© zVg Familie Aepli

Es war ein reiches Leben

Beat Aepli-Lehner starb am 7. Juni 2021, nachdem er zwölf Tage lang nichts mehr gegessen und getrunken hatte. Der 91-Jährige ging den Weg des Sterbefastens. Er und seine Familie liessen die Zeitlupe an dieser intensiven Erfahrung teilhaben. 

 Text: Usch Vollenwyder, Fotos: zVg Familie Aepli

Letzte Nacht habe er im Traum gegessen. Ein feines Dessert. Dann sei er erwacht. Beat Aepli lächelt bei der Erinnerung. Es ist der achte Tag, seit er aufgehört hat zu essen und zu trinken. Friedlich liegt er in einem blauen T-Shirt und Trainerhose auf dem mit sonnenblumengelber Wäsche bezogenen Bett. Seine Stimme ist leise geworden, das Sprechen fällt ihm schwerer, doch der Blick ist wach und interessiert. Er sei zufrieden, es gehe ihm gut, sagt Beat Aepli. Ausruhen wolle er sich jetzt nicht. «Wenn ich die Augen schliesse, schlafe ich ein. Und ich möchte gern weiterreden.» 

Und so redet Beat Aepli weiter. Er sei jetzt 91 und habe viel erlebt – beruflich, freundschaftlich und vor allem familiär. «Es war ein reiches Leben. Ich hatte so viel Gutes.» Dabei sei nicht alles nur einfach gewesen. «Aber ich habe alles überstanden.» Doch jetzt sei genug, die Schmerzen seien kaum noch zu ertragen, und er möchte nicht ins Spital und auch nicht in ein Heim. Er will sterben. Den Gedanken an Exit verwarf Beat Aepli schnell wieder. Das sei nicht sein Weg. «Aber aufs Essen und Trinken zu verzichten, fällt mir nicht schwer. Ich habe weder Hunger noch Durst.»

«Ich habe weder Hunger noch Durst.»

Beat Aepli

Trudy Aepli weiss noch genau, wie ihr Mann ihr eröffnet hatte, dass er seine verschiedenen Medikamente nicht mehr einnehmen würde. Er werde auch nicht mehr essen und trinken, bis er sterbe. «Trägst du diesen Entscheid mit?» Trudy Aepli umarmte ihren Mann, ging ins Badezimmer, setzte sich auf den Badewannenrand und weinte hemmungslos. Schweren Herzens und wie im Traum habe sie danach die Mittwochmorgenmesse besucht und Kraft bei ihren Schutzpatroninnen gesucht. Wie oft hatte sie Hildegard von Bingen gebeten, ihr Mann möge doch von seinen grossen Schmerzen erlöst werden. Aber so? Das hatte sie sich und ihm nicht gewünscht.

Alternative: Sterbefasten

Was umgangssprachlich «Sterbefasten» genannt wird, heisst in der Fachsprache «Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit», kurz FVNF. Es ist der bewusste Entscheid, auf Essen und Trinken zu verzichten, um zu sterben oder das Sterben zu beschleunigen. FVNF gilt zunehmend als Möglichkeit für Menschen, die – aus verschiedensten Gründen – ihren Lebensweg selbstbestimmt zu Ende gehen wollen und dabei den vorzeitigen Tod akzeptieren. Untersuchungen deuten darauf hin, dass gegen zwei Prozent aller Sterbefälle auf FVNF zurückzuführen sind. Die Dunkelziffer liegt vermutlich deutlich höher.

Sterbefasten ist weltweit und oft seit Jahrhunderten in vielen Kulturen bekannt. In frühen Zeiten zogen sich Menschen ohne Nahrung und Flüssigkeit von ihren Gemeinschaften zurück. In der Antike galt Sterbefasten als Todesart der Philosophen. Es gibt Religionen, in denen der Verzicht auf Essen und Trinken vor dem Tod bis heute nichts Ungewöhnliches ist. Auch in westlichen Gesellschaften verweigern Menschen in der letzten Lebensphase oft die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme. Wissenschaftliche Untersuchungen darüber gibt es kaum. Erst seit wenigen Jahren forscht eine Arbeitsgruppe um Prof. André Fringer von der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften zum Thema (siehe Interview).

Ein Unfall und viele Operationen 

Trudy und Beat Aepli-Lehner lernten sich 1957 an einem Pfarreifest in St. Gallen kennen. Er war 27 Jahre alt, sie 21. Beide waren in einem katholischen Milieu aufgewachsen und engagiert in der Kirche. Sie wusste sofort: «Er ist der Richtige.» Trotzdem hätte es ihr mit der Ehe noch nicht pressiert, er hingegen wollte möglichst bald eine Familie haben. 1958 heirateten sie. Elf Monate später kam Tochter Antonia zur Welt, danach Simone, drei Jahre später Sohn Thomas und als Jüngste Beata. Zusammen führte das Ehepaar ein Geschäft für Bürobedarf in Arbon am Bodensee.

Beat Aepli hatte ein reiches, wenn auch nicht immer einfaches Leben. 1958 heirateten er und Trudy Lehner. Gemeinsam zogen sie vier Kinder gross. Die Nähe des Bodensees lockte Beat Aepli sein Leben lang. Den 90. Geburtstag feierte er im Kreis seiner Familie.

Vor zwei Jahren hatte Beat Aepli einen Unfall mit dem E-Bike. Eine Hüftoperation, Reha, Physiotherapien, viele Rückschläge und ständige Schmerzen folgten. Zuvor hatte sich Beat Aepli bereits einer Herz- und einer Blasenoperation unterziehen müssen. Verschiedene Medikamente sollten ihm durch den Alltag helfen. Im Frühling stürzte er über einen Trottoirrand. Beat Aepli fasst den Entschluss: «Es ist gut. Die Zeit zum Sterben ist gekommen.»

«63 Jahre waren wir verheiratet», sagt Trudy Aepli. «Es gab nicht nur Sonnenschein.» Doch immer hätten sie miteinander geredet und den Weg wieder gefunden. Zwei Löwen seien sie im Sternzeichen, beide stark und unabhängig. Darum wusste sie auch gleich, dass sie ihren Mann bei seinem Entschluss nicht würde umstimmen können. Sie versprach ihm ihre Unterstützung. Beat Aepli selber ist überzeugt: «Ich hätte mich von meinem Entscheid nicht abbringen lassen. So viel Kraft hätte ich aufgebracht.» Tochter Simone bestätigt: «Es war beeindruckend, wie niemand in seinem Umkreis versucht hat, Beat zum Essen und Trinken zu überreden.» 

«Es war beeindruckend, wie niemand aus seinem Umkreis versucht hat, Beat zum Essen und Trinken zu überreden.»

Tochter Simone 

Zum letzten Mittagessen bereitet Trudy Aepli Felchenfilets zu – das Lieblingsessen ihres Mannes. Die jüngste Tochter Beata kommt zu Besuch, noch ahnungslos, eine Flasche Rosé wird geöffnet. Die Unterhaltung am Familientisch ist wie immer, Beat hat Appetit. Dann steht er auf und sagt: «Das war meine letzte Mahlzeit.» Er mache jetzt seinen Mittagsschlaf. Mutter und Tochter nehmen einander in die Arme, weinen. Am Nachmittag informiert Beat Aepli seine drei anderen Kinder über seinen Entscheid und vereinbart einen Termin noch gleichentags bei seinem langjährigen Hausarzt und Freund.

«Ich respektiere deine Entscheidung und unterstütze dich», habe der Arzt gesagt und ihrem Mann und ihr viel Kraft gewünscht, erzählt Trudy Aepli. Es komme eine harte Zeit auf sie zu. Die Spitex wurde beigezogen. Iris Hofmann, Fachfrau Palliativpflege, erinnert sich an diese erste Kontaktaufnahme. Dass sie jemanden begleiten würde, der sich so bewusst für den Verzicht von Nahrung und Flüssigkeit aussprach, war für sie eine neue Erfahrung. Sie las sich ins Thema ein und bereitete ihren Einsatz vor. Ihr Wissen und ihre langjährige Erfahrung halfen ihr, auch dieser Situation unvoreingenommen und offen zu begegnen. 

Selbstverständlich habe sie sich Gedanken über Beat Aeplis Entscheid gemacht, bestätigt Iris Hofmann. Sie habe ihn aber nie infrage gestellt, sondern als Therapieabbruch betrachtet, der auch in anderen Situationen vielfach in den Sterbeprozess übergeht. «Als Spitex-Mitarbeitende sind wir Gast bei unseren Klientinnen und Klienten», sagt Evelyn Schwab, Geschäftsleiterin der Spitex Region-Arbon. «Diese bleiben frei in ihren Entscheidungen, wir unterstützen und begleiten sie auf ihrem Weg.» Sollte sich Sterbefasten als Möglichkeit der Lebensbeendigung in der Gesellschaft etablieren, sei das auch für die Spitex eine Herausforderung: «Die Spitex muss in einem gemeinsamen Prozess im Team eine Haltung dazu entwickeln. Dabei steht die Autonomie des Klienten oder der Klientin an oberster Stelle.»

Iris Hofmann realisierte bald, dass sich ihre Aufgaben bei der palliativen Betreuung eines Sterbefastenden kaum von einer üblichen Palliativbegleitung unterscheidet. Dass bei Aeplis von Anfang an sachlich und rational über die bevorstehenden Tage geredet wurde, machte es für sie leichter, auf die Bedürfnisse der Familie einzugehen. Der Entscheid war getroffen, die Fakten lagen auf dem Tisch. Es galt nur noch, alle Eventualitäten zu bedenken und zu besprechen: eine gute Schmerztherapie, mögliche Unruhe- und Verwirrtheitsphasen, Anordnungen aus der Patientenverfügung oder Grenzen der Betreuung zu Hause. 

«63 Jahre waren wir verheiratet. Es gab nicht nur Sonnenschein, aber immer einen Weg.»

Trudy Aepli 

Im Rückblick erachtet Iris Hofmann die Begleitung von Beat Aepli als intensive, gute Erfahrung. Der Sterbende selber, die Familie und Freunde, die Spitex-Mitarbeiterinnen und die Entlastungsdienste – für die letzten drei Nächte hatten Sohn Thomas und Tochter Antonia eine Sitzwache organisiert – arbeiteten Hand in Hand. Die Familie spricht voller Dankbarkeit von der kompetenten Betreuung und Pflege, von der Zuwendung und Präsenz der Spitex-Dienste. Auch dank ihr kann Beat Aepli seine letzten Tage bewusst gestalten. Er bleibt dabei zufrieden, heiter und gelassen. Er ruft seine Verwandten und Freunde an: «Kommt vorbei, ich möchte mich verabschieden.»

Zum Weinen schöne Begegnungen 

Sein Patenkind telefoniert aus den Ferien in Italien. Die Enkelkinder besuchen ihn mit den Urenkeln und sagen ihm Adieu. Die drei Töchter und der Sohn begleiten ihn. Seine Frau Trudy ist an seiner Seite. Der Diakon der Gemeinde feiert mit ihm Gottesdienst und segnet ihn mit der Krankensalbung. Am Freitag vor seinem Tod singt die Familie an seinem Bett «Ubi caritas» – wo Liebe und Güte sind, da wohnt Gott. Am nächsten Tag versöhnt er sich mit einem langjährigen Freundespaar, mit dem er vor zehn Jahren den Kontakt abgebrochen hatte. «Mein Mann strahlte», erinnert sich Trudy Aepli bewegt.

Ausruhen und die Augen schliessen mochte Beat Aepli nicht. Er wollte wach bleiben und von seiner Familie, seinen Freunden und Bekannten bewusst Abschied nehmen. © zVg Familie Aepli

«Ich erlebe Begegnungen, die sind zum Weinen schön», sagt Beat Aepli vier Tage vor seinem Tod. Angst hat er keine. Er denkt, dass er in den Himmel aufgenommen wird. Wie es dort oben aussieht und ob er seine Liebsten wiedersehen wird, darüber habe er nicht viel nachgedacht. «Aber es kommt sicher gut.» Der letzte der neun Enkel kommt am Vorabend seines Todes. Zwanzig Minuten sitzt er am Bett des Grossvaters. Es ist das letzte Mal, dass Beat Aepli redet. Alles ist geklärt. Auch die finanziellen Fragen sind längst geregelt, das Testament gemacht. Die Beerdigung ist geplant. Die Musik sollen seine Kinder auswählen. Zum Mittagessen sind alle eingeladen. 

Es ist Sonntag, der 6. Juni 2021. Beat Aepli schläft, manchmal öffnet er die Augen, lange schaut er seine Frau an, dann geht sein Blick zum Fenster hinaus. Seine vier Kinder sind da. Es herrscht eine ruhige, andächtige Stimmung. Am Abend gehen Sohn und Töchter nach Hause. Die Nachtwache kommt. Kurz nach Mitternacht stirbt Beat Aepli. Seine Frau ist bei ihm. 

Einen Monat später sagt Trudy Aepli, dass sie während dieser Tage nie an ihre Zukunft und an sich selber gedacht habe. «Ich konnte mir nicht vorstellen, wie sehr mir Beat fehlen würde. Er ist einfach nicht mehr da.» Einen Augenblick überlegt sie, dann sagt sie mit fester Stimme: «Trotzdem würde ich ihn auf seinem Weg wieder unterstützen. Seine Schmerzen mitansehen zu müssen, zerriss mir manchmal fast das Herz.» Die Geschwister Aepli sind sich einig, dass traurige und gleichzeitig erfüllte Tage hinter ihnen liegen. Und eine intensive, gemeinsame Erfahrung, die sie nicht mehr missen möchten. ❋

«Es braucht den Konsens aller Beteiligten»

Prof.Dr. André Fringer

© Markus Mallaun

Sterbefastende brauchen einen starken Willen, ein unterstützendes Umfeld und palliative Pflege. Der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) muss gut organisiert werden.

Lesen Sie hier das Experten-Interview mit André Fringer.


  • Buch: Kaufmann/Trachsel/Walther: Sterbefasten. Fallbeispiele zur Diskussion über den Freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2020, 128 S., ca. CHF 27.–
  • Internet: sterbefasten.org
  • Hat Sie diese Geschichte berührt? Haben Sie Ähnliches erlebt? Dann schreiben Sie doch einen Kommentar dazu. Wir würden uns freuen.

Beitrag vom 03.08.2021
  • Esther Simeon sagt:

    «Es war ein reiches Leben»
    Ich lese gerne die Zeitlupe, weil die Artikel mich bereichern, mich aufstellen, mir auch Freude vermitteln und aufzeigen wie Seniorinnen und Senioren das Alter gestalten und oft auch grossartig meistern.
    Dass man sein Lebensende auch aus freiem Willen beenden kann und darf, ist mir klar. Dafür gibt es etliche Möglichkeiten. Dass man die Art und Weise, wie im Artikel geschildert, auch «zelebrieren kann», hat mich aufgewühlt. Ich habe mich gewundert, dass die Zeitlupe bei diesem Journalismus des» Voyertums» mitmacht. Das hat mich enttäuscht. Aufgewühlt hat mich vor allem das Foto des Abschiednehmens. Muss man solch intime Situationen mit einer breiten Leserschaft teilen? Da kann ich nur traurig werden und den Kopf schütteln.
    Der ganze Artikel wirft noch etliche Fragen auf. Ich brauche aber keine Antworten, weil ich weiss, dass es etliche seriöse Ansprechstellen gibt, die mir bei einem begleiteten Sterben helfen und beistehen würden.
    Ich wünsche mir aber weiterhin eine Zeitlupe, die mir Freude am Leben vermittelt.
    Allegra aus Trun!

  • vogt erika sagt:

    ein entfernter bekannter ist vor jahren diesen weg gegangen, der mir bis dahin unbekannt war, indem er sich an selbst an einen baum fesselte und ganz alleine tagelang starb. er hatte ein äusserst schwieriges leben gehabt und wollte wohl den «dämonen» seiner vergangenheit, die ihn tagtäglich plagten, ein ende setzen. wir waren alle sehr betroffen, als wir davon erfuhren.

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