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Das russische Glöcklein 14. März 2022

Mehr als zwanzig Jahre lang arbeitete Usch Vollenwyder (70) bei der Zeitlupe. Seit Januar ist sie pensioniert. Jede Woche erzählt sie aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von der russischen Seele und dem Wunsch nach Frieden. 

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

An meiner Schreibtischlampe hängt ein blau bemaltes Glöcklein. Darauf stiebt eine russische Troika durch die Winterlandschaft. Auf dem Schlitten sitzt eine Familie, dick vermummt und lächelnd im eisigen Fahrtwind. Ein Junge mit Fellmütze und fellbesetztem Kragen führt die Zügel des Dreigespanns. Jedes Pferd trägt einen Halsriemen mit kleinen Glöckchen – Schmuck und Warnsystem gleichzeitig, lese ich auf Wikipedia. Im 19. Jahrhundert sei die Troika aufgrund ihrer Schnelligkeit im russischen Postdienst eingesetzt worden. Ich brauche nicht viel Fantasie, um mir die Winterfahrt vorzustellen und das Schellengeläut zu hören.

Das Glöcklein habe ich vor über zwanzig Jahren von meinem Freund Dmitri aus Moskau bekommen. Er zeigte mir damals seine Heimatstadt, bevor wir mit dem Zug zuerst Richtung Süden und später nach St. Petersburg fuhren – durch Birkenwälder, durch die Weite Russlands. In der Stadt mit den goldenen Kuppeln besuchten wir den Winterpalast der einstigen Zarenfamilie, horchten den melancholischen orthodoxen Klängen in der Erlöserkirche und machten eine Schifffahrt auf der Newa. In den Restaurants assen wir Pelmeni – mit Hammel-, Rind- und Schweinefleisch gefüllte Teigtaschen. Dazu gab es jeweils Wodka. Man bestellte ihn nicht glas-, sondern hundertgrammweise. 

Wir redeten. Stundenlang konnten wir diskutieren. Auch über Politik und Wunden, die nie verheilten: Wie St. Petersburg im Zweiten Weltkrieg von der deutschen Armee ausgehungert wurde – über eine Million Menschen starben in der belagerten Stadt. Abschätzig nannte Dmitri die Oligarchen, die das System nach dem Zerfall der Sowjetunion hochgespült hatte, «Neurussen». Vorsichtig nur äusserte er sich über den aktuellen Machthaber. Immer wieder zitierte mein Freund die russische Seele, die überall zu finden sei – in der Literatur und der herzlichen Gastfreundschaft, in der weiten Landschaft oder in der Geschichte des Landes: «Unser Volk überlebte Despoten und Tyrannen, Kriege, Hunger und Gräueltaten. Es hat die wunderbare Eigenschaft, einen Ausweg auch aus aussichtslosen Situationen zu finden.»

Dmitri hatte sich als Mitbringsel Zeitungen aus Deutschland und der Schweiz gewünscht. Als Abschiedsgeschenk erhielt ich von ihm das blaue Glöcklein: «Klingle, wenn du an mich denkst. Ich werde es hören.» In einem Mail schrieb er: «Es geht mir gut, wenn ich Menschen um mich habe, denen die gleichen Werte wichtig sind. Danke, dass du ein solcher Mensch bist.» 

Das Glöcklein blieb über all die Jahre an seinem Platz hängen. Hin und wieder wird es abgestaubt, aber längst nicht mehr geläutet. Dmitri und ich waren ein kurzes Stück unseres Lebens Weggefährten, dann ging der Kontakt verloren. Wichtig ist, was geblieben ist: Für mich hat Russland, dem aktuell Abscheu und Hass entgegenschlagen, durch Dmitri ein Gesicht bekommen. Ich schaue das Glöcklein wieder jeden Tag an und denke an meinen Freund, seine Familie und an all die Menschen in seinem Land – Frauen, Mütter, Kinder, junge Menschen, Soldaten, alte Leute. Auch sie haben nur einen Wunsch: Frieden.

Übrigens: Man lese auch den Aufruf des russischen Autors Alexander Estis im letzten Magazin: «Hasst die russischen Kriegstreiber. Nicht die Russen.»


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Beitrag vom 14.03.2022

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