© Eric A. Soder

Flussauen – Lebensraum für Eisvogel und Biber Aue Chly Rhy

Flussauen sind dynamische und wilde Uferlandschaften. In der Aue Chly Rhy zwischen Koblenz und Zurzach erleben Naturfreundinnen und Ausflügler die gestaltende Kraft des Wassers. 

Von Usch Vollenwyder

Bei der S-Bahn-Haltestelle Koblenz Dorf weist ein roter Wegweiser die Richtung: Aue Chly Rhy. Nach wenigen Minuten dorfabwärts ist man bereits am Rheinufer. Der breite Wanderweg, gesäumt von lichten Laubbäumen, führt den Fluss entlang Richtung Bad Zurzach. Aussichtsplattformen ermöglichen den Blick auf das träge dahinfliessende Wasser und auf das gegenüberliegende deutsche Ufer. Informationstafeln erzählen die Geschichte des Rheins als wichtigen Wasserweg von anno dazumal. Sie weisen auf den Koblenzer Laufen hin, die einzige erhalten gebliebene Stromschnelle am Hochrhein zwischen Bodensee und Basel. 

Nach einer knappen Stunde ist der gemütliche Picknick- und Badeplatz am Rand der Auenschutzzone erreicht. Eine Feuerstelle lädt zum Bräteln, Sitzgelegenheiten zum Ausruhen ein. Es gibt Picknick aus dem Rucksack – ein Käsesandwich und Tee. Das kühle Wetter macht kaum Lust zum Verweilen. Der Blick schweift über den breiten Kieselstrand hinweg zum Rhein und hinüber zur Aue Chly Rhy. Sie ist das Herzstück des Auenschutzparks Aargau und Paradies für Wanderer und Spaziergängerinnen, für Vogelbeobachter und Pflanzenliebhaberinnen.

© Eric A. Soder

Urtümliche Lebensräume

Erst vor wenigen Jahren wurde das rund 35 Hektaren grosse Gebiet in Rietheim zwischen Koblenz und Zurzach revitalisiert und bekam so einen Teil seiner Ursprünglichkeit zurück: Der einst zugeschüttete Seitenarm Chly Rhy wurde freigelegt, standortfremde Pflanzen wurden entfernt, Weiher und Tümpel neu ausgehoben, und früher landwirtschaftlich intensiv genutzte Felder in extensiv bewirtschaftete, artenreichen Wiesen und Weiden zurückverwandelt. Der Kanton Aargau ist der einzige Kanton, der den Schutz der Auen in seiner Verfassung festgeschrieben und sich damit verpflichtet hat, auf einem Prozent seiner Fläche einen Auenschutzpark zu schaffen. 

Auen sind unberechenbare Landschaften, geprägt von wechselndem Wasserstand. Tritt der Fluss über das Ufer, überflutet er Nutzland und vernichtet Ernten. Dagegen wehrten sich die Menschen mit Wasserverbauungen und Aufschüttungen, mit Drainagen und Uferbefestigungen. So wurde um 1920 auch der Seitenarm Chly Rhy zugeschüttet und vom grossen Rhein abgetrennt. Erst in neuerer Zeit gewannen Flussauenlandschaften als urtümliche Lebensräume wieder an Bedeutung: Obwohl weniger als ein halbes Prozent der Landesfläche von Auen bedeckt sind, beherbergen sie mehr als vierzig Prozent der in der Schweiz lebenden Tierarten und mehr als die Hälfte der Pflanzenarten.

Nistplätze und Artenvielfalt

Vom «Weidenpalast», einem Aussichtsturm in der Schutzzone, lässt sich das renaturierte Auengebiet überblicken. Man erkennt die gestaltende Kraft des Wassers, das Sand und Kies, Schwemmholz und Steine anschwemmt. Der Fluss – mal sanfter Bach, mal reissendes Wasser – formt neue Inseln, füllt Tümpel, gräbt Rinnen und flutet den Wald. Die wilde Natur bietet Nistplätze und Lebensraum für zahlreiche Arten, die im und am Wasser leben: die Weidensandbiene in den trockenen Kies- und Sandflächen, der Moschusbock im Totholz, die Gelbbauchunke in den Tümpeln oder das Fleischfarbene Knabenkraut im feuchten Grasland. 

Biber im Auenschutzpark Chly Rhy
© Eric A. Soder

Der Biber gilt als Baumeister der Auen: Er fällt Silberweiden und Pappeln, und frisst deren Rinde, Knospen und Blätter. Mit den dünneren Ästen und Stämmen baut er Dämme und errichtet seine Biberburg. Ebenfalls angesiedelt hat sich der einheimische, seltene Eisvogel. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu siebzig Stundenkilometern saust er über die Wasseroberfläche, blitzschnell stösst er hinab und taucht Sekunden später mit einem Fisch im Schnabel wieder auf. In die Steilwände aus Lehm oder festem Sand gräbt er seine Brutröhren.  

Ein rund zwei Kilometer langer Rundweg führt durch die vom Kanton Aargau und Pro Natura neu gestaltete Auenlandschaft. Infotafeln und Faltbroschüren am Weg vermitteln Interessierten wissenswerte Informationen zu «Biber, Eisvogel & Co» und laden zum Entdecken der verschiedenen Auen-Lebensräume ein. Je nach Lust und Zeit lässt sich die Wanderung bis nach Bad Zurzach fortsetzen, oder man verlässt das Auenschutzgebiet und nimmt den Weg am Besucherparkplatz vorbei nach Rietheim zur nächsten S-Bahn-Haltestelle.

Weitere Informationen: www.ag.ch/auenschutzpark

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