
Auch im Alter kann man noch fitter werden
Ältere Menschen werden zwangsläufig immer kränker? Irrtum! Neue Studien zeigen, dass viele über 65-Jährige gesundheitliche Fortschritte machen. Zudem ist das Risiko, an Demenz zu erkranken, in den letzten vierzig Jahren um zwei Drittel gesunken.
Text: Claudia Senn
Die landläufige Meinung lautet, dass es im Alter mit der Gesundheit nur noch bergab gehen kann. Doch nun haben Wissenschaftler von der Yale University gezeigt, dass der Niedergang gar nicht so unausweichlich ist, wie viele glauben. Auch nach dem 65. Geburtstag können Menschen noch an Fitness zulegen, schrieben die Forschenden im Fachmagazin «Geriatrics». Gesundheitliche Verbesserungen seien bis ins hohe Alter möglich. Offenbar sind sie auch keineswegs die seltene Ausnahme.
Zu diesem Schluss kamen die Wissenschaftler Becca Levy und Martin Slade, nachdem sie Daten der «Health and Retirement Study» ausgewertet hatten, der grössten Langzeitstudie über das Altern in den USA. Seit 1992 begleitet dieses Megaprojekt eine repräsentative Auswahl von rund 20’000 Amerikanerinnen und Amerikanern, um die komplexen Wechselwirkungen zwischen Gesundheit, finanzieller Situation und Arbeit im Alter zu untersuchen. Neben vielen anderen Parametern erfasst die Studie auch die kognitive Leistungsfähigkeit sowie die Gehgeschwindigkeit, die als Indikator für die körperliche Fitness gilt. Ausserdem wollen die Forschenden von ihren Probandinnen und Probanden wissen, welche Einstellung sie zum Thema Altern haben.
Ein positives Altersbild hilft
Die Yale-Forscher Levy und Slade analysierten nun Daten über einen Zeitraum von zwölf Jahren und entdeckten, dass 45 Prozent der über 65-Jährigen im Laufe der Zeit leistungsfähiger wurden. Dabei verbesserte sich bei 32 Prozent die geistige Fitness, bei 28 Prozent die körperliche, und 14 Prozent machten in beiden Kategorien Fortschritte. Auffällig war zudem, dass jene Seniorinnen und Senioren, die ein positives Altersbild pflegten, grössere Chancen darauf hatten, dass es ihnen tatsächlich gut ging. Die innere Haltung scheint sich also direkt auf die Gesundheit auszuwirken.
Leider sind negative Erwartungen über das Altern jedoch weit verbreitet. So gaben in einer globalen Umfrage der internationalen Alzheimer-Vereinigung vor zwei Jahren 80 Prozent der Befragten an, dass Demenz ein normaler Bestandteil des Alterungsprozesses sei. Auch 65 Prozent des medizinischen Fachpersonals glaubten, Demenz sei keine Krankheit, sondern gehöre zum Altern mit dazu. Richtig liegen sie damit nicht.
Obwohl die Gesamtzahl der Erkrankten aufgrund der alternden Bevölkerung steigt, ging das Risiko, an Demenz zu erkranken, in den letzten vierzig Jahren um zwei Drittel zurück. Das zeigten drei Hirnforscher der Duke University in Durham, North Carolina, auf. In einer Grafik veranschaulichten sie eindrücklich, wie die Demenzraten immer weiter sanken. Während unter den 85- bis 89-Jährigen, die in den USA zwischen 1895 und 1899 geboren wurden, noch 30 Prozent eine Demenzerkrankung entwickelten, war dies bei derselben Altersgruppe, die zwischen 1935 und 1939 geboren wurde, nur noch bei 13 Prozent der Fall. Wer im Jahr 2024 zwischen 85 und 89 Jahre alt war, hatte sogar nur noch ein 10-prozentiges Demenzrisiko.
Nicht nur in den Vereinigten Staaten lässt sich diese erfreuliche Entwicklung beobachten. Für Schweden, die Niederlande, Grossbritannien und Frankreich existieren ähnliche Zahlen. In der Schweiz fehlt entsprechendes Datenmaterial, das man mit der Studie aus den USA vergleichen könnte, sagt Janine Gehrig-Weibel, Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Alzheimer Schweiz.
Bessere Ernährung, bessere Medizin
Die Gründe für den Rückgang liegen in der verbesserten medizinischen Versorgung und Ernährung. Während die sehr frühen Jahrgänge in ihrer Kindheit noch Hunger leiden mussten und durch Kriege und Weltwirtschaftskrise traumatisiert waren, änderte sich das Leben nach dem 2. Weltkrieg dramatisch zum Besseren. Die Medizin machte entscheidende Fortschritte in der Demenzprophylaxe. Risikofaktoren wie Diabetes, Bluthochdruck oder erhöhte Cholesterinwerte bekam sie nun besser in den Griff. Hör- und Sehverlust blieben kein Schicksal mehr, sondern liessen sich mit modernen Eingriffen und technisch immer ausgeklügelteren Hörgeräten bekämpfen.
Nachdem in den 1960er-Jahren die Folgen des Tabakkonsums bekannt wurden, sank der Anteil der Raucher kontinuierlich, ab den 1970ern ging auch der Alkoholkonsum zurück. Mit der Einführung des Katalysators in den 1980ern und höheren Umweltauflagen für Industrie und Privathaushalte stiegt die Luftqualität, was sich ebenfalls positiv auf die Gehirngesundheit auswirkte. Moderne Antidepressiva, die viel gezielter wirkten und weniger Nebenwirkungen hatten, revolutionierten die Psychiatrie. All diese Entwicklungen führten dazu, dass das Risiko für geistigen Abbau im Alter deutlich sank.
Heute liessen sich zudem bis zu 45 Prozent aller Demenzerkrankungen verhindern oder verzögern – durch die Beeinflussung der bekannten Risikofaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel oder zuwenig soziale Kontakte. Wer sich bewusst ist, dass selbst im hohen Alter noch eine Gesundheitsverbesserung möglich sein kann, rafft sich vielleicht eher zu Sport auf und schafft es so, die gesunde Phase des Alters in die Länge ziehen. Es ist nie zu spät, damit anzufangen.
Doch auch für Sportmuffel gibt es eine positive Nachricht aus der Wissenschaft: Eine Studie aus Wales hat kürzlich gezeigt, dass die Impfung gegen Gürtelrose das Risiko, an Demenz zu erkranken, um 20 Prozent reduzieren könnte. Zwei weitere Studien aus Kanada und Australien kommen zum gleichen Ergebnis. Bei Frauen ist dieser Effekt etwas grösser als bei Männern. «Es wird schon länger diskutiert, dass bestimmte Viruserkrankungen mit der Entstehung von Demenz zusammenhängen könnten», sagt Janine Gehrig-Weibel von Alzheimer Schweiz. «Um die Ergebnisse zu bestätigen und den Wirkmechanismus besser zu verstehen, benötigt es allerdings noch weitere Forschung.» Zudem werde in der Schweiz meist der Impfstoff Shingrix empfohlen, und nicht das in den Studien verwendete Zostavax. Eine gute Nachricht ist der erfreuliche Zusatznutzen der Impfung jedoch alleweil.