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Frieden! 17. Juni 2024

Die langjährige Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder erzählt alle zwei Wochen aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von dunklen Nächten und Hoffnung trotz allem.

Es gibt Tage – eigentlich sind es Nächte – da überfällt mich das ganz Elend der Welt. Irgendwann zwischen zwei und drei, wenn ich nicht schlafen kann und der «schwarze Hund» auftaucht. In solchen Nächten wird alles doppelt so schwer und doppelt so düster. Nicht meine eigene Zukunft macht mir Angst, aber diejenige unserer grossen Kleinen und aller Kinder der Welt. Mir geht die Phantasie aus, wie Frieden zu schaffen und die Plünderung des Planeten noch zu stoppen wären.

Nach einer solchen Nacht fällt mir beim Aufräumen des Seitenfachs im Auto ein Flugblatt in die Hände, das mir eine Freundin einige Tage zuvor zugesteckt hat und das ich völlig vergessen habe: In der Berner Friedenskirche hält die seit über vierzig Jahren in Israel lebende Bernerin Regula Alon einen Vortrag über eine Friedensbewegung von israelischen und palästinensischen Frauen – die grösste Basisbewegung im Land. Ich gehe hin.

Schon das erste Bild der Präsentation berührt mich tief: Tausende von Frauen gehen in einer langen Kolonne durch die karge Wüstenlandschaft, alle sind weiss gekleidet und tragen einen türkisfarbenen Schal um den Hals – türkis als Verbindung von blauer und gelber Farbe, wie sie in der israelischen und der palästinensischen Flagge vorkommen. Sie tragen Transparente, auf denen sie nicht gegen den Krieg protestieren, sondern Frieden fordern – gemäss der UN-Resolution 1325, wonach Frauen gleichberechtigt in Friedensverhandlungen, Konfliktschlichtung und den Wiederaufbau mit einzubeziehen sind. Ihre Forderung tragen die Frauen auf die Strasse, zu Parlamentsmitgliedern, vor die Knesset und in die Welt hinaus.

Die israelische Friedensbewegung «Woman Wage Peace» wurde 2014 gegründet und umfasst heute 45’000 Aktivistinnen. Vor zwei Jahren riefen engagierte Palästinenserinnen die Organisation «Women of the Sun» ins Leben, die inzwischen gegen viertausend Frauen vereint. Am 4. Oktober 2023 trafen sich Frauen der beiden Organisationen mit ausländischen Gästen zu einem grossen Friedenstreffen am Toten Meer. Dann kam der 7. Oktober. Der Überfall der Hamas. Zehn Tage später gaben die Frauenfriedensbewegungen eine gemeinsame Erklärung heraus: Unsere Zusammenarbeit geht weiter – trotz des vielen Leids. Inzwischen seien die Grenzen geschlossen und Begegnungen nur noch im Ausland möglich, erzählt Regula Alon: «Aufgeben ist jedoch keine Option.»

Im Saal der Friedenskirche ist es still. Informationen aus erster Hand zu hören ist noch einmal anders als Zeitungsnachrichten zu lesen. In der anschliessenden Fragerunde kommt Betroffenheit zum Ausdruck, aber auch Traurigkeit und Ohnmacht. Und man möchte wissen, woraus Regula Alon und ihre jüdischen und muslimischen Mitstreiterinnen Hoffnung schöpfen. Aus der Zivilgesellschaft, die in Israel stark sei und sich gegen die Regierung stelle, sagt die Referentin. Und aus der Begegnung mit anderen Menschen: «Begegnungen sind die Quelle der Hoffnung».

Ich unterschreibe den «Aufruf der Mütter», den die gemeinsame Friedensbewegung lanciert hat. Dieser appelliert an Männer und Frauen in Israel und in Palästina, an Menschen des Friedens auf der ganzen Welt, an die eigenen Regierungen und Führungskräfte: die Spirale der Gewalt muss endlich durchbrochen werden. Die Frauen verschaffen sich Gehör. Auch der Papst hat den Aufruf unterschrieben. Die beiden Schwesternorganisationen sind für den Nobelpreis 2024 nominiert. In der Schweiz und in anderen Ländern haben sich Unterstützungsgruppen für ihre Anliegen gebildet. Es muss sich doch etwas bewegen!

Das nächste Mal, wenn mich in der Nacht der «schwarze Hund» heimsucht, werde ich an die vielen tausend friedensbewegten Frauen in ihren kriegsgebeutelten Ländern denken. Sie geben die Hoffnung nicht auf. Dann muss mir das doch auch gelingen.

  • Haben Sie auch schlaflose Nächte aus Angst um unseren Planeten? Wir würden uns freuen, wenn Sie uns davon erzählen oder die Kolumne teilen würden. Herzlichen Dank im Voraus.
  • Hier lesen Sie weitere «Uschs Notizen»

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Beitrag vom 17.06.2024
Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

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