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Der ewige Kreislauf 12. Juli 2021

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von Beerdigungen, intensiven Schreib-Zeiten und der Kraft des Lebens.

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin

Das Thema holt mich immer wieder ein: Sterben. Vor unseren Ferien waren wir in der gleichen Woche an zwei Abschiedsfeiern – von einem Freund aus jungen Jahren und von einem langjährigen Weggefährten meines Papas. Eine Beerdigung fand in Thun statt, die andere in Bern. Bei der einen sass man, zwar mit Maske, dicht an dicht in der Friedhofskapelle, bei der anderen waren, trotz Maskenpflicht, die Kirchenbänke abgetrennt und die Sitzplätze zugewiesen – Corona-Föderalismus innerhalb von dreissig Kilometern.

Selbst in den Ferien liess mich das Thema nicht los: Ich las Texte und Studien über Sterbefasten. Seit einer Woche schreibe ich am entsprechenden Zeitlupe-Artikel. Es ist eine intensive Schreib-Zeit. Und wie immer, wenn ich in dieses Thema eintauche, spüre ich die Dringlichkeit, unsere diesbezüglichen Angelegenheiten zu regeln. Zwar sind Patientenverfügung und Vorsorgeauftrag verfasst, aber den notwendigen Erbvertrag schieben wir vor uns her. Doch jetzt haben wir einen Termin bei einem Fachmann. Die Kleine bekommt mit, als wir darüber sprechen.

«Gell, das ist, damit ich und Mama und Papa nicht zügeln müssen», sagt sie und blickt mich aus ihren grossen braunen Augen fragend an. «Zügeln müsst ihr sowieso nicht», sage ich. «Aber wenn wir, Grosi und Grossätte, einmal gestorben sind, soll das Haus Deinem Papa und der Mama gehören.» So wie es vorher Grossättes Papa und noch vorher seinem Grossvater und zuvor dem Urgrossvater gehört habe. Lange überlegt die Kleine und staunt schliesslich: «Das ist ja ein ewiger Kreislauf.» Eifrig fügt sie an: «Nach Mama und Papa gehört das Haus dann nämlich mir und wenn ich Kinder habe…» Jetzt weiss sie nicht mehr weiter. «Und wenn ich einmal keine Kinder habe, so wie jetzt das Gotti?» Dann gehe ja der Kreislauf nicht mehr weiter.

Ich ziehe die Kleine an mich. Doch, sage ich, der Kreislauf geht immer weiter. Alte Menschen sterben, Kinder kommen auf die Welt. Da sei es nicht wichtig, ob ihr Gotti oder auch sie selber einmal Kinder habe, wichtig sei, dass sie glücklich werde. Vielleicht biete das Haus ja dereinst Platz für andere Kinder, für eine andere Familie, und das wäre doch auch gut so. Ich denke an den tröstlichen Spruch aus dem grossartigen Büchlein «Eine Hand voll Sternenstaub» des Berner Schriftstellers und Radiojournalisten Lorenz Marti, den wir über die Todesanzeige unseres Papas gesetzt haben: «Lebewesen kommen und gehen, das Leben bleibt.»


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