1955: Zwischen Kunstschule und Kloster
Als junge Frau liebte ich es zu tanzen, das sieht man auch auf dem Foto. Vielleicht bin ich deshalb mit fast 95 noch so beweglich? Das Bild hatte ich längst vergessen – mein Neffe suchte es anlässlich der Ausstellung über mich hier in Müstair heraus (s.Textende). Es freut mich, dass meine Kunst dem Publikum gefällt. Doch als uralte Frau plötzlich so im Mittelpunkt zu stehen, ist ungewohnt.
Zur Zeit der Aufnahme war ich Studentin an der Zürcher Kunstgewerbeschule. Eigentlich nur, weil ich noch zu jung war, um Krankenschwester zu werden. Aber ich blieb hängen, spezialisierte mich aufs wissenschaftliche Zeichnen und arbeitete nach meinem Abschluss für die Uni und die ETH. Später lebte ich ein Jahr als Illustratorin in Paris und bildete mich an der Kunstakademie weiter.

Heiraten oder ins Kloster?
Doch schon als Kind hatte ich die Idee, «Klosterfrau» zu werden. Unser Au-pair-Mädchen wählte diesen Weg und erzählte mir viel davon. Als Teenagerin beeindruckten mich später die Schwestern im Pensionat La Chassotte in Fribourg, wo ich nach der Sekundarschule mein Französisch perfektionierte.

Der Gedanke, mein Leben ganz Gott zu widmen, blieb bestehen. Ich hatte einen lieben Freund und konnte mir beides vorstellen, Kloster oder Heirat. Da sagte mir auf einem Ausflug nach Müstair in der Kirche plötzlich eine Stimme: «Hier sollst du mir dienen.» Umgehend meldete ich mich an und aus Johanna Willi wurde schliesslich Schwester Pia.
Die ersten Jahre im Kloster waren hart. An den durchgetakteten Tagesablauf, die Trennung von der Familie und an die körperliche Arbeit musste ich mich erst gewöhnen. Die Novizenmeisterin war besonders streng, weil alle dachten, diese Zürcherin halte es sowieso nicht lange aus im abgelegenen Münstertal unter so vielen Bündnerinnen. Ich musste putzen, putzen, putzen. Die Kirche, die Kreuzgänge, den Schlafsaal. War ich erschöpft, hiess es, ich sei einfach faul. Ans Zeichnen und Malen konnte ich nicht einmal denken, obwohl ich etwas naiv mit Stiften und Pinseln angereist war.
In den ersten Jahren verliess ich das Kloster kaum. In der Klausur konzentrieren wir uns aufs Gebet, auf die Stille und auf Gott. Selbst mit Besuchen aus der Familie durften wir damals nur durch ein Gitter sprechen. Zudem waren die Gebäude in schlechtem Zustand – Schwester Theresia schlief bei Regen jeweils unter einem Schirm. Doch all dies konnte meine innere Überzeugung nicht erschüttern, dass ich genau hierher gehörte. Hätte ich aufgegeben, wäre ich mir und meiner Berufung untreu geworden. So hielt ich durch – und bin bis heute froh darüber.
Priorin für 26 Jahre
Nach meinen ewigen Gelübden mit 31 Jahren arbeitete ich viele Jahre in der Trachtenstickerei, die im Kloster Müstair Tradition hat. Auf der Rückseite meiner Zeichnungen aus dem Studium entwarf ich Blumenmotive für Engadiner Festtagstrachten. So konnte ich mein Talent zum Wohle aller einbringen.
Mit 55 wählten mich meine Mitschwestern zur Priorin – ein Amt, das ich 26 Jahre ausüben durfte, obwohl man eigentlich mit 75 zurücktreten müsste. Es waren turbulente, aber auch hochinteressante Zeiten. 1983 hatte die Unesco unser Kloster ins Weltkulturerbe aufgenommen, sehr zum Erstaunen von uns Schwestern. Doch diese Ehre bedeutet auch viel Verantwortung.
Mir oblag es, die umfangreichen Renovationen und Restaurationen mit den Architekten und Denkmalpflegern zu begleiten. Meine Ausbildung kam mir dabei sehr zugute. Und für unsere Sammelaktionen begann ich, Szenen aus unserem Klosteralltag zu zeichnen, die bis heute gut ankommen.
Einen Ruhestand gibt es nicht
Für unsere Gemeinschaft waren diese Veränderungen, die auch mehr Touristen nach Müstair brachten, anspruchsvoll. Immer wieder mussten wir uns anpassen, unsere Lebensweise aber auch schützen. Das führte zu vielen Gesprächen und Diskussionen. Heute sind wir offener, auch bezüglich des Gehorsams, der früher über allem stand. Was wir tun, tun wir gern – aus Liebe zu Gott und zu Jesus.
Pensioniert werden wir im Kloster nicht. Wir arbeiten, so lange und so gut es geht. Ganz nach unserem benediktinischen Motto «ora et labora», bete und arbeite. Ich bin in der Betreuung unserer Gäste tätig, leiste Dienst an der Klosterpforte oder beantworte Briefe. Und bald zeichne ich wieder die Motive für unsere Weihnachtskarten.

Acht Schwestern sind wir heute noch. Auch die beiden, die wir «die Jungen» nennen, sind bereits über sechzig. Natürlich machen wir uns Gedanken über die Zukunft. Denn es ist wichtig, dass wir Benediktinerinnen hier im Kloster leben und beten. Ohne uns wären die Gebäude bloss leblose Mauern.
Die 1250-jährige Geschichte unseres Klosters macht Mut. Im 16. Jahrhundert etwa gab es nur vier Schwestern – bis es im 17. Jahrhundert wieder aufwärts ging. So vertraue ich darauf, dass es auch dieses Mal gut kommt.
Aufgezeichnet von Annegret Honegger
«Pia Willi. Kunst und Kloster» in Müstair
Im Fokus der Retrospektive auf das Schaffen der Künstlerin, Textilgestalterin und ehemaligen Priorin Schwester Pia Willi stehen zeichnerische Arbeiten aus drei Schaffensperioden im Spannungsfeld zwischen Klosterleben und Kunstschaffen. Erstmals werden Zeichnungen aus den Studienjahren an der Kunstgewerbeschule Zürich und der Kunstakademie André Lhote in Paris gezeigt, ebenso wie Entwürfe für Trachtenstickereien und die beliebten «Willi-Karten» mit Motiven aus dem Klosterleben. Die Stickereientwürfe von Schwester Pia prägten über vier Jahrzehnte das Brauchtum im Engadin und darüber hinaus. Schätzungsweise 800 bis 1000 Trachten mit Stickereien sind in diesem Zeitraum und nach ihren Entwürfen entstanden.
«Pia Willi. Kunst und Kloster»: Die Ausstellung im Museum des Klosters Müstair dauert noch bis Ostern 2027.


Werke der jungen Pia Willi: Ein Aquarell im Stil von Paul Klee und ein Stillleben, entstanden bei Ernst Gubler, Gouache, 1950-1955 © Pia Willi



Im Kloster Müstair widmete sich Schwester Pia viele Jahre der Trachtenstickerei © zVg


Pia Willi zeichnet bis heute ab und zu Szenen aus ihrem Alltag. © Pia Willi
Interview Priorin Irene Gassmann: Im Kloster Fahr rauscht die Limmat auf der einen, die Autobahn auf der anderen Seite. Es ist ein Ort der Beständigkeit wie auch der Bewegung. Priorin Irene Gassmann pflegt ein grosses Erbe aus der Vergangenheit mit viel Hoffnung für die Zukunft.
Vierstimmiges Abendgebet im Kloster Fahr
Im Benediktinerinnen-Kloster Fahr im Zürcher Limmattal singen Laien und Klosterfrauen einmal pro Monat gemeinsam das Abendlob. Auch Zuhörende sind herzlich willkommen.
Sechs gemeinsame Gebete strukturieren den Klostertag. Zu den wichtigsten gehört die Vesper, das Abendlob. Sie ist Teil der grossen Liturgie, die rund um die Welt täglich gefeiert wird. Dabei wird Gott mit Psalmen, Hymnen und Gebeten gelobt, das eigene Menschsein genährt und erleuchtet. Eine Auslegung der Bibel vertieft die Gotteserkenntnis.
Die Bezeichnung Vesper stammt vom Wort «hesperos» für Abendstern. Wenn die Sonne untergeht, wird des Todes Jesu gedacht, dessen Licht leuchtet, auch wenn es dunkel wird. Beim Gebet legen die Nonnen den vergangenen Tag in Gottes Hände und lassen ihn los.
Im Benediktinerinnen-Kloster Fahr in Würenlos AG sind Interessierte an einem Sonntag im Monat zum Mitsingen oder zum hörenden Dasein eingeladen. Das vierstimmige Abendgebet wird von den Benediktinerinnen und Kirchenmusiker Philippe Frey gestaltet. Wer mitsingen möchte, kommt eine halbe Stunde vor Beginn zum Einsingen.
Die nächsten vierstimmigen Abendgebete zum Mitsingen und Miterleben finden am 11. Oktober, 8. November und 13. Dezember 2026 statt.