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Die kleinen Geschenke

Regelmässig erreichen uns Geschichten, Texte und Zuschriften unserer Leserinnen und Leser. Diese wollen wir Ihnen nicht vorenthalten. Heute: eine Kurzgeschichte von Petra Kesse.

Sehr geehrtes Zeitlupe-Team

Ihre Rubrik «Post von …» finde ich hervorragend! Ich schreibe Kurzgeschichten, die vom Leben erzählen – mal nachdenklich, mal amüsant. Darin geht es u.a. um Freundschaft, Abschied, Neubeginn, um Vorurteile und den Mut, zu sich selbst zu stehen. Meine Geschichten gefallen besonders der etwas älteren Generation. Darum würde ich Ihnen gerne eine Geschichte zur Verfügung stellen. Sie erinnert uns daran, dass wir die kleinen Geschenke des Lebens, z. B. die Schönheit der Natur, trotz aller Hektik des Alltags nicht übersehen sollten. 

Mit besten Grüssen nach Zürich,
Petra Kesse


Hastig lief Lena den schmalen Weg entlang, der sich durch den Stadtpark schlängelte, und kramte dabei in ihrer Handtasche nach dem klingelnden Handy.

«Lindt», meldete sie sich. Der feine Kies knirschte unter ihren Schuhen, während sie dem Anrufer zuhörte. «Das ist nicht Ihr Ernst?», stiess sie plötzlich hervor und blieb abrupt stehen. «Ich bin gerade aus dem Büro raus, musste zwei Stunden eher Feierabend machen, nur weil Sie es zeitlich nicht anders einrichten konnten. Und nun sagen Sie ab? Zum zweiten Mal übrigens! Wie lange soll ich noch auf die Reparatur des Garagentors warten? Ständig muss ich aus dem Auto ein- und aussteigen, um das blöde Tor in Gang zu kriegen?» Sie presste kurz die Lippen aufeinander. «Wissen Sie was», fuhr sie entschlossen fort, «es hat sich erledigt. Ich suche mir einen anderen Techniker!» Wütend legte Lena auf, machte einen Schritt und blieb sofort wieder stehen. «Das darf doch nicht wahr sein! So ein verdammter Mist», fluchte sie und schaute mit angewidertem Blick hinunter auf ihre Pumps. «Natürlich, im ganzen Park wahrscheinlich der einzige Hundehaufen, und ich trete hinein. Ist ja klar!»

«Bringt Glück!», rief ihr jemand zu. Lena hob den Kopf und entdeckte erst jetzt den jungen Mann auf der Parkbank, nur knapp drei Meter von ihr entfernt. Mit ausgestreckten Beinen, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, sass er da und hielt genüsslich sein Gesicht in die Sonne.

«Äusserst witzig!», schimpfte Lena. Widerwillig humpelte sie zur Bank, setzte sich und holte ein paar «Tempos» aus ihrer Tasche. «Das sind meine teuersten Schuhe! Und auch noch nagelneu. Habe ich letzte Woche erst gekauft.»

«Trotzdem sind es nur Schuhe. Und für das Garagentor finden Sie auch noch jemanden. Ist es so schlimm, ein paar Tage aus dem Auto ein- und aussteigen zu müssen?»

«Mein Gott, belauschen Sie immer die Gespräche anderer?» Lena kräuselte die Stirn und sah den jungen Mann fassungslos an, der es nicht mal für nötig hielt, sie anzuschauen, während er mit ihr sprach. «Jeans, T-Shirt und ’ne fette Sonnenbrille auf der Nase. Sehr wahrscheinlich arbeitslos und den ganzen Tag nix zu tun», dachte sie insgeheim.

«Sie müssen mich wirklich nicht ‹Gott› nennen, Tim reicht völlig», scherzte er und grinste breit. «Und was heisst hier ‹belauschen›? Ihr Geschimpfe hat man wahrscheinlich noch zehn Bänke weiter gehört. Warum freuen Sie sich nicht einfach über ihren vorgezogenen Feierabend? Bei dieser Wärme ist es doch viel angenehmer im Park als im miefigen Büro.

«Sie haben gut reden! Mein Schreibtisch quilt über», erwiderte Lena empört.
«Mag sein. Aber nun ist es, wie es ist! Sie können nichts daran ändern. Also machen Sie doch einfach das Beste daraus.»
«Das Beste daraus machen», wiederholte Lena schnippisch und rollte mit den Augen, während sie immer noch damit beschäftigt war, mit dem Tempo über ihre Schuhe zu reiben.

«Schauen Sie mal nach oben. Was sehen Sie?»
Irritiert liess Lena von ihren Schuhen ab und hob den Kopf.
«Den Himmel natürlich. Was sonst?»
«Sie sehen auch ein traumhaftes Blau, oder nicht?» Lena nickte und sah Tim fragend an.
«Und vor Ihnen der Teich», fuhr er fort. «Die Sonnenstrahlen brechen an der Wasseroberfläche und …»
«… glitzern wie tausend Diamanten», führte Lena den Satz zu Ende und lachte kurz auf. «Das lese ich in jedem Roman mindestens einmal. Sind Sie Schriftsteller oder so was?»
«Aber es glitzert doch, oder etwa nicht? Frauen stehen auf Glitzer und Gefunkel.»

Lena schmunzelte. Da sass sie nun mit diesem gut gebauten Kerl im Park und unterhielt sich über Glitzer und die Farbe des Himmels. Sie hatte immer noch etwas Dreck an den Schuhen, immer noch ein defektes Garagentor und die Arbeit im Büro stapelte sich nach wie vor. Doch auf sonderbare Weise verlor all das immer mehr seine Schwere.

«Ich muss zugeben, dieses Blau ist Balsam für die Seele», seufzte sie, während sie noch einmal versonnen den Himmel betrachtete. Tim nickte zustimmend.
«Vorausgesetzt, man nimmt sich die Zeit, hinzuschauen», sagte er und richtete sich auf. «Schade, ich muss jetzt los. Würde mich lieber noch mit Ihnen unterhalten und dabei die Sonne geniessen, aber leider muss ich arbeiten.»
«Als Schriftsteller, stimmts?», scherzte Lena und grinste.
Tim schüttelte den Kopf. «Nein, ich kümmere mich um Menschen wie Sie.»
«Um Menschen wie mich?» Verwundert zog Lena die Augenbrauen hoch.
«Genau! Die, die ständig angespannt herumlaufen, immer unter Strom stehen. Irgendwann landen sie bei mir auf der Liege und …»
«Aha, Sie sind Seelenklempner!»
«Knapp daneben. Masseur! Ich knete nicht die Seele, sondern die Verspannungen meiner gestressten Mitmenschen», erklärte Tim, während er den kurzen weissen Stock nahm, der links von ihm auf der Bank lag. Lena hatte ihn nicht sehen können und beobachtete nun irritiert, wie Tim den Stock verlängerte, indem er ihn zweimal aufklappte.

«Sie sind …» Entsetzt hielt Lena den Atem an.
«… blind», vollendete Tim ihren Satz. «Sprechen Sie es ruhig aus.» Er stand auf, wandte sich ihr zu und lächelte. «Ich wünsche Ihnen noch einen wunderbaren Tag. Und machen Sie die Augen auf! Es gibt so viel Schönes zu sehen!»
«Mach ich», erwiderte Lena sichtlich schockiert und schluckte schwer. Tim nickte kurz und ging. Doch nach wenigen Schritten drehte er sich noch einmal zu Lena um.

«Seit ungefähr neun Jahren bin ich von Dunkelheit umgeben. Wissen Sie, was die Ironie daran ist? Seit ich blind bin, sehe ich manches klarer. Vieles, worüber ich mich früher aufgeregt hätte, erzeugt heute nur noch ein Achselzucken. Doch ich wünschte mir, ich hätte die schönen Dinge um mich herum bewusster genossen, als ich sie noch sehen konnte. Sie sind wie kleine Geschenke, die uns das Leben macht. Ob nun das Blau des Himmels oder glitzerndes Wasser – dass wir diesen Anblick geniessen können, ist nicht selbstverständlich.» Er schluckte schwer, drehte sich um und ging.

Lena sah Tim eine Weile hinterher, während sie über seine Worte nachdachte. Dann hob sie ihren Blick, betrachtete noch einmal das wolkenlose Blau und liess ihre Augen schliesslich über das satte Grün der Bäume wandern. Eine Trauerweide spiegelte sich im Teich und einige ihrer langen, bogenförmigen Zweige berührten das Wasser, auf dem etwas abseits pinkfarbene Seerosen leuchteten.

«Die Schönheit der Natur gehört ganz sicher zu den kleinen Geschenken, die das Leben für uns bereithält», dachte Lena mit einem zufriedenen Lächeln, «wir müssen uns nur die Zeit nehmen, sie zu entdecken.»

  • Kurzgeschichte aus dem Buch «Das Leben liebt es kurvenreich» von Petra Kesse.

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