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«Wichtig ist, sich nicht aufzugeben» Protokoll eines Witwers

Wie findet man in der Trauer um seine verstorbene Partnerin nach einiger Zeit auch eine neue Freiheit? Ein 77-Jähriger erzählt.

«Meine Frau starb vor fünfeinhalb Jahren nach 15-jähriger Lungenkrankheit. Ich empfand ihren Tod als Erlösung – für sie. Ihre Betreuung war nach meiner Pensionierung eine Aufgabe, die mich immer stärker gefordert hatte. Meine drei Kinder und ich konnten zuhause von ihr Abschied nehmen. Sie konnten in den letzten Tagen bei ihrer Mutter sein – wir haben uns gegenseitig an ihrem Bett abgelöst. 

Der Moment ihres Todes war trotz des langen Abschiednehmens sehr hart. Auf einmal war der endgültige Abschied Realität – fertig. Darauf kann man sich nicht einstellen. Eine neue Zeit beginnt. Manche Momente, etwa, als der Krankenwagen mit ihr davonfuhr, waren besonders schmerzhaft. Man muss die Zeit der Trauer durchstehen.

«Man sollte nicht an allem zu lange hängen. Das bringt nichts.»

Plötzlich war ich allein. Allein in einem grossen Haus. Meine Kinder räumten bald alle Kleider meiner Frau weg. Man sollte nicht an allem zu lange hängen. Das bringt nichts. Dieser Punkt scheint mir wichtig. Es hilft nicht, wenn man überall an seine verstorbene Partnerin erinnert wird. Was ich mir und meiner Frau bis heute bewahrt habe, ist ein kleiner Ort beim Eingang, an dem ein Bild von ihr hängt. Daneben steht eine Kerze, die ich oft anzünde. Das bedeutet mir enorm viel.

Nach dem Tod meiner Frau habe ich drei Phasen durchlebt. Zuerst eine Zeit der Trauer, die man zulassen soll. Es folgte eine Phase der Dankbarkeit dafür, was wir alles miteinander teilen durften. Und dann begann eines Tages eine Zeit der Freiheit. Man realisiert, dass man plötzlich tun und lassen kann, was man will. Heute kann ich diese Freiheit geniessen, ohne dass ich dabei die Erinnerungen an das gemeinsame Leben mit meiner Frau schmälere. Sie hatte mir schon während ihrer Krankheit viele Freiheiten gewährt – etwa in Form von Reisen mit Freunden. 

«Meine Hobbys, meine sozialen Kontakte und Aufgaben geben mir Halt – ebenso das Gefühl, gebraucht zu werden.»

Wichtig ist sowohl während als auch nach der Trauerphase, aktiv zu bleiben und sich selber nicht aufzugeben. Meine Hobbys, meine sozialen Kontakte und Aufgaben geben mir Halt – ebenso das Gefühl, gebraucht zu werden. Meine Frau und ich haben stets ein grosses Beziehungsnetz gepflegt. Neben meinen Kindern, die mich liebevoll umsorgen und mich nach meinem Befinden fragen, haben mich auch diese Freundschaften getragen. Auch meine Nachbarn waren und sind mir eine grosse Stütze. Wir leben seit 40 Jahren Tür an Tür. Ein Suizid war für mich nie ein Thema. Aber einer meiner Schulfreunde hat nach dem plötzlichen Tod seiner Frau bis heute Mühe, den Tritt zu finden, weil er sehr stark auf seine Frau fixiert gewesen war. 

Gewiss habe auch ich mir die Frage gestellt, ob ich mich nochmals auf eine neue Beziehung einlassen möchte. Ich habe mich dagegen entschieden. Freundschaften pflege ich jedoch sehr gerne – mit Männern und Frauen. Ich habe gute Freunde, die zu mir schauen. Das ist etwas Wunderbares. Männerfreundschaften sind enorm wichtig.»

Aufgezeichnet von Fabian Rottmeier

© Stephan Schmitz

Verwitwet – Wie dem Schmerz begegnen

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