
Zora del Buono: «Ich wollte nie lügen, aber es ging nicht ohne»
Ihr Vater starb, als Zora del Buono noch ein Baby war. Nun verliert die Autorin ihre Mutter an Demenz, Stück für Stück. Über ihren Umgang mit dem Unzumutbaren.
Text: Maximilian Jacobi Fotos: Mirjam Kluka
Ich möchte Ihnen etwas vorsingen: «Der Mensch an sich ist einsam und bleibt verlassen zurück …»
«… sucht man sich nicht gemeinsam ein kleines Stück von dem Glück.» Das ist die Knef.
Was bedeutet Ihnen Hildegard Knef?
Viel! Ihre Liedtexte finde ich genial. Zum Beispiel den mit der Birke: «Ich brauch Tapetenwechsel, sprach die Birke, und macht sich in der Dämmerung auf den Weg.» Dann endet sie als Kommode.
Sind Sie mit der Knef einverstanden, ist der Mensch einsam?
Nun, wir kommen allein auf die Welt und sterben allein. Dazwischen vergessen wir unsere Einsamkeit, wenn es gut läuft, wenn wir frisch verliebt sind beispielsweise. Die Einsamkeit schimmert aber immer wieder durch. Am Abend liegen wir allein mit unseren Gedanken im Bett. Aber in einer Beziehung einsam zu sein, ist das Schlimmste. Lieber bin ich allein einsam.
Würden Sie auch sagen, der Mensch bleibt verlassen zurück?
Im Leben bleiben wir oft verlassen zurück, schon als Baby. Aber vielleicht nehme ich das so wahr, weil ich als achtmonatiges Kind wirklich verlassen wurde, durch den Unfalltod meines Vaters und die Verstörung meiner Mutter.
Welchen Einfluss hatte der Tod Ihres Vaters auf die Beziehung zu Ihrer Mutter?
Die wurde super-symbiotisch. Ich wollte meine Mutter für mich haben, hatte immer Angst, sie zu verlieren. Sie sah sehr gut aus und hatte natürlich Anwärter. Doch die habe ich weggebissen. Ich stampfte auf, knallte Türen, machte Terz, wenn einer nur schon aus der Ferne auftauchte. Diese possessive Seite an mir gefällt mir nicht. Ich finde Besitzansprüche an eine Person grässlich. Das ist übergriffig. Deswegen habe ich mich in einer festen Zweierbeziehung nie wohlgefühlt.
Mit wem suchen Sie «gemeinsam ein kleines Stück von dem Glück», um bei der Knef zu bleiben?
Mit Freunden. Und mit Hunden.

«In crazy Romanzen habe ich mich wohlgefühlt.»
Sie sagen, Sie haben sich in Paarbeziehungen nie wohlgefühlt?
In zum Scheitern verurteilten Liebesgeschichten schon, in crazy Romanzen. Ich hatte mal etwas mit einem viel jüngeren Mann, ich um die 50, er um die 20. Oder als ich Mitte 30 war, hatte ich jahrelang ein Verhältnis mit einem schwulen Mann.
Sie führten eine Heterobeziehung mit einem schwulen Mann?
Naja, sie war etwas ausserhalb der Norm, weil ich ja vorher mit Frauen zusammen war. Er hatte auch noch etwas mit Männern, aber das störte mich nicht. Im menschlichen Dasein ist alles möglich. Es steckt wahnsinnig viel in uns drin, das wir wegen irgendwelcher Konventionen nicht ausleben. Wenn dich ein Mensch inspiriert, egal ob Mann oder Frau, schenkt dir das Energie.
Warum mögen Sie Beziehungen mit Ablaufdatum?
Ich glaube, das ist bei mir ein frühkindliches Trauma, ausgelöst durch den Tod meines Vaters. Dass du weisst, jemand kann aus dem Haus gehen und nie mehr zurückkommen. Und du dich deshalb vorsichtshalber nicht auf etwas einlässt, das wirklich funktionieren könnte. Ein Selbstschutz. Aber reden wir nur über mein Liebesleben?
Für Ihr Buch «Seinetwegen» suchten Sie nach dem Mann, der Ihren 33-jährigen Vater totfuhr. Worum geht es in Ihrem nächsten Buch?
Um alleinstehende Frauen in den Sechziger- und Siebzigerjahren, sogenannte «Fräuleins». Viele von ihnen lebten sehr autonom. Sie durften arbeiten und ein eigenes Konto besitzen. Gleichzeitig galten sie als «ungepflückte Blümchen» und wurden bemitleidet oder schlicht übersehen. Unverheiratete Frauen nannte man «alte Jungfer», unverheiratete Männer erhob man zum «Hagestolz».
Kann man Alleinsein lernen?
Du musst wohl, irgendwann.
Wie haben Sie es gelernt?
Ich kenne es nicht anders. Meine Mutter wurde mit 29 Jahren Witwe. Während andere Mütter kochten und putzten, holte sie ihre Matura nach, ging an die Uni, leitete eine Galerie, fuhr coole Autos. Eine kluge, eigenständige Frau. Mit 70 Jahren zog sie noch in meine WG nach Berlin. Sie inspirierte mich. Wegen ihr wurde ich, wer ich bin.
Der Diamantring an Ihrer Hand: Ist das der Ring Ihrer Mutter?
Das ist er. Ihre Schwiegermutter schenkte ihn ihr zu meiner Geburt.
Tragen Sie ihn, wenn Sie Ihre Mutter im Heim besuchen?
Jetzt schon. Am Anfang nicht, weil ich Angst hatte, dass sie ihn erkennt. Manchmal schaut sie ihn an und spielt daran herum.
Wie oft besuchen Sie Ihre Mutter?
Zweimal pro Woche.
Wie sieht so ein Besuch aus?
Ich höckle bei ihr, halte ihre Hand. Sie erzählt etwas, das ich nicht verstehe. Sie sagt Dinge wie: «Das ist schon gut. Haben wir es gut gemacht?» Und ich bestätige dann: «Das haben wir gut gemacht.» Demenzkranke holst du in ihrem Gefühl ab, nicht in ihrem Intellekt.
Erkennt Ihre Mutter Sie noch als ihre Tochter?
Nein. Sie fragt mich oft, ob Zora auch mal herkomme.
Für immer auf sein Kind warten, weil man es nicht mehr erkennt. Das klingt traurig.
Manchmal sieht sie eine Pflegerin, die meine Figur hat. Dann sagt sie: «Da kommt Zora.» Das ist doch wunderbar. Für einen Moment war Zora da. Und immerhin existiere ich in ihrem Kopf. Sie weiss noch, dass es mich gibt. Aber sie erkennt ihre Tochter nicht in der 63-Jährigen, die vor ihr sitzt. Anfangs versicherte ich ihr, dass ich es sei. Sie sagte: «Ach Unsinn, ich habe doch nicht so eine alte Tochter, du bist ja älter als ich!» Um sie nicht zu verwirren sage ich mittlerweile, dass Zora gestern hier war und morgen wiederkomme. «Dann ist ja gut», sagt sie dann.
Haben Sie den Eindruck, dass sich Demenzkranke einsam fühlen?
Meine Mutter nicht. Sie lebt in einem Demenzheim und sitzt die meiste Zeit im Gemeinschaftsraum. Manchmal lacht sie, wenn jemand reinkommt. Sie sagt dann: «Der dort.» Und ich: «Was ist mit dem?» Sie: «Der ist mir einer, oder?» Ich: «Ja, der ist wirklich einer.»

«Mich über den Willen meiner Mutter hinwegsetzen – das war das Schlimmste.»
Was war der schwierigste Moment mit Ihrer demenzkranken Mutter?
Als ich sie das erste Mal in die Ferienabteilung des Heims brachte, weil ich mich zwei Wochen nicht um sie kümmern konnte, und sie mich erschrocken fragte: «Du lässt mich nicht etwa allein hier?» Mich über ihren Willen hinwegsetzen – das war das Schlimmste.
Wie überzeugten Sie sie?
Ich sagte, ich hole sie morgen wieder ab. Ich wollte eigentlich nie lügen. Irgendwann merkte ich, dass das ein hehres Ideal ist. Ohne Lügen ging es nicht.
Lügen sind nur dann ein Problem, wenn Menschen sich erinnern …
Ja, sie vergisst sowieso, was ich ihr sage. Noch am selben Abend sassen wir im Restaurant des Heims. Im Winter brennt dort ein Gasfeuer in einem Cheminée. Sie sah sich um und sagte: «Es war klug, dass ich das hier gekauft habe, oder?» Ich dann: «Ja, toll, eine super Investition.» Da strahlte sie. Herzig, wie zufrieden sie da war. Meiner Mutter sage ich nur noch, was das Beste für die Situation ist. So kann ich die Momente nehmen, wie sie sind. Man muss lernen, ihren Gedankensprüngen zu folgen. Widerspruch ist zwecklos.
Enthüllt die Demenz auch neue, schöne Seiten bei Ihrer Mutter?
Sie ist oft lustig. Manchmal, wenn jemand einen Raum betritt, sagt sie Dinge wie: «Du bist aber ein Schätzchen.» Früher hätte sie das nie zu jemandem gesagt, war immer reserviert, konnte giftige Bemerkungen machen. In der Demenz ist sie liebenswürdiger, ruht in sich. Manchmal, wenn sie aufwacht, lächelt sie, schaut in die Luft und schliesst die Augen wieder. Ich merke, sie sieht Bilder, die sie selbst produziert. Dort, wo sie dann ist, stelle ich es mir schön vor.
In «Seinetwegen» schreiben Sie von verschiedenen Phasen der Demenz. Welches ist die Schlimmste?
Alle sind irgendwie schrecklich, die einen mehr für die Betroffenen, die anderen für die Angehörigen. Die erste Irritation war, als sie Räume verwechselte, und ich merkte, dass etwas mit ihrem Kopf nicht mehr in Ordnung ist. Die Phase der Ablehnung, der Verleugnung, als sie es nicht wahrhaben wollte. Dann das Sich-Zurückziehen, als sie Ausreden erfand, um sich nicht mit Freunden treffen zu müssen. Dann die Phase, in der sie verzweifelte, mit dem Schicksal haderte, schimpfte. Das war die schlimmste.
Warum?
Meine Mutter sagte mir ein Leben lang, ich solle mir keine Sorgen um sie machen: «Ich sterbe sicher, bevor ich gaga bin.» Dann musste sie feststellen, dass sie doch nicht vorher sterben würde. In solchen Momenten war ihre stumme Verzweiflung zu spüren, wenn sie merkte, dass sie «gaga» wurde und nichts dagegen tun konnte. Das tat weh.
Was für Momente waren das?
Einmal kam sie aus dem Bad und hatte die Augenbrauen mit rotem Lippenstift angemalt. Sie wusste noch: Lippenstift gehört ins Gesicht, aber nicht mehr wohin genau. Ich rief dummerweise: «Mami, jesses, wie siehst du aus?» Und das stürzte sie in Verzweiflung. Es war so deprimierend. Nicht, weil sie Farbe im Gesicht hatte. Sondern weil ihr Kopf ihr solche Streiche spielte.
Sprachen Sie mit ihr über ihre Demenz?
Nein, sie verweigerte jedes Gespräch. In den zehn Jahren Krankheitsverlauf sagte sie dazu höchstens mal: «Meinst du, es ist lustig, zu vertrotteln?»
Sorgte Ihre Mutter vor, als sie merkte, dass sie dement wurde?
Nein. Wer sich um sie kümmern soll, wie es danach weitergeht, in welches Heim sie kommt – diese Entscheidungen hat sie mir überlassen, stillschweigend.
Waren Sie Ihrer Mutter böse, weil sie Sie mit solchen Entscheidungen allein liess?
Anfangs schon. Aber Realitätsverweigerung gehört zur Demenz dazu. Meine Mutter kann nichts dafür.
Wann merkten Sie: Meine Mutter muss ins Heim?
Als mich die Polizei anrief. Sie hatten meine Mutter aufgegriffen, wie sie in unpassender Kleidung durchs Dorf irrte. Sie wollte vermutlich Hilfe holen. Unser Freund, der bei ihr lebte, war zusammengebrochen, er war krank. Oft geht es dann ja ruckzuck. Ein Sturz, eine Fraktur, ein Krankenhausaufenthalt. Und sie kommen nie wieder nach Hause.
Hatten Sie ein schlechtes Gewissen, weil Sie insgeheim das Gefühl hatten, Ihre Mutter ins Heim «abzuschieben»?
Klar fühlst du dich schlecht. Aber du musst dich darauf berufen, was deine Mutter gesagt hat, als sie noch klar war. Denn ist sie einmal dement, sagt sie: «Lass mich nicht allein.» Es gibt Menschen, die geben dann ihren Job, ihre Beziehung und sich selbst auf, um die Eltern zu pflegen. Ich bewundere das, halte es aber für ungesund. Eine Ärztin in der Memory-Klinik sagte mir: «Geben Sie Ihre Mutter in professionelle Hände, bevor Sie anfangen, sie zu hassen.» Ein schlimmer Satz. Aber sie hatte recht. Wenn du merkst, dein Vater oder deine Mutter macht dich ganz verrückt oder aggressiv, ist das ein Warnzeichen. Ich weiss, meine Mutter hätte in klarem Zustand niemals gewollt, dass ich sie pflege.
Fällt es uns vielleicht so schwer, unsere Eltern abzugeben, weil wir als Kinder immer noch ihre Anerkennung suchen?
Ich bin in einer Angehörigengruppe für Demenz. Dort sehe ich öfter, dass sich ausgerechnet dasjenige Kind für die Eltern aufopfert und sein Leben aufgibt, das sich ungeliebt fühlte. Weil es am Schluss, wenigstens am Schluss, noch von den Eltern hören will: «Bist du aber ein Liebes.» Diese Worte wird es aber wohl nie hören.

«Wir haben nie über den Tod meines Vater geredet.»
Es gibt also keine Hoffnung mehr auf erlösende Aussprachen. Was würden Sie heute mit Ihrer Mutter anders machen?
Mehr reden. Mehr zuhören. Nachfragen, wie es ihr früher ging, mit meinem Vater, später ohne ihn. Aber dann hätte ich das Buch «Seinetwegen» womöglich nicht geschrieben. Meine Mutter und ich haben über den Tod meines Vaters immer geschwiegen. Sie wollte mich schonen und ich sie. Dass ich mich damit auseinandersetzen muss, merkte ich erst, als sie dement war.
Konnte das Schreiben Ihres Buches das Sprechen ersetzen?
Ein Nachbar von mir ist Psychiater, Neurologe und Gerontologe. Als er hörte, dass meine Mutter im Heim einen zufriedenen Eindruck mache, war er nicht überrascht. Das liege am Buch, meinte er. «Aber wieso», fragte ich, «sie weiss ja nicht einmal, dass ich es geschrieben habe!» Er sagte, ich hätte mich verändert, weil ich ein Familientrauma aufgelöst habe. Meine Mutter spüre das und meine Ruhe übertrage sich auf sie. Laut ihm sind Demenzkranke sensibler, fühlen mehr, so wie Blinde besser hören. Der Mann ist dreifach promoviert, ich glaube ihm das jetzt einfach mal: Mutter hat durch meine Aufarbeitung ihren Frieden gefunden. Was gibt es Schöneres?
Zur Person
- Zora del Buono kam 1962 in Zürich zur Welt. Sie studierte Architektur an der ETH Zürich und der Universität der Künste in Berlin.
- 1996 gründete sie gemeinsam mit Nikolaus Gelpke, ihrem ehemaligen Schulfreund, die Zeitschrift «Mare». Danach schrieb del Buono, zuerst als Journalistin, später auch als Schriftstellerin.
- 2008 legte sie ihren Debütroman «Canitz’ Verlangen» vor. Seither veröffentlichte sie unter anderem Bücher über den Tunnelbau am Gotthard, ihre Familiengeschichte und die grössten Bäume der Erde. Ihr letzter Roman «Seinetwegen» wurde 2024 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet.
- Zora del Buono lebt in Zürich und in Berlin.
Vater und Grossmutter
Der Vater und sein Töter
«Seinetwegen» widmet Zora del Buono der Lücke, die ihr Vater hinterliess, als er bei einem Autounfall starb. Mit 60 Jahren begibt sich seine Tochter auf eine Spurensuche und wird überrascht. Von schrulligen Glarnerinnen in Altersheimen. Von Familiengeheimnissen. Und von plötzlicher Sympathie für den Töter ihres Vaters.
«Seinetwegen», C. H. Beck, ca. Fr. 35.–
Die Märchen-Matriarchin
In «Die Marschallin» erzählt Zora del Buono von ihrer kommunistischen Grossmutter aus Slowenien. Die überlebte beide Weltkriege, heiratete einen italienischen Arzt, unterstützte Partisanen und war in einen Raubmord verwickelt. Eine Geschichte, die die Familie bis heute beeinflusst.
«Die Marschallin», C. H. Beck, ca. Fr. 18.–