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Aufräumen (1) 2. August 2022

Mehr als zwanzig Jahre lang arbeitete Usch Vollenwyder (70) bei der Zeitlupe. Seit Januar ist sie pensioniert. Jede Woche erzählt sie aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: vom Projekt «Ausmisten».  

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

«Aussenredaktion Gürbetal» nannte ich mein Arbeitszimmer zu Hause. Jetzt beginnt mein nächstes Pensionierungsprojekt: Sortieren und wegschmeissen. 23 Berufsjahre als Journalistin lagern auf neun Gestellen mit insgesamt über sechzig Tablaren. Als Papier-Messi habe ich Plastikboxen, Kartonschachteln, Ordner, grosse Couverts, Plastikmäppchen und vor allem Ablagen und lose Beigen voll mit Zeitungsartikeln, Unterlagen, alten Briefen und Mails, Erinnerungen an Reisen oder Schätze aus meinem persönlichen Archiv. Sechzehn Schachteln allein enthalten Vorschläge für Wanderungen und Ausflüge vom Gürbetal bis zu den Seychellen. Alles hätte ich vielleicht ja einmal brauchen können! 

Ich stehe vor dieser Papierwand und weiss nicht wo anfangen. Wahllos blättere ich durch einen Stoss von Dokumenten. An jeder einzelnen Seite bleibe ich hängen: Unterlagen zu einer Fastenwoche im Lassalle-Haus, ein Thema, das ich gerne für die Zeitlupe hätte vertiefen wollen. Die Reportage ist nur daran gescheitert, dass ich mir eine Woche ohne Essen nicht einmal vorstellen kann. In einem Interview fragt der Palliativmediziner Roland Kurz: «Wer von uns will erst sterben, wenn ihm das Lachen endgültig vergangen ist?» Ein Fax mit dem Kurzkommentar «Gut gemacht» von Hans Küng zum grossen Interview mit ihm. Ein Gedicht von Rose Ausländer: «Vergiss deine Grenzen, wandre aus – das Niemandsland Unendlich nimmt dich auf.» 

Manchmal muss ich auch lachen. Warum nur habe ich zum Beispiel die klerikalen Witze aus der Wochenzeitung WOZ vom 3. Juni 2004 aufbewahrt? Da sagt der Bischof zum Imam: «Mein lieber Imam, wann lassen Sie endlich ab von diesem alten Aberglauben und essen einmal Schweinefleisch?» Da antwortet der Imam: «An Ihrer Hochzeit, Hochwürden!» Ich finde auch eine Liste der schlechtesten Zeitschriften aller Zeiten, verfasst vom Journalisten Kurt W. Zimmermann, genannt «Zimmi». Seiner Meinung nach rangiert an dritter Stelle, hinter dem K-Tipp und der Glückspost, die Zeitlupe. Ihre Themen seien «an Drögheit kaum zu toppen». Unser Chefredaktor Emil Mahnig nimmt Stellung: «Journalistenregel Nr. 1: Zimmi hat immer Recht, auch wenn die Auflagezahlen etwas ganz anderes zeigen.»

Ich lege die Blätter auf die Beige zurück und öffne die durchsichtige Plastik-Box mit der Anschrift «Offizielles». Darin liegt ein Durcheinander von Konzepten und Entwürfen zu den verschiedensten Themen. Darunter längst überholte Arbeitsverträge, Mitarbeitergespräche und Personalreglemente, Richtlinien zur Arbeitszeiterfassung, Gleitzeit und Absenzen, oder Rückblicke auf Tagungen, Workshops und Kurse. Habe ich tatsächlich einmal «Open Space Veranstaltungen» mit «Follow up» besucht? Was waren das für Zeiten – allein die Begriffe habe ich längst vergessen!

Auch diese Seiten stopfe ich wieder in die Box, schliesse den Deckel und fühle mich von all dem Papierkram ganz erschlagen. Wie ich das Aufräumen hinkriegen soll, ist mir noch ein Rätsel. Ich gebe mir Zeit bis Ende August. Dann sollen die neun Gestelle mit ihren sechzig Tablaren geräumt sein.


  • Wie ergeht es Ihnen mit dem Sortieren und Wegschmeissen? Fällt es Ihnen leicht oder bekunden Sie Mühe damit? Berichten Sie uns doch davon. Oder teilen Sie die Kolumne mit anderen. Wir würden uns freuen.

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Beitrag vom 02.08.2022

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