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Seychellen-Alltag 23. Juni 2022

Mehr als zwanzig Jahre lang arbeitete Usch Vollenwyder (70) bei der Zeitlupe. Seit Januar ist sie pensioniert. Jede Woche erzählt sie aus ihrem Alltag. Heute: von einem Ausflug in die Stadt und den täglichen Fernsehnachrichten.

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

Ich fahre mit dem Bus – dem «Bis Tata» – in die Stadt. Wir sitzen zu fünft in einer Reihe, so dicht gedrängt, dass man von der Schulter bis zum Knie seinen Sitznachbar spürt. Die Beine drücken hart gegen den Vordersitz. Der Motorenlärm übertönt jedes Gespräch, alles, was nicht festgemacht ist, scheppert und klappert. Die Fenster aus Plexiglas sind verbogen und schmutzig, die Glasfront über dem Lenkrad hat auf einer Seite ein spinnnetzartiges Loch. Das Ticket kauft man beim Chauffeur, das Wechselgeld zieht er aus einem vergilbten Plastiksack. Der Bus stottert über die Anhöhe, dann gibt er Gas, eine schwarze Rauchwolke hinter sich herziehend. Die Carosserie hat Beulen und Dellen.

Als ich im Januar 1974 hier ankam, wurde man noch auf der offenen Ladefläche von Pickups und Lastwagen transportiert. Zur Unabhängigkeit schenkte Indien der Insel einige Busse der Marke Tata. Bei ihrer Ankunft gab es ein kleines Volksfest. Ein einheimischer Sänger komponierte einen Hit dazu, der bald überall gesungen wurde. Heute gibt es eine ganze Flotte von «Bis Tata». Die blauen Busse fahren in alle Dörfer der Insel. Jede Strecke, ob lang oder kurz, kostet zwölf Rupien, etwa 85 Rappen. Passagiere im Pensionsalter fahren gratis.

Beim Markt zwänge ich mich aus dem Bus. Es riecht nach Fisch und Gewürzen. Aus den kleinen Shops, vor denen sich die Ware bis unter die Dachrinne stapelt, tönt Reggae oder Sega. Hinter kleinen und grösseren Ständen entlang der Strasse sitzen Verkäuferinnen und Verkäufer und bieten ihre Ware an. Einige haben eine ganze Palette von Früchten und Gemüse, andere nur ein paar Limetten und Pfefferschoten. Über die Fischtheke in der überdachten Markthalle spazieren Ibisse. Mit ihren langen Schnäbeln reissen sie hier und dort ein Stück Fisch an sich. Aus Lautsprechern tönt Radiomusik – verschiedene Sender gleichzeitig. Es herrscht ein lautes und fröhliches Treiben, alle reden und gestikulieren gleichzeitig.

Frauen tragen kurze Röcke und enganliegende Tops, ungeachtet ihres Alters und ihrer Figur. Mit meinen Schlabberröcken bin ich jenseits aller Modeströmungen. All die Jahre hier brauchte ich weder Schuhe noch Socken, weder Pullis noch Jacken. Das Gefühl von damals kehrt zurück. Man lebt draussen – bis man ins Bett geht. Und das an 365 Tagen im Jahr. Die Temperatur ist ständig um die dreissig Grad, die Luftfeuchtigkeit bewegt sich um die achtzig Prozent. Der Winter ist weit weg.

Am Abend schaue ich die Nachrichten. Sie werden in kreolischer Sprache präsentiert und beginnen mit den Schlagzeilen, den «Gran Tit»: In der Kathedrale wurden die Statuen des Heiligen Antonius und der Jungfrau Maria zertrümmert – ein Vandalenakt angehender Hexer, vermutet die Volksseele. Im Gefängnis wird ein Fall von Korruption aufgedeckt: Während sich die Gefangen hundert Kilo Pouletfleisch teilen müssen, stehen den Mitarbeitenden dreihundert zur Verfügung. Aus dem Parlament, der «Lasanble Nasyonal Sesel» werden lange Diskussionen übertragen. Die neue Regierung versucht, den Staatshaushalt wieder ins Lot zu bringen.

Es ist nie ruhig auf den Seychellen. Am Abend, wenn der Verkehrslärm nachlässt und die laute Musik verstummt, hört man den brandenden Ozean. Im Dschungel pfeift und ruft, raschelt und zwitschert es. Ich fühle mich wohl. Meine Gelenke tun mir nicht weh. Ich schlafe besser als zu Hause.


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Beitrag vom 23.06.2022

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