Spiel des Lebens Von Patrick S. Nussbaumer

«Schachmatt!», dröhnte es in Felix’ Ohren. Voller Entsetzen hob er seinen Kopf, doch er konnte nur das glimmende Ende einer Zigarre erkennen. Mit einem hämischen Lachen blies ihm die gesichtslose Gestalt seines Gegners einen Schwall Rauch entgegen. Felix hustete. Der Rauch stank genauso wie der Tabak, der vor vielen Jahren seinen Vater ins Grab gebracht hatte.

«Diesen Zug dürfen Sie nicht machen!», erwiderte Felix aufgebracht. Bestimmt war seinem Gegner ein Denkfehler unterlaufen. Doch dieser machte keine Anstalten, seinen Zug rückgängig zu machen. Felix versuchte, hinter den Schleier aus Rauch und Dunkelheit zu blicken.
«Warum sollte ich nach deinen Regeln spielen? Wer glaubst du zu sein, dass du mir deine Regeln aufzwingen kannst?»

Hier lief gerade etwas komplett aus dem Ruder. Geradezu flehend versuchte Felix, die Kontrolle zurückzugewinnen.
«Das sind doch die Regeln des Spiels, nicht meine …», Felix wurde erneut von einem zynischen Lachen unterbrochen. Zuletzt musste Felix hilflos mit ansehen, wie sein Rivale mit einer energischen Handbewegung das Schachbrett leer fegte.

Er lag stocksteif da. Sein Herz raste. Wo war er? Krampfhaft hielt er die Augen geschlossen, obwohl er sie am liebsten laut schreiend aufgerissen hätte. Immer wieder hörte er das fiese Lachen seines Gegners.

«Denk nach, wo bist du?», murmelte er verzweifelt. Jeden Morgen musste er das gleiche nervenaufreibende Spiel durchmachen. Er durfte seine Augen auf keinen Fall öffnen, bevor er nicht sicher war, wo genau er sich gerade befand. Felix wusste nicht, warum das so wichtig war oder was geschehen würde, wenn er sich dieser Regel widersetzte. Da war nur diese diffuse Angst, dass ihm etwas Schlimmes zustossen würde. Er versuchte, sich mit einigen tiefen Atemzügen zu beruhigen.

Endlich hörte er ein vertrautes Geräusch. Eine Wanduhr schlug zur Viertelstunde. Langsam wachte auch sein Verstand auf, und ihm wurde bewusst, wo er sich befinden musste. Mit einer erleichternden Gewissheit öffnete er schliesslich seine Augen und blickte in seinem Zimmer umher. Er konnte sich kaum mehr daran erinnern, vor wie vielen Jahren er sich das letzte Mal an einem Ort wirklich zu Hause gefühlt hatte. Als ehemaliger Buchhalter konnte er seine Zwangsstörungen immer als zweckmässige Genauigkeit tarnen. Erst als er vor über zehn Jahren in Pension geschickt wurde und damit seinen Lebensinhalt verlor, nahmen seine Zwänge immer mehr überhand. Das ging so weit, dass ihn seine geliebte Erika, mit der er seinen Lebensabend hätte geniessen wollen, verliess.

«Du musst dir endlich helfen lassen», hatte sie fast schon gebetsmühlenartig gesagt. Doch auch mehrere Klinikaufenthalte und die unterschiedlichsten Therapien fruchteten nicht und vermochten ihn nicht aus seinem Gedankengefängnis zu befreien. Er alleine war schuld an seinem Zustand. Es müsste ihm doch gelingen, sich seinen Ängsten zu stellen, einfach mal etwas Verrücktes zu machen. 

Einfach mal nicht nach seinen Regeln zu leben, einfach mal zu leben! Doch bereits jetzt wieder war er in einem weiteren Zwang gefangen. Er hätte dringend auf die Toilette gehen müssen, doch ein Blick auf die Wanduhr verriet ihm, dass ihn sein wiederkehrender Albtraum erneut viel zu früh aus dem Schlaf gerissen hatte. Es war ihm nicht erlaubt, vor 7.32 Uhr aufzustehen! Die unbändige Angst erstickte jeden Gedanken an Widerstand im Keim. Er musste den Drang unterdrücken. Felix wollte nicht schon wieder als Bettnässer dastehen. Er schloss erneut die Augen und versuchte, trotz des zunehmenden Drucks in der Blase wieder einzuschlafen. Vergebens.

Hinkend betrat er den Speisesaal des Alterszentrums, in das er vor Kurzem umziehen musste. Die psychiatrische Klinik, in der er zuvor gelebt hatte, war nicht für Senioren ausgelegt – und da half es natürlich nicht, dass sich die Spätfolgen seiner Kinderlähmung im Alter zusehends verschlechterten. Als er mit seinen wachen Augen im Saal umherblickte, wurde ihm einmal mehr schmerzlich bewusst, dass dies wohl sein letztes Heim sein würde.

«Guten Morgen, Herr Laube, wie geht es Ihnen heute?» Die fröhliche Stimme gehörte einem somalischen Pfleger, der hier gerade seine Ausbildung absolvierte und den alle Ali nannten.
«So weit so gut, wo ist denn Ihre Kollegin heute?», erwiderte Felix bemüht locker.
«Sie hat heute frei, aber morgen ist sie wieder da», erklärte Ali, während er Felix seine Medikamente auf den Tisch legte.

Sofort überkam Felix ein schlechtes Gewissen; hatte er nun etwas Falsches gesagt? Was würde der Pfleger wohl nun von ihm denken? Warum musste er auch immer so vorlaut sein? Felix spürte, wie sich Schweissperlen auf seiner Stirn bildeten und seine Hände zu zittern begannen. Er musste sich ablenken. Also begann er, sich auf sein Gedeck zu konzentrieren. Er legte Messer und Gabel so hin, dass ihr Abstand zur Tischkante identisch waren. Erst dann konnte er sich wieder beruhigen.

Er wollte gerade die Butter greifen, als Thomas an seinen Ecktisch trat. Thomas war letzten Monat neu ins Alterszentrum gezogen. Mit seinen 85 Jahren strahlte er eine Zufriedenheit und Fitness aus, die in dieser Umgebung selten anzutreffen waren. So erstaunte es Felix auch nicht, dass Thomas innerhalb kürzester Zeit ein gern gesehener Gesprächspartner wurde. Felix beneidete Thomas um seine soziale Stellung und war ihm bis jetzt erfolgreich aus dem Weg gegangen.

«Schönen guten Morgen, Felix, hast du schon mal nach draussen geschaut? Ich glaube, heute wird sich der Spätsommer nochmals von seiner schönsten Seite zeigen», strahlte Thomas ihn an. Felix hätte am liebsten erwidert, dass er heute Morgen mit anderen Problemen beschäftigt gewesen sei, als aus dem Fenster zu starren. Doch er blickte Thomas nur höflich an und nickte.

«Ich werde heute Nachmittag mit ein paar Bewohnern das neue Café im Park besuchen. Kommst du mit?»
Am Nachmittag stand sein täglicher Spaziergang auf dem Plan. Sofort wurde sein Atem flach. Thomas sah ihn besorgt an.
«Alles in Ordnung mit dir, Felix?»
Wie gerne wäre Felix mit den anderen Bewohnern mitgegangen, aber er durfte seinen Nachmittagsspaziergang nicht auslassen. Um möglichst schnell der unangenehmen Situation zu entfliehen, erwiderte Felix schroff: «Ach, lass mich bloss mit diesem neumodischen Café in Ruhe!»
Thomas blickte Felix verwirrt an und wollte gerade etwas erwidern, als Felix ihm unwirsch das Wort abschnitt.
«Und jetzt würde ich gerne mein Frühstück geniessen.»

Das hatte gesessen. Wütend und traurig zugleich starrte Felix auf seinen Teller und wartete, bis Thomas sich abwenden würde. Mit jedem Bissen wurde sein Mund trockener. Er wagte nicht, aufzusehen, aber er spürte die Blicke der anderen. So würde er nie Anschluss finden, doch er durfte seine Routine nicht vernachlässigen.

Felix sass in der warmen Nachmittagssonne auf einer Parkbank und konnte sich das erste Mal an diesem Tag etwas entspannen. Er hörte die Vögel zwitschern, und unweit der Bank plätscherte ein Brunnen friedlich vor sich hin. Sein Blick schweifte hinüber zu einem Gartenschach, auf dem normalerweise eine Gruppe von Rentnern eine Partie Schach spielten. Doch heute war da nur ein kleiner Junge, der wahllos die Figuren auf dem Brett verteilte. In Gedanken versunken, blickte er in Richtung des Jungen, als dieser plötzlich aufsah und winkte.

Instinktiv sah sich Felix um. Doch ausser ihm und dem Jungen war kein Mensch zu sehen. Vorsichtig hob er die Hand zum Gruss, was der kleine Junge mit einem ansteckenden Lachen quittierte und worauf er Felix zu sich heranwinkte. Dieser Junge konnte doch unmöglich ihn meinen. Irgendwo mussten seine Eltern sein. Aber auch nach mehrmaligem Umherschauen sah er niemanden. Sich vorsichtig auf den Gehstock stützend, erhob sich Felix und humpelte zum steinernen Spielfeld.

Er wusste nicht, was es war. Aber irgendwie erinnerte ihn der Junge an jemanden, den er vor langer Zeit mal gekannt hatte. Der kleine Junge, der kaum älter als acht sein konnte, strahlte Felix mit einem herzerwärmenden Lächeln an, so dass Felix nicht anders konnte, als ebenfalls zu lächeln.

«Wo sind denn deine Eltern, mein Junge?», fragte Felix, als er an den Rand des Schachbretts trat. Der Junge sah Felix bloss mit grossen Augen an, sagte aber nichts. Um die Stille zu durchbrechen, fragte Felix:
«Spielst du gerne Schach?»
«Ich weiss nicht, wie!»

Während Felix dem kleinen Jungen die Grundlagen des Schachspiels erklärte, blickte der Junge immer trauriger auf die Reihe mit den Bauern.
«Warum bist du auf einmal so traurig?»
Felix legte sanft eine Hand auf die Schultern des Jungen.
«Das Spiel ist ungerecht», sprach der Junge bedrückt.
«Warum denn ungerecht?», Felix blickte verwirrt in die glänzenden Augen des Jungen. Etwas an diesen Augen erinnerte ihn an eine längst vergangene Zeit. Eine Zeit, in der er noch frei von Zwängen einfach die Wunder des Lebens bestaunen konnte.
«Wenn man taktisch vorgeht und seine Züge genau plant, kann dieses Spiel jeder gewinnen.»
«Ja, aber warum sind die Bauern so schutzlos ausgeliefert? Sie können doch nichts dafür, dass die Könige sich bekriegen.»

Der Junge blickte Felix mit grossen Augen an. Gerade so, als ob Felix etwas an den Spielregeln ändern könnte.
«So sind nun mal die Regeln des Spiels.»
«Dann lass uns doch die Regeln ändern. Lass uns dem Spiel neue Regeln geben», meinte der kleine Junge und blickte Felix hoffnungsvoll an.
«Nein!», entfuhr es Felix. Der Junge wich erschrocken einen Schritt zurück.
«Sieh mal», versuchte Felix zu beschwichtigen, «es gibt im Leben nun mal Regeln, an die man sich halten muss.»
«Aber wer sagt denn, dass wir uns an die Regeln des Spiels halten müssen? Die wurden doch auch nur irgendwann mal festgelegt. Wir sind doch frei, unser eigenes Spiel zu erschaffen. Mit unseren Regeln.»

Felix spürte, wie er innerlich immer unruhiger wurde. Schon viel zu lange hatte er sich daran gewöhnt, dass sein Leben von unumstösslichen Regeln bestimmt wurde. Und nun stand er hier vor einem kleinen Jungen, der das alles infrage stellte. Er konnte doch unmöglich wissen, welch inneren Kampf Felix täglich immer aufs Neue verlor.

«Du kannst doch nicht …», begann Felix, bevor ihm der Junge ins Wort fiel.
«Wann bist du das letzte Mal am Morgen aufgestanden und hattest keine Ahnung, was dich an dem Tag erwarten würde? Wann hast du das letzte Mal wirklich frei gelebt?»

Diese Frage traf Felix tief. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wann er sich das letzte Mal frei gefühlt hatte. Tränen stiegen in seine Augen und er wandte sich von dem Jungen ab. Er wollte nicht, dass der Junge seine Tränen sehen würde. Wobei er das Gefühl nicht loswurde, dass dieser kleine Mann mehr über ihn wusste, als er sich zugestehen wollte. Er blickte auf seine Hände, die von den Jahren gezeichnet waren. Der Junge hatte ja recht. Er war es, der für sein Unglück verantwortlich war, und nur er konnte etwas daran ändern.

«Felix!», eine sonore Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Felix wandte sich in Richtung der Stimme und erblickte Thomas, der mit einer kleinen Gruppe durch den Park schlenderte.
«Was machst du denn hier ganz alleine?»

Felix sah Thomas verwirrt an. Er konnte den kleinen Jungen unmöglich übersehen haben. Doch als Felix sich zu ihm umdrehen wollte, stellte er erstaunt fest, dass der Junge verschwunden war. Hektisch begann er, sich umzuschauen. Doch der Junge war nirgends zu sehen.

«Was suchst du?», fragte Thomas verwundert.
«Da war doch gerade noch …», Felix unterbrach sich selbst. Er wollte nicht noch verrückter wirken, als er es vermutlich schon getan hatte.
«Hättest du nicht doch Lust, mit uns einen Kaffee zu trinken? Wir würden uns wirklich freuen», meinte Thomas und füllte so die peinliche Stille.

In Felix’ Bauch zog sich erneut alles zusammen, aber diesmal half ihm der Gedanke an die Worte des kleinen Jungen. Lange genug hatte sich Felix in seinem Gedankengefängnis selbst eingesperrt. Sein Herz wurde von einer angenehmen Wärme erfüllt, und mit einem fröhlichen Lachen erwiderte er:
«Weisst du was? Ich schliesse mich euch gerne an.»

Ein letztes Mal wandte er sich zum einsamen Schachbrett um. Wie der kleine Junge gesagt hatte: Er selbst war es, der die Regeln für sein Leben bestimmte!


Patrick S. Nussbaumer ist 1991 in St. Moritz geboren und lebt seit 2012 in Zürich. Nachdem er mit 17 Jahren den ersten Teil der Jugendbuchtrilogie «Die SOS-Bande» publiziert hatte, entwickelte er seine literarische Arbeit kontinuierlich weiter. Neben dem Schreiben begeisterte er bereits an über 60 Deutschschweizer Schulen mit seiner «Story Experience»-Leseshow seine Zuhörerinnen und Zuhörer. Derzeit arbeitet er an seinem fünften Roman für junge erwachsene Leserinnen und Leser.


«Voll im Wind»

Geschichten von A wie Altersheim bis Z wie Zwetschgenschnaps

Grossvater riecht nach Schnaps und Grossmutter lacht nicht mehr. Was ist passiert? «Älterwerden ist kein Spaziergang», erzählen Betroffene – und die Jüngeren nehmen es irritiert zur Kenntnis. Ruth und Fritz haben es doch schön in der Alterswohnung, und Trudi wird im Pflegeheim rund um die Uhr verwöhnt. Was ist daran so schlimm?

Es sind dies die Übergänge und Brüche; vermehrt gilt es, Abschied zu nehmen: vom Haus, vom Partner, vom Velofahren. Das Gehen verändert sich weg von der Selbstverständlichkeit hin zur Übung und Pflicht; das Autofahren ist ohnehin ein Tabu, so will‘s die Tochter. Ist es da so abwegig, den Kopf hängen zu lassen? Sich Pillen verschreiben zu lassen oder ein Glas über den Genuss hinaus zu trinken? Ja, es ist abwegig, weil es auf Abwege führt und nicht auf einen grünen Zweig.

22 Schweizer Autorinnen und Autoren erzählen Geschichten über ältere Menschen, denen der Wind derzeit mit voller Wucht entgegenbläst. Ein Anhang mit einfachen Infos und Tipps sowie weiterführenden Adressen bietet den nötigen Windschutz.

  • «Voll im Wind – Geschichten von A wie Altersheim bis Z wie Zwetschgenschnaps», Hrsg. Blaues Kreuz Schweiz, © 2020 by Blaukreuz-Verlag Bern, ISDN 978-3-85580-549-5
  • Cover-Illustration: Tom Künzli, TOMZ Cartoon & Illustration, Bern. Lektorat: Cristina Jensen, Blaukreuz-Verlag. Satz und Gestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld. Druck: Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg
  • Das Projekt wird vom Nationalen Alkoholpräventionsfonds finanziell unterstützt. Für Begleitpersonen stehen unter www.blaueskreuz.info/gesundheit-im-alter weitere Fachinformationen zu den Themen des Buches bereit.

Beitrag vom 12.06.2022

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