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Was kommt noch? 25. Juli 2022

Mehr als zwanzig Jahre lang arbeitete Usch Vollenwyder (70) bei der Zeitlupe. Seit Januar ist sie pensioniert. Jede Woche erzählt sie aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von glücklichen Pensionierten, die alle etwas zu tun haben. 

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

Wir sind bei meinem ehemaligen Chef aus Lehrerinnenzeiten zum Nachtessen eingeladen. Seit sich unsere Berufswege vor Jahrzehnten getrennt haben, sehen wir uns einmal pro Jahr – abwechslungsweise bei ihm und seiner Frau oder bei uns im Gürbetal. Das Paar ist seit über zehn Jahren pensioniert. «Wir altern vor uns hin» sind sich die Beiden einig und stellen wie immer fest, dass die Zeit seit ihrem letzten Berufstag schneller vergangen ist als früher – und immer noch schneller vergeht. Habe ich bisher eher aus sachlichem Interesse ihren Schilderungen zugehört, kann ich zum ersten Mal als Pensionierte mitreden. 

Natürlich will ich wissen, wie sie den Übergang gestaltet haben. «Mit Nichtstun», lautet die Antwort. Vom jahrelangen strengen Berufsalltag seien sie so müde gewesen, dass zuerst Erholung angesagt war – zwei Jahre lang. Danach wandten sie sich neuen Aufgaben und Hobbys zu: Er schreibt Gedichte, besucht Meisterkurse im In- und Ausland, nimmt Fernunterricht und publiziert Gedichtbändchen. Sie ist Mitglied der Seniorenbühne und engagiert sich als ehemalige Schulsekretärin im administrativen Begleitdienst von Pro Senectute. Beide sind trotz Zipperlein und gewisser Einschränkungen ausgefüllt und zufrieden. 

Überhaupt zeigt sich meine Pensionierten-Umgebung fast ausnahmslos glücklich. Allesamt scheinen sie die Balance zwischen Nichtstun und Beschäftigung gefunden zu haben – oft weit weg von ihrem ehemaligen Beruf: Unsere Nachbarfreunde haben anhand der Gemeinderatsprotokolle aus dem vorletzten Jahrhundert ein Gesellschaftsbild unseres Dorfes entworfen. Mein Bruder hat das alte Ferienhäuschen der Eltern zu einem Schmuckstück umgebaut. Ein Bekannter aus dem Nachbardorf umwandert jeden einzelnen See im Kanton Bern, und mein Cousin – ein begeisterter Autofahrer – macht Krankentransporte im In- und Ausland. Andere belegen Mal-, Sprach- oder Musikkurse. Viele engagieren sich als Grosseltern, in Altersheimen oder bei Freiwilligen-Organisationen. Sogar mein Mann, selbst erklärter Tagedieb und Taugenichts, macht noch für einige alte Dorfbewohner die Steuererklärung.

Sieben Monate sind von meinem Übergangsjahr schon vergangen – und ich habe nach wie vor keine Ahnung, in welche Richtung es mich ziehen wird. «Was soll ich nur mit meinem Leben noch anfangen?» habe ich bereits das eine oder andere Mal mit einem leisen Jammer-Unterton zu meinem Mann gesagt. Denn anfangen möchte ich tatsächlich noch einmal etwas. Hemmungslos habe ich auch schon behauptet: «Ich möchte noch einmal durchstarten.» Dann ernte ich lautes Gelächter. Aber ich spüre tatsächlich eine leise Ungeduld: Ich muss doch langsam wissen, was ich nächstes Jahr anpacken will! Alle trösten mich: «Du spürst es dann schon, wenn das Richtige kommt.» Doch weit und breit zeigt sich nichts an meinem Pensionierten-Horizont. 


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Beitrag vom 25.07.2022
  • Elina Evelyne Frey sagt:

    Das sogenannte Pensioniert-Sein ist ein wahrer Segen für mich.
    Nicht nur bin ich vom jahrzehntelangen äusseren beruflichen und gesellschaftlichen Druck befreit, auch kann ich mich jeden neuen Tag achtsam und dankbar meinem ureigenen (Er)Leben hingeben und dadurch immer wider Wundersames erleben. Natürlich sind da auch die Schattenseiten, die angenommen und integriert sein wollen,
    das bedeutet Arbeit, jeden Tag, doch es lohnt sich, auf dem Nachhause-Weg zu sich selber, Balast abzuwerfen und sich mit Leichterem beflügeln zu lassen…

  • Margrit Bühler sagt:

    Auf dem Kalender bin ich seit 16 Jahren pensioniert, und es war mir noch nie langweilig. Ich geniesse, das nicht mehr MUESSEN! Ich kann mehr oder weniger aufstehen wann ich will. Mein Tag ist nicht mehr vom Beruf verplant. Ich kann viel mehr stricken und häkeln. Die meisten Stricksachen gehen an Weihnachten ins gebeutelte Osteuropa – das tut meiner Seele gut. Ich kann zwei Mal pro Woche jassen gehen – oder sie kommen zu mir. Ich geniesse es, länger am Tisch zu sitzen und mit meinem Mann zu plauder nund natürlich zusammen auf Reisen oder Wanderungen zu gehen. Mit unserer Familie ist es ruhiger geworden, da die Enkel mehr oder weniger erwachsen sind und ihre eigenen Wege gehen mit ihren Hobbys.

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