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Hopp YB 3. August 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von König Fussball und der Meisterfeier.

Als richtiger «Bärnergiel» sei man YB-Fan, behauptet mein Mann. Er wird ganz nostalgisch, wenn er vom alten Wankdorf-Stadion erzählt: Wie er zusammen mit seinen Kollegen von der Stehrampe aus seine gelb-schwarze Mannschaft angefeuert habe und bei jeder gelungenen Aktion in Jubel ausgebrochen sei. Und wie er in der Pause für eine YB-Wurst und ein Gurten-Bier in einer langen Schlange gestanden und mit den Umstehenden den Match kommentiert habe. YB machte zu dieser Zeit keine Höhenflüge. Aber ein echter «Bärnergiel» hält zu seinem Club, auch wenn er nur mittelmässig dahindümpelt. 

«Einmal YB-Fan, immer YB-Fan» denke ich, als ich am Freitagabend meinen Mann vor dem Bildschirm beim entscheidenden Match YB gegen Sion mitfiebern sehe. Bei jedem Schuss aufs Goal springt er auf, schlägt bei einem gelungenen Pass mit der Faust auf die Lehne des Fernsehsessels, kommentiert die Entscheide des Schiedsrichters und klatscht die Hände zusammen, als Christopher Martins nach einer knappen Viertelstunde das 1:0 erzielt. Mein Mittsechziger ist wieder jung. Ich bin sicher, dass sein Blutdruck die erlaubten Werte bei weitem übersteigt. 

Dann erfolgt der Schlusspfiff – und YB wird zum dritten Mal in Folge Meister. In Bern gehen die Emotionen hoch: Ein einig Volk von Fussballbegeisterten liegt sich in den Armen, Pyros und Petarden werden gezündet, ausgelassen wird gefeiert, Bierduschen und Fangesänge inklusive. Vergessen ist das Communiqué der Stadt mit dem Titel «Feiern, aber sicher», der Appell des Clubs an seine Fans, sich an die Vorgaben der Behörden zu halten und die mahnenden Worte des Trainers, dass die Gesundheit der Bevölkerung wichtiger sei als der Meistertitel. Der Jubel in der Innenstadt ist grenzenlos. 

Vor lauter Emotionen sei die Eigenverantwortung vergessen gegangen, zieht Berns Sicherheitsdirektor am nächsten Tag Bilanz. Auch mein ehelicher YB-Fan fühlt mit der Berner Fussballwelt, die Kopf stand. Und selbst ich als Fussball-Banausin weiss, wie schwierig es ist, wenn das Herz überläuft und der Kopf zur Vorsicht mahnt: Da gewinnt nicht immer der Kopf. Die Quittung werden wir in einigen Tagen haben. Bis dahin bleibt die Hoffnung, dass die feucht-fröhliche Meisterfeier nicht als Superspreader-Event in die Corona-Geschichte eingehen wird. 

Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin