies anders: Weil der Medizin in vielen Situationen lebenserhaltende und lebensverlängernde Möglichkeiten zur Verfügung stehen, schiebt sie das Sterben immer weiter hinaus. Dies bringt den Menschen zwar mehr Freiheit, weckt aber auch die Erwartung, dass der Medizin kaum mehr Grenzen gesetzt seien.

Gestorben wird folglich nicht mehr zufällig, sondern mehr und mehr selbstbestimmt. Die Buchautoren betonen: «Selbstbestimmtes Sterben ist heute der neue Normalfall des Sterbens.» Ein Normalfall, der sich täglich in Familien, Spitälern, Heimen und Hospizen zeigt und Ärztinnen, Pflegende, Sterbende und Angehörige gleichermassen fordert.

Schwierige Entscheidungen am Lebensende

Der selbstbestimmte Tod bringt es mit sich, dass am Lebensende oft schwierige Entscheidungen zu treffen sind. Etwa welche Behandlungen man noch wünscht und welche man ablehnt. Möchte man auf heilende medizinische Therapien verzichten zugunsten von lindernden Massnahmen, die den Sterbeprozess erleichtern?

In der Schweiz, so zeigte eine Studie, sterben Menschen in über der Hälfte aller Fälle erst nachdem entschieden wurde, bewusst auf medizinische Interventionen zu verzichten, welche sie am Leben erhalten könnten. Der Untertitel des Buches von Heinz Rüegger und Roland Kunz lautet denn auch «Zwischen Freiheit, Verantwortung und Überforderung.»

Um sich auf solche Situationen vorzubereiten, rät Roland Kunz dasselbe wie Rita Fasler von Palliativ Zug: «Jeder und jede sollte sich ab und zu mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen.» Mit seinem Vortrag «Altersmedizin: Zwischen Anti-Ageing und Palliative Care» möchte der Mediziner sein Publikum genau zu dieser Beschäftigung mit dem eigenen Älterwerden und Lebensende ermuntern. Er stellt Fragen wie: Soll man das Alter verdrängen – oder versuchen, den Prozess mit Anti-Ageing-Massnahmen möglichst lange aufzuhalten? Wie stelle ich mir vor zu sterben? In welchen Situationen möchte ich auf lebensverlängernde Massnahmen verzichten und stattdessen mit Palliative Care begleitet die Lebensqualität in der mir verbleibenden Zeit ins Zentrum stellen?


  • Der Verein Palliativ Zug führt eine Beratungsstelle für Betroffene, Angehörige und Fachpersonen, informiert die Öffentlichkeit mit Veranstaltungen zum Thema und vernetzt alle Anbieter von Palliative Care im Kanton Zug. www.palliativ-zug.ch

Was ist Palliative Care?

Palliative Care (von lateinisch palliare, «mit einem Mantel bedecken» und englisch care, «Pflege, Aufmerksamkeit») umfasst die Betreuung und die Behandlung von Menschen mit unheilbaren, lebensbedrohlichen oder chronisch fortschreitenden Krankheiten. Die Heilung der Krankheit stellt dabei kein primäres Ziel (mehr) dar, sondern es soll eine der Situation der Patient/innen angepasste optimale Lebensqualität bis zum Tod gewährleistet werden. Auch die nahestehenden Bezugspersonen werden einbezogen und unterstützt. Palliative Care schliesst medizinische Behandlungen, pflegerische Interventionen sowie psychologische, soziale und spirituelle Hilfe ein.

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