© Sonja Ruckstuhl

«Ich habe mich nie bremsen oder verbiegen lassen»

Psychotherapeutin Julia Onken ist eine streitbare Kämpferin. Sie setzt sich unermüdlich für die Würde von Menschen ein, insbesondere für die Rechte der Frauen. Und eckt mit ihrer Meinung oft an – das jedoch ist ihr schnurzegal. 

Interview: Roland Grüter ; Fotos: Sonja Ruckstuhl

Frau Onken, Sie haben vor kurzem Ihren 80. Geburtstag gefeiert. Mit Blick auf die Zahl: Welche Gefühle löst sie in Ihnen aus?
Verwunderung. Darüber, wie schnell die Zeit vergangen ist. Wie vielfältig das Leben noch immer ist. Dieses ist geprägt von grosser Gelassenheit. Und von einer ungemeinen Leichtigkeit. Vieles ist getan. Erledigt. Kurzum, ich stecke mitten in der schönsten Lebensphase.

Der schönsten?
Durchaus. In 80 Jahren kommen enorm viel Wissen und Erfahrung zusammen. Die Schubladen sind reich gefüllt, und ich kann mich darin frei bedienen. Das ist beglückend. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass ich privilegiert bin. Weder Kopf noch Gestell lottern. Bereits morgen kann alles vorbei sein: Deshalb wertschätze ich mein derzeitiges Glück umso mehr.

Sie waren zeitlebens darum bemüht, selbstständig zu sein, das Leben mit beiden Händen anzupacken. Könnten Sie sich mit Einschränkungen überhaupt arrangieren?
Kommt drauf an, wie tiefgreifend diese sind. Ich denke aber schon. Irgendwie geht es immer weiter. Zudem vertraue ich meinem Schicksal. Bislang hatte es meist Gutes im Sinn. Weshalb sollte sich daran etwas ändern? Aber: Ich halte mich nicht für unverletzlich und unersetzbar. Und habe deshalb bereits vorgesorgt, damit meine Projekte auch ohne mich weiterlaufen. Um es mit einer Metapher zu sagen: Ich bin daran, mein Haus und mein Leben zu bestellen.

Was meinen Sie damit?
Ich räume auf, lasse los. Ich freue mich beispielsweise auf den Moment, an dem ich meinen Fahrausweis abgeben werde. Dann ist in diesem Punkt alles getan. Aktuell verschenke ich gerade meinen Modeschmuck, den ich im Leben gesammelt habe, an meine Enkelinnen. Nun sollen sie ihre Freude haben.

Sie wohnen in einem stattlichen Haus. Keine Bange, davon Abschied zu nehmen?
Nein. Ich kann mir gut vorstellen, einst in eine Alters-Wohnsiedlung umzuziehen. Ich nehme meine Ideen und Werte mit. Diese machen mein Leben aus und nicht das grosse Haus. Reduktion führt nicht zwingend ins Elend.

Zur Person

Julia Onken (80) ist eine unbequeme Frau: Sie äussert sich an öffentlichen Diskussionen und in ihren Vorträgen unverblümt zu gesellschaftlichen Themen – ohne die Konsequenzen zu scheuen. Vor allem für Frauenrechte streitet die gebürtige Ostschweizerin seit rund 40 Jahren. Im Jahr 1987 gründete sie das Frauenseminar Bodensee, an dem sich mehrere Tausend Frauen zu psychologischen Beraterinnen ausbilden liessen. Onken ist Verfasserin diverser Bücher, diese wurden über eine Million Mal verkauft. Ihr Werk über die Wechseljahre machte sie 1993 international bekannt. Julia Onken lebt mit ihrem Lebenspartner und zwei Schäferhunden am Bodensee.

Wenn Sie in den Rückspiegel des Lebens schauen: Was sehen Sie?
Ein erfülltes und ausgefülltes Leben. Ich hatte grosses Glück.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Stolz ist nicht das richtige Wort. Aber etwas, womit ich zufrieden bin: Mir ist es gelungen, mich über gesellschaftliche Normen hinwegzusetzen. Ich habe mich nie bremsen oder verbiegen lassen, bin stattdessen immer meinen eigenen Ideen und Idealen gefolgt.

Sie sagten einst, dass es Ihnen grosse Lust bereite, etwas zu prägen.
Stimmt. Ich bin eine ausgewiesene Macherin. Besuche ich in Frankreich eines der vielen Schlösser, überlege ich mir ständig, wohin ich meinen Bürotisch stellen könnte. Andere sondieren stattdessen den besten Platz für den Liegestuhl.

Sie erheben keinen Anspruch auf den Thron?
Nein, diesen überlasse ich gerne anderen. Mein Platz ist in der Remise, wo gearbeitet wird. Ich meissle lieber Steine, als mich durchs Leben tragen zu lassen.

Woher rührt dieser Drang?
Mir geht es immer ums Wohl der Menschen: darum, deren Existenz etwas zu verbessern. Denn in vielen ist eine grossartige Signatur angelegt, nur erkennen sie diese nicht. Viele können die Fähigkeiten, die in ihnen schlummern, nicht entfalten und lassen sie entsprechend ungenutzt. Mir aber ist es ein Anliegen, dass sie diesen Schatz entdecken und nutzen.

Mir geht es immer ums Wohl der Menschen: darum, deren Existenz etwas zu verbessern.

Julia Onken, Psychotherapeutin und Autorin

Schauen Sie oft zurück auf Ihr Leben und dessen unterschiedliche Abschnitte?
Ja, schon. Ich betrachte die verschiedenen Lebensphasen gerne, um sie zu ordnen, aufzuräumen. Denn viele meiner Verhaltensweisen kann ich erst jetzt, aus zeitlicher Distanz, verstehen – und mich damit versöhnen. Ein paar Fragezeichen aber bleiben.

Welche?
Beispielsweise, weshalb meine Ehe gescheitert ist. Mein Ex-Mann und ich verstanden uns intellektuell prima, tun es noch immer. Trotzdem gingen wir auseinander. Wir waren Kinder der 1968er-Jahre, wollten die Welt verändern, andere Beziehungsformen ausprobieren. Vieles passte zusammen, die Sinnlichkeit zwischen uns ging trotzdem verloren. Weshalb, weiss ich bis heute nicht.

© Sonja Ruckstuhl

Ihr Mann wollte mit Ihnen zusammenbleiben – Sie aber zogen mit den beiden Töchtern weiter. Und standen urplötzlich mit wenig Geld auf der Strasse.
Das war es mir wert. Ich wollte auf eigenen Beinen stehen, meine Träume anpacken. Eine 80-jährige Archäologin liess mich und die Kinder in ihrem Haus wohnen. Damals durfte ich von Gesetzes wegen nicht einmal einen Mietvertrag unterschreiben. Ich erfuhr am eigenen Leib, was es heisst, Frau zu sein.

Hat Sie dieses Erlebnis darin bestärkt, sich für die Rechte der Frauen zu engagieren?
Ja. Schliesslich hatte ich erlebt, wie schwer es ist, nach einer gescheiterten Ehe und als Mutter einen Neuanfang zu starten. Ich liess mich erst auf dem zweiten und dritten Bildungsweg zur Psychotherapeutin ausbilden. Diesen Weg wollte ich anderen Frauen einfacher machen. Und gründete deshalb 1987 das Frauenseminar Bodensee, in dem sich Frauen – unbesehen von ihrer Vorbildung und ihrem Alter – zur psychologischen Beraterin oder Kursleiterin ausbilden lassen konnten – mit Abschluss des eidgenössischen Fachausweises. Viele Lehrgänge unterstützen wir auch finanziell, mit Geld aus einem von mir gegründeten Bildungsfonds. Denn Bildung ist der Schlüssel zur Freiheit. Diesen wollte ich möglichst vielen Frauen mit sogenannt gebrochenen Bildungsbiografien in die Hand legen. Nach dem Motto: Frauen lassen Frauen nicht im Regen stehen.

Gleichzeitig bilanzierten Sie, dass sich Frauen oft gegenseitig behindern. Wie geht das zusammen?
Frauen haben eine andere Kultur, mit Ärger und mit Wut umzugehen. Statt diese Gefühle klar zu deklarieren, hässeln sie lieber oder tratschen hintenherum. Man muss den Frauen lehren, dass sie sagen dürfen, was sie denken und fühlen. Damit tun sich viele noch immer schwer. Denn das entspricht nicht ihrem Grundauftrag, sich anzupassen. Überwinden sie diese Hürde, sind sie aber sehr verlässliche Weggefährtinnen.

Gibt es die Frau überhaupt noch?
Die Gesellschaft ist divers, die Rollen sind vielfältig.Durchaus. Trotzdem gibt es Punkte, die alle betreffen. Das traditionelle Rollenverständnis ist zwar im Umbruch, das neue aber noch längst nicht etabliert. Darüber hinaus sind brennende Punkte, etwa die Betreuung von Kindern, noch immer ungeklärt. Wie soll Gleichberechtigung funktionieren, wenn Frauen allein dafür verantwortlich sind? Vielen steht eine Ausbildung offen, doch sie können das Erlernte danach nicht umsetzen, weil sie zu Hause nach ihren Kindern schauen müssen.

Sind junge Frauen zu wenig kämpferisch?
Ich beobachte tatsächlich bei vielen Frauen eine Sorglosigkeit. Sie sind gut beraten, sich nicht auf den erkämpften Freiheiten auszuruhen, sondern diese zu bewahren und auszuweiten. Mit solchen Aussagen ecken Sie in öffentlichen Diskussionen oft an.

Sehen Sie sich selber als Feministin?
Bedingt. Denn ich habe meinen Kampf grösstenteils im Alleingang geführt. Für die meisten Feministinnen war ich eine Provokation. Sie sahen es nicht gerne, wenn ich mit rotgeschminkten Lippen und im Jaguar zu den Treffen kam.

Woher rührt Ihr Eigensinn?
Das hat wahrscheinlich mit meiner Jugend zu tun. Mein Vater war bei meiner Geburt 64 Jahre alt, hatte bereits vier erwachsene Töchter. Er interessierte sich nicht sonderlich für mich und meine Mutter. Wir waren ihm sogar lästig. Ich war oft allein und habe mir in dieser Zeit meine Welt selber ausgedacht. Sie fühlten sich in der Familie fremd.

Lernten Sie damals, Bestehendes zu hinterfragen?
Ja, klar. Als Aussenseiterin bewegt man sich in einem Freiraum, im Denken, aber auch im Handeln. Man ist ja nirgends eingebunden und folglich auch niemandem etwas schuldig. Wobei: Meine Mutter war mir lange Jahre eine Verbündete. Sie war sehr daran interessiert, was ich dachte. Ich konnte ihr meine Gedanken und Überlegungen schildern und begründen.

Die Rolle als Beobachterin haben Sie zeitlebens beibehalten: Wollten Sie nie irgendwo dazugehören?
Nicht wirklich. Ich bin immer meinen Weg gegangen: egal, was andere darüber dachten. Wobei: Ich unterrichte beispielsweise noch immer am Frauenseminar Bodensee. Mit den dortigen Frauen fühle ich mich sehr verbunden, wir sind durchaus eine Familie im Geiste.

Wo konnten Sie sich in all den Jahren anlehnen, wenn es nicht so gut lief?
Auch hier: bei meinen Freundinnen. Und in romantischen Phasen auch an den Schultern eines Mannes. Männer waren in meinem Leben gut vertreten.

© Sonja Ruckstuhl

Lassen Sie sich von Widerständen überhaupt aufhalten?
Eher selten. Sehe ich etwas, das in Schieflage steht, versuche ich die Missstände zu ändern. Darüber entscheide ich nicht bewusst, das ist in meinen Genen festgeschrieben. Vor kurzem initiierten Sie auch ein Ausbildungskonzept für Beiständinnen und Beistände der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde KESB. Ja, das war auch so ein Ding. Ich hatte meinen Unmut über diese Behörde ungefiltert in die Welt hinausposaunt. Mir missfiel, dass die Menschen, die sich um Bedürftige kümmern sollten, oft komplett ungeeignet waren. Das Echo auf meine Kritik war riesig. Mir schrieben unzählige Menschen, die schlechte Erfahrung mit dieser Institution gemacht hatten. Damit war das Feuer entflammt …

… und Sie fackelten die Bude ab?
Nicht ganz. Ich setzte mich stattdessen dafür ein, dass die Beistände, die für die KESB arbeiten, ordentlich ausgebildet werden. Ich habe einen zertifizierten Lehrgang mitinitiiert. Ziel dieser Ausbildung ist es, einerseits fachliche Kompetenzen zu vermitteln, andererseits sich stets kritisch zu hinterfragen und an der eigenen Entwicklung zu arbeiten, damit Menschen, die Hilfe und Unterstützung benötigen, mit gebührendem Respekt und Wertschätzung behandelt werden. Obwohl ich manchmal schon denke: Spinnts Dir eigentlich, in deinem Alter so viel Neues anzureissen.

Würden Sie Stillstand denn aushalten?
Durchaus, aber in Massen. Es gibt noch viel zu tun, auch wenn die Zeit im Hier und Jetzt knapp wird.

Was genau wollen Sie in der Zukunft richten?
Ich beschäftige mich derzeit mit den letzten Phasen des Lebens, mit dem Sterben und dem Tod. Ich möchte mehr darüber erfahren. Was wird mit uns?

Ich bin davon überzeugt, dass es nach dem Tod in irgendeiner Form weitergeht.

Julia Onken, Psychotherapeutin und Autorin

Wie lautet Ihre Antwort?
Ich kenne sie nicht. Ich bin aber davon überzeugt, dass es nach dem Tod in irgendeiner Form weitergeht. Damit beschäftigen wir uns aktuell auch im Denkforum, in dem wir Online-Vorlesungen anbieten. Wir bereiten derzeit einen Kongress zum Thema «Nahtoderfahrung» vor, dieser wird Anfang November stattfinden. Darüber hinaus schreibe ich an einem neuen Buch.

Zu welchem Thema?
Über das Bestellen des Hauses und des Lebens, so wie ich es vorgängig skizziert habe. Ich möchte auch andere dazu anregen, auf ihr Leben zurückzuschauen, sich mit ihrem Schicksal zu versöhnen. Damit unsere Lebensschiffe mit der letzten Abendbrise ruhig in den Hafen einbiegen und ihren Bootsplatz finden können. Und wir getrost eine Plane übers Deck legen und sagen können: Das wars. Adieu.

Julia Onken lädt Zeitlupe-Lesende kostenlos zu ihren Online-Vorträgen ein. Infos dazu finden Sie hier. Mehr Infos zu anderen (Frauen-)Projekten auf julia-onken.ch. Und im Video von Zeitlupe-Redaktorin Jessica Prinz erfahren Sie das Lebensmotto von Julia Onken und wen sie als Mensch bewundert: zeitlupe.ch/5-fragen

Beitrag vom 16.05.2022