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Das fünfte Evangelium 12. Oktober 2022

Mehr als zwanzig Jahre lang arbeitete Usch Vollenwyder (70) bei der Zeitlupe. Seit Januar ist sie pensioniert. Jede Woche erzählt sie aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von einer geplanten Reise ins «Heilige Land». 

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

Ich mag diesen Nazarener namens Jesus, der mit seinen revolutionären Ideen die Welt vor zweitausend Jahren auf den Kopf gestellt hat: Er redete von Liebe zu seinen Nächsten und stand ein für die Schwächsten – Unerhörtes für die damalige Zeit. Er lehnte sich auf gegen die Mächtigen und wurde als Aufständischer gekreuzigt. Trotzdem ist die Strahlkraft seiner Botschaft geblieben: Millionen Menschen weltweit feiern Weihnachten und Ostern. Sie verbinden die Geburt im Stall mit Hoffnung und die Auferstehung aus dem Grab mit Aufbruch, und sehnen sich nach Frieden und Gerechtigkeit.

Im letzten Frühling sagten meine Berner Theologenfreunde, sie würden im Herbst eine Reise nach Israel und Palästina, ins sogenannte «Heilige Land», organisieren – zum ersten Mal wieder nach Corona. Ich war sofort dabei: Ich möchte die Landschaft und die Stätten kennenlernen, auf denen die biblischen Geschichten wachsen und gedeihen konnten. «Fünf Evangelien schildern das Leben Jesu; vier findest Du in Büchern – eines in der Landschaft» soll der Tiroler Benediktinerpater Bargil Pixner gesagt haben. Mir gefällt ebenso das Konzept der Reise: Überschrieben mit «Komm und sieh!» lädt sie ein zum Wandern und Schweigen, Hören und Schauen, zu Begegnungen und Austausch. 

Der Koffer ist gepackt. Morgen geht es los. Die Reiseroute habe ich im Kopf. Nazareth, Kapharnaum, Jordantal, Jericho, das Tote Meer, die Wüste, der Ölberg im Garten Gethsemane, Hebron, Emmaus. Jeder Ort ist mit einer Geschichte verbunden. Natürlich weiss ich, dass keine dieser Stätten so aussehen wird, wie ich sie in meiner Vorstellung vor allem als Kind ausgeschmückt habe: kein Stern über einem Stall in Bethlehem, keine idyllische Taufstelle am Jordan, kein Esel, der einen Messias durchs Stadttor von Jerusalem trägt und keine Fischer, die bedächtig ihre Netze am See Genezareth auslegen. Es wird alles ganz anders sein. 

Neben Mystik und geschichtsträchtiger Vergangenheit wartet auch die Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation dieses Landes und dieser Gegend auf unsere Gruppe. Ungern erinnere ich mich an den Sechstagekrieg 1967 – wie der Lehrer täglich auf einer Karte den Frontverlauf nachzeichnete. Mit welcher Häme unsere Schulklasse die «feigen Araber» bedachte, die sich vor den Israelis aus dem Sand gemacht hatten. So schnell, dass sie ihre Schuhe liegen liessen. Die Welt war eingeteilt in Gut und Böse. Israel gehörte zu den Guten. Dass ich während meiner Revoluzzer-Phase ein Palästinenser-Tuch um den Hals wickelte, macht die Sache im Nachhinein nicht besser. 

Auch ein halbes Jahrhundert später zeigt sich keine Friedenslösung am israelischen und palästinensischen Horizont. Die Reise verschont uns nicht vor den Konflikten der heutigen Zeit. Das ist gut so.


  • Möchten Sie das «Heilige Land» auch gern bereisen? Und was bedeuten Ihnen die biblischen Geschichten? Teilen Sie doch Ihre Gedanken mit uns. Wir würden uns freuen. Herzlichen Dank im Voraus.
  • Hier lesen Sie weitere «Uschs Notizen»

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Beitrag vom 12.10.2022

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