Die wilden Jahre des Kaisers Kaiser Napoleon III.

Aus dem Buchband «Blaues Blut. Royale Geschichten aus der Schweiz» von Michael van Orsouw. Erschienen im Verlag Hier und Jetzt.

Vorwort von Beat Gugger und Bruno Meier 

Die Züge im Thurgau heissen «Conny Land Express», «Läufelfingerli» oder «Säntis Express». Nur eine Zugkomposition ist weder einer Ortschaft noch einer Tourismusregion, sondern einer historischen Person gewidmet: Der «Thurbo 727» der Regionalbahn Ostschweiz heisst seit 2004 «Napoleon III.». 

Warum huldigt eine Thurgauer Eisenbahn einem französischen Kaiser? Die Antwort ist ganz einfach: Weil Napoleon III. im Kanton Thurgau aufwuchs und sogar Thurgauer Ehrenbürger wurde. Doch sein Leben warf ihn mehrfach aus der Bahn. Bis er später als Kaiser, notabene mit der Eisenbahn, an den Ort seiner Jugend zurückkehrte, musste er einiges aufgleisen.

Die Schweizer Geschichte des französischen Kaisersprosses nimmt 1815 am Bodensee ihren Anfang. Der siebenjährige Prinz Louis-Napoléon kommt mit seiner Mutter in die Schweiz. Sie ist Hortense de Beauharnais, Königin von Holland, gleichzeitig Stieftochter und Schwägerin von Napoleon Bonaparte. 

Beides gleichzeitig? Ja! Aus taktischen Gründen hat ihr berühmter Stiefvater Napoleon Bonaparte sie mit dessen Bruder Louis verheiratet. Damals ging man eine Ehe eher aus Berechnung denn aus Liebe ein. So wurde ihr Stiefvater Napoleon zu ihrem Schwager. 

Diese Hortense ist eine selbstständige, eigenwillige Frau und lebt seit 1810 von ihrem Mann getrennt, den sie nie geliebt hat. Der russische Zar Alexander I., der in Basel, Frauenfeld und Schaffhausen war, kennt sie als Angehörige des europäischen Hochadels: «Von allen Bonapartes ist sie der einzige Mann!» Damit zeigt der Russe doppelte Ironie: Hortense ist keine echte Bonaparte, sondern nur adoptiert, und ein Mann ist sie ebenso wenig – mit Blick auf den damaligen Männlichkeitsbegriff dürfte sie also sehr durchsetzungsfähig und willensstark gewesen sein.

Auf jeden Fall ist sie voller Leidenschaft und zeigt grosse Lust an Abenteuern. Der Preis dafür ist hoch: Weil sie 1815 ihren Stiefvater und Schwager Napoleon bei seiner kurzzeitigen Rückkehr an die Macht unterstützt hat, wird sie wie er nach dessen endgültiger Niederlage aus Frankreich verbannt. 

Hortense de Beauharnais, Königin von Holland © wikimedia commons

Um zu Bargeld zu kommen, verkauft sie ohne Zögern wertvolle Gemälde der Familiensammlung. Anschliessend reist sie nach Prégny bei Genf; doch die Genfer Behörden versagen ihr auf Druck des französischen Botschafters den Aufenthalt. Ohne festen Wohnsitz und ohne klaren Plan irrt sie mit ihrem kleinen Sohn umher: Das erinnert an die biblische Weihnachtsgeschichte. Was reichlich übertrieben ist, denn Hortense und ihr Prinz Louis-Napoléon sind zwar Verbannte, besitzen aber doch einiges mehr als nur einen Esel und einen Stall als Obdach. Sie sind mit drei Kutschen unterwegs; eine für sich, eine für ihre Bediensteten und eine für das Gepäck. Für ein paar Tage findet Hortense im Kloster Einsiedeln Unterschlupf, wofür sie dem Kloster ihr Leben lang dankbar sein wird. 

Schliesslich erlauben die Behörden der adeligen Asylantin, sich in der Ostschweiz niederzulassen, weit entfernt von der Landesgrenze zu Frankreich. Sie gelangt an den Bodensee, wo ihre Nichte mit dem Grossherzog von Baden verheiratet ist und wo ihr Geld vom Fabrikanten David Macaire in Konstanz verwaltet wird. Doch der Grossherzog von Baden, der Ehemann ihrer Nichte, befürchtet aussenpolitische Komplikationen und verlangt, dass Hortense möglichst schnell wieder aus seinem Grossherzogtum verschwindet. Aber sie, ganz die Widerständige, mietet in Konstanz das Anwesen Seeheim mit anmutigem Blick auf den See. Ihr Sohn Louis-Napoléon besucht fortan in Konstanz die gewöhnliche Bürgerschule. Die ehemalige Königin, die nun den unverfänglicheren Titel «Herzogin von Saint-Leu» führt, fühlt sich am Bodensee unerwünscht und verfolgt. Sie sagt zu ihrem kleinen Sohn: «Wir haben keine andere Wahl, als uns in den See zu stürzen.» 

Gut zu wissen

  • Wer: Napoleon III. Geboren als Charles Louis-Napoléon Bonaparte.
  • Wann: Geboren am 20. April 1808 in Paris, gestorben am 9. Januar 1873 in Chislehurst bei London.
  • Was: Er war Kaiser von Frankreich (1852–1870).
  • Wie: Kein französischer Herrscher regierte so lange wie Napoleon III. Allerdings sind seine Verdienste umstritten: Für die einen war er ein naiver und brutaler Abenteurer, der Frankreich in den Deutsch-Französischen Krieg stürzte; in den Augen anderer hielt er sich geschickt zurück, sodass sich in seiner Zeit die französische Industrie und Technik entfalten konnten.
  • Bezug zur Schweiz: Er wuchs ab dem siebten Lebensjahr in Salenstein (TG) auf Schloss Arenenberg auf, besuchte in Thun die Offiziersschule und blieb in der Schweiz bis 1838. Später, als er Kaiser Frankreichs war, reist er nur noch einmal in den Thurgau und nach Thun, nämlich 1865.

Vielleicht haben sie die vielen Theaterbesuche zu diesem dramatischen Ausbruch motiviert, vielleicht ist die Fantasie mit dem Chronisten durchgegangen, der das angebliche Zitat überliefert hat. Wie dem auch sei: Hortense hat sehr wohl eine Wahl und entscheidet sich für den Thurgau. Nach rund einem Jahr in Konstanz kauft sie das Schloss Arenenberg in Salenstein. Sie restauriert in der Folge das etwas heruntergekommene und von aussen bescheiden wirkende Schloss in französischem Stil und lässt es prachtvoll ausstatten, mit edlen Möbeln, exklusivem Wandschmuck, farbenfrohen Tapeten und dicken Teppichen. Das Schloss Arenenberg wird zu einer miniaturisierten Nachahmung von Schloss Malmaison westlich von Paris und besticht dazu noch mit einer formidablen Aussicht auf See und Landschaft.

Fortan träumt der kleine Prinz im neuen Daheim von tapferen Rittern, edlen Burgfräuleins und sportlichen Turnieren. Aus der Kindheit des napoleonischen Prinzen ist auch folgende Episode überliefert: Im eiskalten Winter wird der Knabe ohne Jacke und barfuss aufgegriffen. Von Mutter und Erzieher darauf angesprochen, meint er: Er habe eine mausarme Familie gesehen, sei so tief berührt gewesen, dass er den armen Kindern seine Schuhe und seinen Mantel geschenkt habe. Mit der Überlieferung dieser Anekdote zeichnen die Biografen das Bild von Louis-Napoléon als gutherzigem Wohltäter. Später werden andere Seiten seiner Persönlichkeit dominieren.

Ganz auf Thronfolger getrimmt

Kehren wir zurück zur Kindheit und Jugend des Louis-Napoléon. Hortense bemüht sich, dass sich ihr Sohn auch im Thurgau ständig seiner napoleonischen Wurzeln bewusst ist, sie versucht, aus ihm einen idealen Thronfolger zu formen. Das Schloss Arenenberg ist voll mit Erinnerungsstücken an den grossen Napoleon Bonaparte. Über dem Bett ihres Sohnes lässt Hortense ein wandgrosses Bild dieses Vorbilds aufhängen. Sogar der Kinderstuhl des kleinen Louis-Napoléon ist mit einem gestickten, überdimensionierten Napoleon-Hut verziert. Auch schnuppert der Kleine schon bald Militärluft, als ihn seine Mutter nach Konstanz zu den Ehrenkadetten der badischen Garnison schickt. Die Massnahmen zeigen Wirkung: Bald begeistert sich der Knabe für alles Militärische und will Artillerist werden wie sein Vorbild, Onkel und Stiefgrossvater Napoleon Bonaparte.

Mutter und Sohn pendeln zwischen Augsburg und Arenenberg hin und her. Privatlehrer Abbé Bertrand unterrichtet Louis-Napoléon in Französisch, Latein und Arithmetik, während die Mutter ihm Zeichnen und Tanzen beibringt. Doch der Abbé ist ein schlechter Pädagoge, der den aufgeweckten Jungen unterfordert, wodurch dieser lustlos und faul wird. Als der Abbé eine Fabel erläutert, meint der kleine Schüler: «Ich würde mich auch gerne in einen kleinen Vogel verwandeln können. Dann würde ich davonfliegen, sobald der Unterricht mit Ihnen beginnt.» 

«Kaiser oder nichts.»

Wahlspruch von Cesare Borgia

Im Herbst 1819 stellt Hortense den 25-jährigen Philippe Le Bas als neuen Hauslehrer an, einen Freund Robespierres mit eisernen Prinzipien. Prinz Louis ist damals elf Jahre alt, weist aber die Kenntnisse eines Siebenjährigen auf. Le Bas entwirft deshalb einen übersichtlichen Tagesplan mit klaren Vorgaben von der Tagwacht um 6 Uhr bis zur Bettruhe um 21 Uhr. Spurt der Zögling nicht, setzt es Schläge ab.

Dass der Kleine unter diesem Regime zum Nervenbündel wird, Alpträume hat, aus dem Schlaf aufschreckt und Stunden wachliegt, beeindruckt den Hauslehrer keineswegs. Le Bas setzt auch durch, dass Louis-Napoléon während der regelmässigen Aufenthalte in Augsburg dort als externer Schüler das Gymnasium besucht; die Konkurrenz mit Gleichaltrigen soll den verkümmerten Ehrgeiz des Jungen wieder anstacheln.

Doch der Kontakt mit der Aussenwelt führt dazu, dass sich der junge Mann mehr und mehr aus der pädagogischen Umklammerung löst und seine ungestüme Seite auszuleben beginnt. Hortense ist das sehr recht, denn sie hält das gesellschaftliche Treiben ebenfalls für eine gute Lebensschule. Der Prinz vergnügt sich auf Jagden und Bällen, er rudert mit dem Boot weit auf den See hinaus, besucht das Theater, trifft sich mit Freunden und reitet ziellos durch die Gegend. In Konstanz wird er erwischt und bestraft, als er bei der hölzernen Rheinbrücke raucht. Der junge Mann ist bald so selbstständig und eigenwillig, dass Lehrer Le Bas 1827 die Erziehung seines Zöglings entnervt aufgibt und nach Frankreich zurückreist.

Louis-Napoléon ist mittlerweile 19 Jahre alt und erlebt seine turbulenten Jahre. Er ist zwar nur gerade 1.60 Meter gross, dennoch ist er sportlich und gut trainiert. Seine bescheidene Körpergrösse kompensiert er mit übertriebenem Wagemut: Er zeigt Kunststücke beim Reiten, ist ein geschickter Schlittschuhläufer, liebt Fechtkämpfe und Pistolenschiessen und durchschwimmt schon mal den Bodensee bis zur Insel Reichenau – zu einer Zeit, als sonst kaum jemand schwimmen kann.

Auch reitet Louis-Napoléon auf seinem Araberhengst in halsbrecherischem Tempo von Arenenberg nach Konstanz, die rund zehn Kilometer legt er in 15 Minuten zurück, also in einem Tempo von vierzig Kilometern pro Stunde! Er will an der Zollstelle vorbeigaloppieren, als ihn die Zöllner aufhalten und ein Bussgeld von einem Kreuzer verlangen. Der junge Mann greift in seine Tasche und zahlt das Doppelte: «Das ist gleich für die Rückreise!» 

Schürzenjäger und Herzensbrecher

Zwischen Schaffhausen und Konstanz kennt der Prinz alle zwielichtigen Lokale. Keinen Fasnachtsball und kein Sommerfest lässt er aus. Ein badischer Freiherr berichtet in seinen Memoiren, dass sorgende Mütter damals ihre Töchter versteckten, sobald der Prinz in der Nähe auftauchte. Louis-Napoléon ist ein notorischer Schürzenjäger und Herzensbrecher, er verliebt sich fast so schnell, wie er reiten kann. 

Der französische Prinz, der astreinen Thurgauer Dialekt spricht, geht mit Maria Anna Schiess aus Allensbach eine Liason ein, einer Frau, die offenbar mit ihrem tizianroten Haar und dank ihres andalusischen Blutes eine Schönheit gewesen sein muss. Es dauert nicht lange, und Maria Anna ist von Louis schwanger. Den gemeinsamen Sohn nennt sie Bonaventur, was so viel heisst wie «schönes Abenteuer». Die junge Mutter bekommt höchstwahrscheinlich Unterhaltsgelder vom Prinzen, der sich ohne Anerkennung der Vaterschaft davonmacht. Zurück bleibt ein alter Kupferring, den Louis-Napoléon Anna geschenkt haben soll und der bis heute von den Nachkommen Maria Annas und Bonaventurs aufbewahrt wird. 

Die Geschichte des unehelichen Sohns des Prinzen verbreitet sich rasch. Noch Jahrzehnte später will man am Bodensee junge Männer mit Gesichtszügen von Louis-Napoléon entdeckt haben, im Zeitalter vor den DNA-Tests machten solche Gerüchte schnell die Runde, gerade wenn es dabei auch um viel Geld ging. 

Der Thurgauer Prinz ist tatsächlich vermögend, was Begehrlichkeiten weckt, und er wirft mit seinem reichlich vorhandenen Geld um sich, im Konstanzer Bordell an der Tulengasse soll er Stammgast gewesen sein. Als er einmal heftig mit Frau Schradin flirtet, der Gattin eines bekannten Seifenfabrikanten in Konstanz, wirft ihn der Hausherr kurzerhand aus dem Geschäft. Dafür ist er im Konstanzer Stadttheater hochwillkommen: Als er es betritt, applaudieren viele Gymnasiasten auf den Stehplätzen und skandieren lauthals seinen Namen – dass er sie dafür bezahlt hat, weiss damals kaum jemand.

Die zweite Leidenschaft des jungen Prinzen gilt neben den Frauen dem Militär. Louis-Napoléon stellt nach den amourösen Kapriolen ein Aufnahmegesuch bei der Offiziersschule in Thun. Dort begegnet er 1830 im Thuner «Freienhof» seinem militärischen Instruktor Guillaume-Henri Dufour (1787–1875). Der spätere General der Eidgenossenschaft im Sonderbundskrieg ist zu diesem Zeitpunkt Kantonsingenieur in Genf, Grossrat, eidgenössischer Oberst, Tagsatzungsgesandter und Kartograf. Dufour war 1787 in Konstanz als Flüchtling zur Welt gekommen; nicht nur diese gemeinsame Vergangenheit dürfte die beiden verbunden haben.

Dufour charakterisiert Louis-Napoléon als einen «äusserst ehrgeizigen Dickkopf». Dennoch fügt sich der französische Prinz ins militärische Ausbildungslager ein wie jeder andere. Er lernt das Geniewesen und die Kriegskunst à la française, wie Dufour es in Frankreich erlernt hat und nun in Thun vermittelt. Louis-Napoléon nimmt als Freiwilliger an militärischen Übungen teil, schläft wie alle anderen im Stroh und friert, wie er in Briefen schildert, quasi demokratisch egalitär. Er ist mit jugendlichem Feuer bei der Sache, hilft seinen Kollegen, wo er kann, trägt die Uniform der Pioniervolontäre und die Armbinde mit dem eidgenössischen Kreuz. Nur gerade eine kleine Kokarde in den französischen Landesfarben an der Mütze verweist auf seine Herkunft.

Mit seinem väterlichen Freund Dufour unternimmt der Prinz Streifzüge in die urwüchsige Natur des Berner Oberlandes. Einmal, nach schweisstreibendem Marsch, lässt sich Louis-Napoléon zur Abkühlung in einen eiskalten Bergbach fallen. Danach zieht er, ohne zu zögern, die nassen Kleider aus und breitet sie zum Trocknen auf einem sonnenwarmen Felsen aus; er selbst legt sich daneben ins Gras. Diese Vertrautheit mit Guillaume-Henri Dufour hält an. 

Im Juli 1830 sitzen Dufour und Louis-Napoléon abends am Tisch, als ein Bote die Nachricht überbringt, dass der französische König Karl X. gestürzt und geflohen sei. Der temperamentvolle Louis-Napoléon ist aufgeregt wie nie zuvor und rennt gleich zum Schlaflager, um seine Siebensachen zu packen: Er will augenblicklich nach Frankreich reisen! Dufour fleht ihn an, Besonnenheit walten zu lassen und ein paar Tage abzuwarten. 

Napoleon III.
Napoleon III., Gemälde von Franz Xaver Winterhalter © wikimedia commons

Louis-Napoléon bleibt in der Folge wirklich in der Schweiz; in Paris kommt das Bürgertum an die Macht, und Louis-Philippe, der wie der Thurgauer Prinz eine Schweizer Vergangenheit hat, wird neuer König Frankreichs, der «Bürgerkönig». Das passive Zuschauen aus der Ferne politisiert Louis-Napoléon. Anstatt das hedonistische Flohnerleben eines Dandys zu zelebrieren, informiert er sich, trifft geflohene Gesinnungsgenossen und schmiedet politische Pläne. Das Schloss Arenenberg im thurgauischen Salenstein ist seit dem Einzug von Hortense ein Zentrum für Leute aus Adel, Politik, Wirtschaft und Kultur – nur der nomadisierende Ex-König Schwedens, Gustav IV. Adolf, fehlt in der Liste ehemaliger Gäste; jetzt wird das Schloss in Salenstein zum internationalen Treffpunkt junger Revolutionäre.

Mit solchen Gesinnungsfreunden eilt Prinz Louis-Napoléon im Herbst 1830 nach Italien und gerät dort mitten in die revolutionären Wirren. Er schlägt sich auf die Seite der Verschwörer, die Rom vom päpstlichen Joch befreien wollen – er scheitert erstmals und kläglich mit einem Putschversuch. Louis-Napoléon flieht, verkleidet als Diener, über Genua und Paris nach London: Von dort gelangt er schliesslich wieder nach Arenenberg.

Die Umstände des Ehrenbürgerrechts

Zwei Jahre später – 1832 – will die Thurgauer Gemeinde Salenstein dem jungen Prinzen das Ehrenbürgerrecht verleihen, aufgrund der «vielfach zuteil gewordenen Wohltaten». Doch dazu ist das Bürgerrecht des Kantons Thurgau notwendig, welches Louis-Napoléon nur erhält, wenn er auf die französische Staatsbürgerschaft verzichtet – eine ähnliche Regelung kennen wir bereits von Basel, vom Einbürgerungsverfahren Gustav IV. Adolfs.

Anders als beim Schwedenkönig kommt ein Verzicht für den jungen Franzosen keinesfalls infrage. Daraufhin werden die Thurgauer kreativ: Anstelle des örtlichen Ehrenbürgerrechts weichen die Thurgauer Behörden auf ein kantonales Ehrenbürgerrecht aus und lassen eine prächtige Urkunde ausstellen. Dies ist das erste und einzige Ehrenbürgerrecht, das der Kanton Thurgau in seiner Geschichte je verliehen hat. 

Im selben Jahr geschieht in der Ferne Epochales: Louis-Napoléons Vetter Napoleon II. stirbt in Wien unerwartet, im Alter von erst 21 Jahren. Dadurch rückt der frisch ernannte Thurgauer Ehrenbürger in der dynastischen Thronfolge nach vorn und ist nun erster Anwärter der Bonapartisten auf die französische Kaiserkrone. 

Das Schloss Arenenberg in Salenstein: Hier treffen sich Revolutionäre aus ganz Europa.
Das Schloss Arenenberg in Salenstein: Hier treffen sich Revolutionäre aus ganz Europa. © Privatbesitz

Vorerst wirkt Louis-Napoléon allerdings weiterhin in der Schweiz. 1834 besucht ihn seine Cousine Mathilde Bonaparte. Er, der gerne mit Frauen schäkert, verliebt sich in die anmutige junge Frau und macht ihr schon bald einen Heiratsantrag. Er kann sich mit ihr ein Leben im neu erworbenen Schloss Gottlieben direkt am See vorstellen. Doch sie lehnt lachend ab, worauf er sich frustriert in die Arbeit stürzt. Er verfasst politische und militärische Schriften, unter anderem das «Handbuch zum Gebrauch der Artillerie», ein 528 Seiten dickes Standardwerk der Waffentechnik. Regelmässig nimmt er an Militärübungen teil, sodass ihn der Kanton Bern zum Hauptmann seiner Artillerie ernennt. 

Zusammen mit seinem militärischen Freund Dufour und mit dem Konstanzer Mechaniker Donatus Klein konstruiert er neuartige Kanonen, die sich mit einem Zug aus Stahl bewegen lassen. Um die Geschosse zu testen, stellt er die Kanonen bei sich im Arenenberg auf und ballert ohne Rücksicht über den Seerhein in Richtung Insel Reichenau. Pulverdampf, Kanonenschüsse und fliegende Geschosse sorgen dort in dieser nachrevolutionären Zeit für grosses Aufsehen – dabei sind es bloss harmlose Probeschüsse. Bei seiner Hingabe für das Schiesswesen verwundert es nicht, dass Louis-Napoléon mit Gleichgesinnten 1835 den Thurgauer Schützenverein in Ermatingen gründet: im «Adler», in einer seiner Stammkneipen. Seine Mutter stickt die Fahne, während er eine Jagdflinte als Ehrengabe stiftet. Zudem hilft er am ersten kantonalen Schützenfest tatkräftig mit und übernimmt später sogar das Präsidium des Schützenfests in Diessenhofen. 

Die Schweiz ist seine Heimat, Frankreich sein Vaterland. Trotz seines lokalen Wirkens behält er die politische Lage in Frankreich im Auge. Mehr noch: Mit seinen politischen und militärischen Schriften positioniert er sich bewusst als ernstzunehmenden Staatsmann und Heerführer. Im Oktober 1836 glaubt der mittlerweile 28-jährige Louis-Napoléon, dass seine Zeit endlich gekommen ist: Er will in Strassburg die Garnison für einen Putsch gewinnen. Mit diesen Soldaten plant er, Paris zu erobern und den französischen Bürgerkönig Louis-Philippe zu stürzen. Die Wildheit, die er in jungen Jahren im Thurgau gezeigt hatte, überträgt sich jetzt auf seine politischen Vorhaben. 

Doch auch dieser Putschversuch misslingt – bereits nach drei Stunden. Der Thurgauer Prinz wird gefangen genommen. Aber König Louis-Philippe zeigt Milde und stimmt einer Begnadigung unter der Bedingung zu, dass der Gefangene nach Amerika ins Exil gehe. Der Bürgerkönig steckt dem Thurgauer Putschisten sogar noch ein sehr grosszügig bemessenes Reisegeld von 16 000 Franken zu, worauf Louis-Napoléon über den Atlantik nach New York schifft.

Nur gerade dreieinhalb Monate bleibt er dort, dann erreicht ihn die Meldung, dass seine Mutter Hortense sterbenskrank sei: Unverzüglich reist Louis-Napoléon in die Schweiz zurück. Am 4. August 1837 trifft der Prinz in Arenenberg ein, am 5. Oktober stirbt Hortense. Louis-Napoléon zeigt daraufhin keine Lust, sich wieder in ein überseeisches Exil zurückzuziehen. Stattdessen zieht er vom Arenenberg ins Schloss Gottlieben direkt am Seerhein um. 

Paris verlangt von der Eidgenossenschaft die sofortige Ausweisung Louis-Napoléons, dieses staatsgefährdenden Putschisten. Die offizielle Schweiz ist sich uneinig: Soll man den Prinzen ausweisen und dem Druck Frankreichs nachgeben? Schliesslich entscheidet sich die Mehrheit der Tagsatzung dagegen und beruft sich dabei auf das thurgauische Ehrenbürgerrecht. Daraufhin zieht Frankreich Truppen an der Grenze zur Schweiz zusammen und bereitet eine Invasion vor. Auf der anderen Seite mobilisieren Genf und die Waadt ihre Milizen, und auch der Aargau bietet Truppen auf. Die Eidgenossen bestimmen einen General, zwischen Frankreich und der Eidgenossenschaft droht ein Krieg. 

Diese handfeste Krise wird als «Napoleonhandel» oder «Prinzenhandel» in die Geschichtsbücher eingehen. Beide Bezeichnungen sind irreführend, denn ein Handel im eigentlichen Sinn ist es nicht. Wer kurz vor dem Ausbruch des Kriegs handelt, ist Louis-Napoléon selbst. Auf den Rat Dufours und weiterer Freunde entscheidet er sich nach langem Zögern, die Schweiz zu verlassen und damit die Kriegsgefahr zu entschärfen. Er verabschiedet sich in der Konstanzer Stammkneipe «Zum goldenen Adler» von seinen Zechkumpanen, bevor er im September 1838 ins Exil nach London geht. Louis-Napoléon ist jetzt dreissig Jahre alt. Er wird die Schweiz und den Arenenberg für mehr als ein Vierteljahrhundert verlassen.

Das eheliche Kind und die anderen Kinder

Sein ungestümes Wesen, wie wir es aus seiner Jugend im Thurgau kennen, führt zu manchem Abenteuer im weiteren Leben des Louis-Napoléon. Hier nur so viel in Kürze: Ein erneuter Putschversuch scheitert 1840; Louis-Napoléon wird in der Folge zu lebenslanger Haft verurteilt und in der Festung Ham eingekerkert. Das hindert ihn nicht, seiner anderen Leidenschaft nachzugehen, nämlich der, den Frauen nachzustellen. Er hat ein Verhältnis mit der Wäscherin des Gefängnisses, mit Alexandrine Eleonore Vergeot, die ihm zwei uneheliche Söhne gebärt. Danach hat er eine Affäre mit Elisa Rachel Felix, einer der damals berühmtesten Schauspielerinnen Europas, die im Übrigen im schweizerischen Mumpf zur Welt gekommen war.

Derlei Beziehungen, seine unehelichen Kinder und sein aufwändiger Lebenswandel kosten viel Geld, weshalb Louis-Napoléon seine Thurgauer Schlösser verkauft – Schloss Gottlieben im Jahr 1842, Schloss Arenenberg im Jahr 1843. Er sagt sich damit von der Schweiz los. 1846 gelingt ihm, als Maurergeselle verkleidet, die Flucht aus dem Gefängnis nach England. Auch dort findet er wieder eine Frau, die mit ihm eine Beziehung eingeht: Elizabeth Howard ist eine sehr vermögende englische Lady, die dem mittellosen Asylanten ein Haus in der Berkeley Street in London mietet und mit ihm dort einzieht.

Mit ihrem Geld finanziert Louis-Napoléon die aufwändigen Anstrengungen, sich zu rehabilitieren. Er startet eine regelrechte Werbeoffensive: Sein Konterfei lässt er in riesigen Auflagen drucken und an Kiosken und in Schaufenstern auslegen, Flugblätter werden verteilt, und er bezahlt sogar Bänkelsänger, damit diese das hohe Lied des neuen Napoleons singen.

Es funktioniert. Louis-Napoléon wird 1848 mit 75 Prozent der Stimmen zum ersten Präsidenten der zweiten Republik gewählt. Seine Geldgeberin Howard zieht mit ihm nach Paris, ist weiterhin seine Geliebte und wohnt in der Nähe des Élysée-Palasts. Der Thurgauer Ehrenbürger trägt noch immer einen Funken Wildheit in sich und putscht 1851 abermals: Zum ersten Mal in seinem Leben hat er mit einem Staatsstreich Erfolg. Louis-Napoléon wird 1852 Kaiser von Frankreich und nennt sich jetzt Napoleon III. – Frankreich wird damit von einem französischen Kaiser mit Thurgauer Migrationshintergrund regiert, der Thurgauer Dialekt spricht! Seine Geliebte Elizabeth Howard speist er mit dem Titel «Gräfin de Beauregard» und einem Schloss in La Celle-Saint-Cloud ab und heiratet kurz darauf Herzogin Eugenie de Montijo, die damit zur Kaiserin Frankreichs wird. 

Verheiratet zu sein, hält den Kaiser keineswegs davon ab, aussereheliche Liebschaften zu pflegen. Ab 1855 verkehrt er mit Virginia Oldoini di Castiglioni, einer extravaganten Italienerin, die in den Pariser Salons im Rufe steht, den Kaiser auszuspionieren. Ein Jahr später kommt sein erster legitimer Sohn zur Welt, Napoléon Eugene Louis Bonaparte, in der Familie «Lulu» gerufen. Gleichzeitig gehen des Kaisers aussereheliche Kapriolen weiter. 1857 hat er eine Beziehung mit Marie-Anne Walewska. Besonders pikant ist dabei: Sie ist die Frau seines Aussenministers, der mit ihm indirekt verwandt ist. 1863 folgt mit Marguerite Bellange bereits die nächste Liebhaberin, die als Justine Le Boeuf als Schauspielerin und akrobatische Tänzerin auftritt und ihm den Sohn Charles Jules Auguste Francois Marie Le Boeuf gebärt. Schliesslich hat er auch mit Louise de Mercy-Argenteau eine Liebesbeziehung, einer Gräfin, die das Zusammensein sogar im Buch «The last Love of an Emperor» verewigt.

Der letzte Besuch, eine Heimkehr

1865 – der Kaiser ist mittlerweile 57 Jahre alt und führt Frankreich, das er sukzessive modernisiert, mit harter Hand. Oppositionelle weist er aus, lässt sie reihenweise verhaften oder versetzt sie in Strafkolonien. Von der Schweiz verlangt er die Ausweisung französischer Flüchtlinge; dabei scheint er zu vergessen, dass er selbst dereinst einer war! Sein Feind Victor Hugo bezeichnet ihn konsequent als «Napoléon le petit». 

Doch Kritik, Häme und Politik lässt Napoleon III. hinter sich, als er mit seiner Frau in die Schweiz reist – notabene mit der Eisenbahn, die dann im 21. Jahrhundert nach ihm benannt werden wird. Um offizielle Empfänge zu vermeiden, ist der Kaiser in diesem August 1865 inkognito als «Graf von Pierrefonds» unterwegs. Die kleine Tour de Suisse beginnt in der Ostschweiz. Die Thurgauer Zeitung sendet einen Reporter zum Bahnhof in Konstanz, von wo dieser ungewöhnlich blumig von der Ankunft des Kaiserpaars berichtet: «Und richtig, da kam er, zwar etwas gebückten Hauptes, aber sehr gesund und frisch aussehend, wir möchten fast sagen blühend. Scharfen Auges und freien Blickes, den Stempel des Herrschers auf der Stirne tragend, steigt er in den Wagen, vor ihm die Kaiserin, eine schöne, jugendliche, wahrhaft kaiserliche Gestalt, lachend und scherzend, in einfacher, aber umso einnehmenderen Kleidung und ein Mündchen voller Porzellanzähne zeigend, um welche sie Eva im Paradies beneidet haben dürfte.»

Der «blühende» Kaiser Frankreichs weilt dann vom 18. bis am 21. August im Schloss Arenenberg. Als er es vor 27 Jahren verlassen musste, hatte er beim Abschied gesagt: «Ich scheide mit Schmerzen von euch; wenn ich aber wieder komme, soll Freude walten.» 

Das tut es! Bollerschüsse annoncieren den freudigen Besuch, der Salensteiner Männerchor bringt ein Ständchen dar, eilig errichtete Triumphbögen schmücken die Strassen, ein grosses Feuerwerk erhellt den Nachthimmel. Eine Spazierfahrt mit dem Dampfboot Arenenberg führt den hohen Gast nach Schaffhausen, wo er im «Kronenhof» absteigt und wo ihn ein Kadettenkorps empfängt. Napoleon III. freut sich, den Thurgau, «den Ort der glücklichen Jugendzeit», wiederzusehen, vor zehn Jahren hat er das Schoss Arenenberg zurückgekauft.

Jetzt füllt er auf der Schlossterrasse die Kelche seiner Gäste eigenhändig mit Champagner. Volksnah schüttelt er die Hände des jubelnden Publikums, spricht mit den Gästen, verteilt Auszeichnungen, unter anderem an Donatus Klein, den Mechaniker aus Konstanz, der ihm dreissig Jahre zuvor bei der Entwicklung neuer Kanonen geholfen hatte. Die Konstanzer Zeitung schwingt sich angesichts des kaiserlichen Besuchs zu poetischen Höhen empor: «Wie ein unberechneter Komet kam er blitzeschnell mit Dampfesflügeln dahergefahren, einen Schweif von Hofleuten und Mouchards hinter sich herziehend, und ist, nachdem man sich kaum vom Erstaunen erholt hatte, ebenso geschwind wieder verschwunden, einen Goldregen über Arenenbergs Umgebung sprühend […]» Tatsächlich hat der Kaiser fast «Gold regnen» lassen, indem er die drei Kirchgemeinden mit insgesamt 30’000 Franken zugunsten der Armen in der Gegend beschenkt.

Weiter geht die Reise nach Einsiedeln, zu dem Kloster, das ihm und seiner Mutter einst Zuflucht geboten und wo er seine Erstkommunion empfangen hat. Der Kaiser beschenkt das Kloster mit einem vergoldeten Kronleuchter. Dessen Wert wird auf 40’000 Franken und sein Gewicht auf immense 26 Zentner geschätzt. Via Luzern–Brünig gelangt Napoleon III. anschliessend ins Städtchen Thun, wo er einst seine militärische Ausbildung genossen hat. Dort besichtigt er das Übungsfeld der Offiziere auf der Allmend sowie die neue Kaserne. Die von Freuden erfüllte Reise endet allerdings tragisch: Als beim Bahnhof Neuenburg die Lokomotive pfeift, scheut ein Pferd des Kaisertrosses und brennt durch. Drei Gesellschaftsdamen von Eugenie erleiden Bein- und Armbrüche.

Viel arger kommt es fünf Jahre später für den Kaiser selbst: Napoleon III. verliert 1870 nicht nur den Deutsch-Französischen Krieg, sondern auch die Kaiserkrone. Sein Hab und Gut will er retten, indem er Kutschen, Pferde, Kleider und Wäsche in den Thurgau, seine alte Heimat, bringen lässt. Doch der abgesetzte Kaiser erkrankt ernsthaft, und seine Frau Eugenie reist mit ihm nach England ins Exil, wo er unglücklich ist und drei Jahre später stirbt. 

Das Schloss Arenenberg bleibt nach dem Tode von Napoleon III. im Besitz der Ex-Kaiserin Frankreichs. Sie kommt noch ein paar Mal im Sommer dorthin und empfängt Fürsten und Baronessen, Könige und Prinzessinnen, Herzöge und Gräfinnen. 1906 vermacht die mittlerweile achtzigjährige Eugenie das Schloss dem Kanton Thurgau – mit der Auflage, darin das Vermächtnis von Napoleon III. sichtbar zu halten. Seither beherbergt es das Napoleonmuseum und verzeichnet jährlich rund 30’000 Besucherinnen und Besucher. 

Der mehr als zwei Tonnen schwere Kronleuchter aber hing jahrzehntelang in der Klosterkirche Einsiedeln, wo er stilistisch nicht richtig hinpasste. Deshalb gelangte er in die historistische Kirche St. Antonius in Rothenthurm, wo er noch heute den Kirchenraum erhellt.

131 Jahre nach Napoleons Tod wird die Zugkomposition Thurbo der Regionalbahn nach ihm benannt, auch wenn sein Leben nicht immer ruhig wie auf einer Schiene verlief. Eine Bergbahn «Napoleon III.» hätte angesichts der Berg-und-Tal-Fahrten in seinem Leben vielleicht besser gepasst. 

Blaues Blut. Royale Geschichten aus der Schweiz», Michael van Orsouw, Verlag Hier und Jetzt, 2019, CHF 39.–. www.hierundjetzt.ch

Michael van Orsouw

ist Schriftsteller und promovierter Historiker aus Zug. Er hat für sein literarisches Schaffen diverse Auszeichnungen und Literaturpreise in Deutschland, Österreich und der Schweiz erhalten. Er schreibt Bücher, für die Bühne und fürs Radio. www.michaelvanorsouw.ch