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Kinderaugen 19. April 2021

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von Langeweile, Hunderunden und Löwenzahnhonig. 

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin

Die Kleine hat Ferien. Das sei soooo langweilig, stöhnt sie: «Am Morgen ist es langweilig, am Mittag ist es langweilig, und am Abend ist es immer noch langweilig.» Dabei ist sie ständig beschäftig: Sie bastelt ein Dino-Briefkino, macht aus der Schale einer halben Kokosnuss eine Hängematte für den Troll im Garten, erstellt mit Bambusstangen und den indischen Tüchern meiner Schwester ein Tipidorf, füttert wegen der Bise die Unterkunft der beiden Igel im Asthaufen mit Heu aus, baut in der Wohnung für den Hund einen Hindernisparcours auf und ist mit Lupe und Schaufel auf Fährten- und Schatzsuche rund ums Haus.

Fast jeden Tag kommt sie mit auf eine Hunderunde. In der «Waldkatherdale» – so nennen wir den hohen, lichten Baumbestand auf der Höhe eines Ausläufers am Belpberg – ist der Boden über und über mit winzigen Keimlingen bedeckt. Während ich achtlos darüber laufe, meint sie: «Stell dir vor, das gäbe alles grosse Eichen und Buchen!» Ich schaue sie verständnislos an. Sorgfältig hebt sie die geöffnete Samenkapsel eines Buchennüsschens über einem Keimling hoch. Helles Grün ist darunter versteckt: das erste Blättchen noch fest zusammengefaltet. Daneben haben Eicheln ausgeschlagen. Ich schaue um mich: Ein grüner Teppich bedeckt den Waldboden. Wie konnte ich den übersehen?

Am nächsten Tag machen wir den «Aarechehr». Die Kleine hüpft und rennt voraus, balanciert über Baumstämme und klettert auf Baumstrünke. Sie schleppt einen dicken Ast mit sich und lässt ihn fallen, als sie einen Haufen feiner Holzspäne neben einem umgesägten Baum erblickt. Sie leuchten in der Abendsonne. «Das sind Zauberhaare», jauchzt sie, und füllt damit ihre Jackentaschen. Sie rennt mir voraus, die Böschung hoch auf den Aare-Damm. Oben bleibt sie stehen: «Grosi, das ist so schön», sagt sie andächtig. Ich keuche hoch und sehe nichts. «Doch, das Wasser, es ist so schön!» Sie sammelt Aarekiesel – einer scheint kostbarer zu sein als der andere. Sie füllt sie in einen Robidog-Sack, sie füllt einen zweiten. 

Zu Hause sammelt sie Löwenzahnblüten. Sie legt sie in grosse und kleine Unterteller für Topfpflanzen aus, geduldig, sorgfältig, eine neben der anderen. Die Teller sehen aus wie leuchtende Sonnen. Am nächsten Tag kocht sie daraus mit ihrer Mama Löwenzahnhonig. Am Abend bringt sie mir ein kleines Gläschen mit einer winzigen Etikette. «Söiplumenhonich» steht darauf. Als sie mich aus ihren grossen braunen Augen anstrahlt, spüre ich einmal mehr die bedingungslose Liebe zu diesem Kind. Ich schicke ein Stossgebet zum Himmel: er möge es vor allem Bösen behüten.


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