Die Vergänglichkeit

Regelmässig erreichen uns Geschichten, Texte und Zuschriften unserer Leserinnen und Leser. Diese wollen wir Ihnen nicht vorenthalten. Heute: Gerda Schubiger über die Schwierigkeiten des Alterns.

«Wir werden alle alt und älter, und eines Tages sterben wir. Diese Tatsache macht uns wenig Sorgen, solange wir im Besitz unserer körperlichen und geistigen Fähigkeiten sind. Meist thematisieren wir auch nicht, wie schwierig es ist, mit altersbedingten Verlusten umzugehen. Das Altern wird oft schöngeredet. Es wird nirgendwo eine Philosophie zur geistigen Bewältigung dieses letzten Lebensabschnittes angeboten. Der Blick wird nur auf ein paar vordergründige körperliche Einschränkungen gerichtet. Von einer ehrlichen Ausleuchtung des Themas sind wir weit entfernt.

Ich finde jedoch, dass man in jeder Hinsicht offen sein sollte. Vielleicht würde es für die Menschen hilfreich sein, wenn man sie ohne Schönfärberei auf diese Zeit vorbereiten würde. Wenn man zugeben würde, dass es einer grossen Menge an positiver Kraft bedarf, um dem Alter und dem nahenden Tod auf geglückte Art zu begegnen. Sicher ist Aktivität nicht das Allerweltsheilmittel, als das es angepriesen wird. Mir ist noch niemand begegnet und ich kenne keinen, der sich nicht schwertäte mit dem Verlust seiner Jugend.

Aktivität unterstützt den Verdrängungsmechanismus, ist also tatsächlich kein wesenhafter Gewinn. Ich frage mich, ob es nicht an der Zeit wäre, das Rotieren in der Aussenwelt etwas hintan zu stellen und das Schwergewicht nach innen zu verlegen. Die Äusserlichkeiten beginnen ja allmählich etwas schal zu werden, machen weniger Freude.

Die Vergänglichkeit aller Dinge beginnt sich immer deutlicher abzuzeichnen. Das, was unsere Persönlichkeit ausmacht, beginnt zu verblassen. Schönheit, Beweglichkeit und Gehirnleistung sowie Begeisterungsfähigkeit gehen langsam dahin. Und was bringt es für einen Gewinn, wenn wir einseitig nur an der Produktivität im gewohnten Sinne festhalten.

Es geht doch darum, einen tieferen Sinn für die gegebenen Umstände zu finden, ein inneres Wohlgefühl aufrechtzuerhalten oder wenigstens zu finden. Auf dass es gelingen möge, eine innere Festigkeit und Zufriedenheit aufzubauen, die mehr ist als der tägliche Genuss. Woher sonst soll denn die Zuversicht, mit der wir hoffentlich in den Tod gehen, kommen?

Auch der Genuss kann ja immer weniger befriedigt werden. Was zurückbleibt, ist ein Klammern an dieses materielle Leben, mit Hilfe der Medizin. Und das macht uns das Sterben schwer. Schwerer als nötig. Diese materielle Hülle, die sich Mensch nennt, wird aber verschwinden. Nur das Innere lebt weiter.

Und was macht diesen inneren Teil aus? Was haben wir für ihn getan? Ist er mehr als ein Stück Brachland? Hat er so viel Substanz, dass er weiterzuleben vermag? Hat er sich die Flexibilität für ein Weiterleben in anderer Form erworben? Oder ist da nur ein Schlachtfeld von Wunden, die noch immer schmerzen, von unverdauten Erinnerungen und Unversöhnlichkeit?

Hätte man nicht früher einen Teil der Zeit einsetzen sollen, um die vielen Dinge, die passieren, besser zu verstehen? So hätte man sicher auch besser verzeihen können, wäre jetzt am Ende frei von Groll und voller Zuversicht für das, was kommen mag.»

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