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Glücklich daheim 31. Oktober 2022

Mehr als zwanzig Jahre lang arbeitete Usch Vollenwyder (70) bei der Zeitlupe. Seit Januar ist sie pensioniert. Jede Woche erzählt sie aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: vom Ende einer Reise, die ganz anders geplant war. 

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

Seltsam vertraut ist mir die Landschaft in Israel und Palästina: die karge Gegend, Dornengestrüpp, lichte Olivenhaine, das Blau des Sees Genezareth, die Ödnis ganz im Norden auf dem Berg Hermon mit Blick in den Libanon und nach Syrien. Ich kann mir gut vorstellen, wie der Zimmermannssohn namens Jesus in dieser Landschaft seine Freundinnen und Freunde um sich geschart und mit ihnen die Botschaft von Frieden und Gerechtigkeit geteilt hat. Ich mag es, durch diese Natur zu wandern, schweigend und in eigene Gedanken versunken. Mich berühren die morgendlichen Impulse, die uns die Reiseleitenden mit auf den Weg geben: Eine Theologie, so lebensbejahend, den Menschen zugewandt, im Hier und Jetzt verwurzelt. Ich hätte sie gern früher kennengelernt.

Am sechsten Tag kommen wir in der Wüste Negev an. Am Nachmittag noch haben wir im Toten Meer gebadet. Auch ich liess mir dieses Erlebnis nicht entgehen: Das Wasser – mit einem Salzgehalt von rund dreissig Prozent – trug tatsächlich. Wir übernachten in einem Wüstencamp. Das Essen ist grossartig, nur habe ich keinen rechten Appetit. Ich nehme den Schlafsack aus dem Beduinenzelt und schaue in die Sterne. Am nächsten Tag wird mein Bauchgrummeln stärker. Die Gänge über den Sandplatz zur öffentlichen Toilette werden häufiger. Während meine Gspänli zur Wüstenwanderung aufbrechen, bleibe ich im Camp zurück. Ich mag nicht mehr essen und habe kaum noch Durst. Am nächsten Tag geht die Reise weiter Richtung Bethlehem. Ich verkrieche mich im Hotelzimmer. 

Am zehnten Tag fährt mich unser Reisebus auf die Notfall-Station des Hadassah-Spitals in Jerusalem. Ich bin froh um unsere Reiseleiterin, die mich begleitet. Sie lotst mich durch die Kontrolle beim Eingang, wo unser Gepäck durchsucht wird, und stellt sich für mich in die Kolonne vor dem Anmeldeschalter. Nur vage nehme ich das bunte Treiben in der Eingangshalle wahr, die aufgebauten Stände mit Ballonen, Süssigkeiten und allerlei Krimskrams, die vielen Leute, die durcheinanderrufen und -wirbeln. Vor einem weiteren Schalter werden die Personalien überprüft und Blutdruck und Puls gemessen. Ich komme in einen nächsten Raum voller Menschen, die einen still in sich zusammengesunken, andere sich laut unterhaltend und am Handy gestikulierend. In einer Ecke wird mir Blut abgenommen.

Dann sitze ich mit meiner Begleiterin in einem langen, schmalen Gang auf einem Stuhl und warte. Frauen im Hidschab, junge Mädchen in kurzen Röcken, jüdische Männer mit Kippa und Gebetsschnüren, Kranke mit einem Infusionsständer, alte Menschen in Rollstühlen, von ihren Söhnen geschoben, drängen sich an meinem Stuhl vorbei. Eine jüdische Ärztin mit Kopftuch und wadenlangem Rock ruft mich zu sich, stellt Fragen, horcht meinen Oberkörper ab. Sie verschreibt mir Antibiotika und legt mir eine Infusion. Der Beutel mit der rettenden Flüssigkeit wird am Haken über meinem Stuhl aufgehängt. Ich spüre, wie das Leben zurückkehrt. Am Sonntag kann ich heimfliegen. Ich bin glücklich.

Zu Hause erwarten mich ein besorgter Ehemann, ein Blumenstrauss und eine Haferschleimsuppe. Es ist das schönste Heimkommen aller Zeiten.


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Beitrag vom 31.10.2022

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