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Zurück auf die Schulbank 15. Januar 2024

Die langjährige Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder erzählt alle zwei Wochen aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: vom Studentinnenleben einst und jetzt.

Usch Vollenwyder
© Jessica Prinz

«Wir freuen uns, Sie bald im Studiengang CAS Spiritual Care begrüssen zu dürfen!» Gespannt lese ich den Brief der Uni Bern mit den konkreten Informationen zu meiner Weiterbildung. Bereits vor einem Jahr hatte ich mich für diesen Ausbildungsgang – insgesamt acht zwei-bis dreitägige Lerneinheiten verteilt auf drei Semester – angemeldet. Er versprach Themen, die mich zutiefst interessieren: die letzte Lebensphase, das Geheimnis von Leben und Tod, das Spannungsfeld zwischen Autonomie und Abhängigkeit, ethische Fragen rund um Würde, Sinn und Endgültigkeit. Im Beruf kam ich diesen letzten Fragen oft ganz nah. Die Begegnungen mit kranken und sterbenden Menschen, die Gespräche mit Angehörigen und die Interviews mit Fachleuten haben mich geprägt und erfüllen mich mit Dankbarkeit.

Die paar Hürden von der Anmeldung bis zum ersten Uni-Tag habe ich geschafft: Aus meiner Besorgnis, dass ich nicht mehr drei Tage hintereinander konzentriert und aufnahmefähig sein könnte, ist irgendwann Vorfreude geworden. Die zwingend benötigte Matrikelnummer aus meiner einstigen Uni-Zeit habe ich nach langem Suchen doch noch gefunden. Sie steht auf der ersten Seite eines rot kartonierten Büchleins im A5 Format, das in altmodischen Grossbuchstaben mit «Universitas Friburgensis Helvetiorum, Tabella Scholarum» überschrieben ist. Ob es sowas heute noch gibt? Digital aber bin ich einmal mehr gescheitert und muss darauf vertrauen, dass mir meine Mitstudierenden den heutzutage notwendige und selbstverständlichen «Campus Account» einrichten werden.

Im Zug nach Bern denke ich an meine allererste Vorlesung vor fast fünfzig Jahren an der Uni Freiburg zurück. Voller Stolz betrat ich das altehrwürdige Gebäude, war überwältigt von der Atmosphäre im Hörsaal und überzeugt, dass mich dieser Hort des Wissens für immer verändern würde. «Philosophische Anthropologie» stand auf dem Stundenplan. Gebannt lauschte ich dem Dozenten, einem Dominikanerpater im weissen Gewand, wie er über Existentialismus, Sartre und das Wesen des Menschen referierte – und verstand kein Wort davon! Wie war ich frustriert und enttäuscht! Es dauerte seine Zeit, bis ich in den universitären Wissenschaftsjargon hineinfand. Im Nachhinein entpuppten sich meine Studienjahre als die verrückteste, verliebteste und sorgloseste Zeit meines Lebens.

Mit meinen ü70 bin ich längst nicht mehr die unbeschwerte, begeisterungsfähige Studentin von anno dazumal. Aber immer noch neugierig und wissensdurstig. Und gespannt und erwartungsvoll, als ich von der Bahnhofshalle den direkten Lift hinauf auf die Grosse Schanze nehme. Mit Hilfe des Lageplans finde ich auf dem weitläufigen Uni-Gelände das richtige Gebäude, das richtige Stockwerk, den richtigen Raum. Ich komme als eine der letzten an. Mit meinem Namensschild suche ich mir einen Platz unter den unbekannten Gesichtern. Nur noch in der vorderen Reihe ist einer frei. Aber da ich eh nicht mehr so gut höre, ist mir das ganz recht. Verstohlen schaue ich mich um. Wie erwartet, bin ich die weitaus Älteste. Noch etwas verhalten lächeln wir einander zu.

Ich denke an das für mich wegweisende Mail meines ehemaligen Chefs, dem ich von meinen Studienplänen erzählt habe. Er schrieb mir zur Antwort: «Wichtig dünkt mich, dass man die Auseinandersetzung mit der Tiefe des Lebens auch in den späten Lebensphasen als Ars vivendi und nicht als Ars moriendi begreift. Die Kunst ist, so meine ich, das Leben auch im Alter mit Leben zu füllen, und nicht nur mit der Vorbereitung des Abschieds.»


  • Könnten Sie sich auch vorstellen, im Pensionsalter noch eine Weiterbildung anzupacken oder haben Sie es schon gemacht? Wie ging es Ihnen dabei? Wir würden uns freuen, wenn Sie uns von Ihren Erfahrungen erzählen oder die Kolumne mit anderen teilen würden. Herzlichen Dank im Voraus.
  • Hier lesen Sie weitere «Uschs Notizen»

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Beitrag vom 15.01.2024

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