© Daniel Hostettler

Ein Bieler in der Karibik

Puerto Rico: Die Karibikinsel wurde für Pierre Hostettler und seine Familie zur neuen Heimat. Als Berater und Projektleiter reiste der gebürtige Bieler um die Welt. Heute leben seine Nachkommen auf drei Kontinenten, und der Computer ist sein Fenster zur Welt.

Text: Annegret Honegger

Fast 7000 Kilometer – so weit weg von seiner Geburtsstadt Biel lebt Pierre Hostettler. «Ja, ich wohne schon etwas in der Peripherie», sagt der bald 80-Jährige am Videotelefon und lacht. In Shorts, T-Shirt und einer roten Dächlikappe sitzt er in seinem grossen Garten in San Juan, der Hauptstadt von Puerto Rico.

Auf der Insel in der Karibik, die politisch zu den Vereinigten Staaten von Amerika gehört, liess er sich mit seiner Familie 1983 nieder. Hinter ihm sieht man hohe Palmen in den blauen Himmel ragen. Er zeigt Hibiskusblüten, Orchideen in allen Farben, Bananen, Mangos und Passionsfrüchte, die an Bäumen und Sträuchern wachsen. Während des Gesprächs hört man Vögel zwitschern, und es fliegen Papageien und kleine Kolibris durchs Bild.

Ein Leguan sitz in einem Nonibaum in Puerto Rico.
Ein Leguan auf einem Nonibaum, fotografiert von Pierre Hostettler in seinem Garten. © zVg

Nach Puerto Rico führte Pierre Hostettlers Lebensweg aber nicht direkt, sondern mehrmals um den Globus. «Die Welt hat mich schon immer interessiert», erzählt er auf Berndeutsch, dem man die jahrelange und kilometerweite Entfernung überhaupt nicht anhört. So suchte der gelernte Maschinenzeichner und junge Ingenieur nach dem «Tech» eine Stelle in Kanada. Von Montreal ging es weiter an die Westküste ins amerikanische Seattle, wo Pierre Hostettler an der Universität Management studierte. Es folgten ein Masterabschluss, eine Doktorarbeit und schliesslich eine Stelle als Assistenzprofessor an einer Universität in Mexiko.

Kein Vollblutakademiker

Eine Universitätskarriere also? «Ich bin kein Vollblutakademiker, Prestige und Geld sind für mich nicht zentral. Mich interessiert das Wissen – und dieses ist ausserhalb der Universität oft spannender», meint Pierre Hostettler. Deshalb zögerte er nicht lange, als er – in Mexiko in der Hängematte liegend – einen Anruf der Uno erhielt: ein Jobangebot in Afghanistan. So begann seine Laufbahn als Berater und Leiter verschiedenster Projekte für internationale und Schweizer Organisationen, die ihn in rund dreissig Länder führte.

Ecuador, Madagaskar, New Delhi, Sri Lanka, Pakistan, Kalifornien, Indonesien, Paraguay, Ghana, Türkei, Kirgistan, Saudi-Arabien – sein Wissen über Marketing, Finanzen, Maschinen und Technik war weltweit gefragt. Auf ein Projekt folgte das nächste. Hier eine Woche, dort ein Monat, manchmal länger. «Kein Job war wie der andere, Routine oder Langeweile gab es nie.» Mal wohnte Pierre Hostettler bei nicaraguanischen Freiheitskämpfern, mal lernte er die jordanische Königin Noor kennen. Kulturschock inklusive, etwa beim Umzug vom mausarmen Afghanistan in die «Plastikkultur» Kaliforniens.

Neben der Arbeit versuchte Pierre Hostettler, möglichst viel von Land und Leuten, Natur und Kultur zu erleben. In Mexiko bestieg er den Popocatépetl, in Tansania den Kilimandscharo. Überall auf der Welt ging er frühmorgens joggen. «Das tat meinem physischen und psychischen Gleichgewicht gut. Und man lernt viel über ein Land, wenn man es erwachen sieht.» Ob er in Pakistan an den noch schlafenden Bauern auf den Feldern vorbeirannte, in Ankara die morgendliche Anlieferung des frischen Brotes beobachtete oder in Ghana die Mütter, die ihre Kinder vor dem Schulbesuch wuschen: «Als Jogger wird man nirgends als Fremdling betrachtet.»

Pierre Hostettler und seine ebenfalls aus Biel stammende Frau Barbara waren inzwischen Eltern von zwei Töchtern und einem Sohn. Manchmal reiste die Familie mit oder Pierre Hostettler versuchte, seine Kinder mit Postkarten und Telefonanrufen an seinem Leben teilhaben zu lassen. Nur ein einziges Mal habe er Weihnachten ohne die Familie in Indonesien verbracht.

Ruf nach Puerto Rico

Auch in Biel machten Hostettlers für zwei Jahre Station. Doch die alte Heimat war zu eng geworden, das «Kleinkarierte» machte der Familie zu schaffen. Da kam die Einladung als Gastprofessor an die Universität von Puerto Rico gerade recht. Die Kinder brauchten Stabilität und eine gute Schule. So liess sich die Familie 1983 in San Juan nieder, wo Pierre Hostettler bis heute wohnt. Puerto Rico passt(e): «Die Insel ist ein Zwitter: eine Kombination aus USA und karibischem Lebensstil, aus erster und dritter Welt.»

Das rastlose Leben als Entwicklungshelfer und die Einsätze von Hilfsorganisationen sieht Pierre Hostettler heute kritisch. Mehr und mehr machte er sich Gedanken über das Gefälle zwischen westlichen Helferinnen und Helfern und der einheimischen Bevölkerung. Die Experten wohnten in teuren Hotels, liessen sich herumchauffieren und fast wie Könige behandeln. «Mein Taggeld lag oft weit über dem Verdienst eines Einheimischen in einem Monat. Das ging für mich je länger je weniger auf.» Heute werde zum Glück mehr über solche Widersprüche diskutiert. Aber immer noch versuche die erste Welt allzu oft, der dritten ungefragt ihre Lebensweise überzustülpen: «In der Entwicklungszusammenarbeit fehlen uns trotz bester Absichten immer noch die richtigen Methoden.»

Auch sein ökologischer Fussabdruck beschäftigte den Vielflieger: «Es gab Zeiten, da war ich mehr in der Luft als am Boden.» Zudem hatte er zu viele Kollegen erlebt, die den Kontakt zu ihren Kindern verloren, sich von ihrer Partnerin entfremdeten oder zur Flasche griffen. So entschied sich Pierre Hostettler für eine Veränderung: Zusammen mit seiner Frau eröffnete er in San Juan ein Restaurant für Touristen: «Wir bildeten Personal aus und machten somit Entwicklungshilfe direkt vor Ort.»

Ein Haus mit vielen Erinnerungen

Mit dem iPad führt Pierre Hostettler durch sein Haus. Es sei fast zu gross geworden seit dem Auszug der Kinder und dem Tod seiner Frau vor bald drei Jahren. An den Wänden hängen Erinnerungen an die vielen Stationen rund um die Welt und an die Schweizer Herkunft. Die Beziehung zum Heimatland pflegte die Familie stets: «Als die Kinder jünger waren, reisten wir jedes Jahr in die Schweiz. Uns war wichtig, dass sie ihre Wurzeln kannten.» Familiensprache war immer Berndeutsch und die drei erwachsenen Kinder, die in Puerto Rico mit Spanisch aufwuchsen, erziehen ihre Kinder wiederum mehrsprachig. Achtfacher Grossvater ist Pierre Hostettler unterdessen, seine Enkelinnen und Enkel leben in Puerto Rico, in den USA und in der Schweiz.

Fondue im Garten von Pierre Hostettler in Puerto Rico.
«Als noch Kirsch vorhanden war gab es auch mal ein richtiges Fondue im Freien, allerdings mit einem elektrischen Rechaud (und ohne Brot vom Schweizer Bäcker)» © zVg

Nach dem Tod seiner Frau und während der Pandemie ist es auch in seinem Leben ruhiger geworden. Im Schweizer Club traf man sich früher zum Jassen oder zum Fondueessen. Jetzt seien die Kinder von damals erwachsen und in alle Himmelsrichtungen fortgezogen. Diejenigen, die blieben, hätten Einheimische geheiratet, sich integriert. Das soziale Leben spiele sich in Puerto Rico weitgehend innerhalb der Familie ab. «Der Schweizer Club hat für die nächste Generation keine grosse Bedeutung mehr.» Auch Pierre Hostettler ist unterdessen ausgetreten.

Das Klima spricht für Puerto Rico

Vermisst er die Schweiz? Oder plant er gar eine Rückkehr? Das werde er oft gefragt. Natürlich hätten beide Länder ihre Vor- und Nachteile. Die Schweiz punkte mit dem hohen Lebensstandard, den Bergen zum Wandern und der Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit, mit der man sich an Abmachungen halte. Für Puerto Rico sprechen die südamerikanische Leichtigkeit und das angenehme Klima. Die ständig wehenden Passatwinde sorgen stets für ein laues Lüftchen. Sein Haus brauche nicht einmal Fensterscheiben und er nachts nur selten eine leichte Decke. Auf die nasskalten, nebligen Schweizer Winter verspürt Pierre Hostettler nicht die geringste Lust.

In seiner Wahlheimat funktionierten 50 Prozent fantastisch, 50 Prozent weniger: «Bestellt man einen Handwerker, kommt er zu 50 Prozent. Ist er da, kann er den Schaden zu 50 Prozent beheben.» Damit und mit dem ganz anderen Zeitbegriff müsse man leben lernen. «Anfangs warteten meine Frau und ich schon mal eine oder zwei Stunden auf die anderen Gäste, weil wir ‚pünktlich‘ erschienen waren.» Wer da keine Gelassenheit entwickle, rege sich nur unnötig auf.

Nein, Rückwanderungspläne hegt Pierre Hostettler derzeit keine – will einen Umzug in die Schweiz aber auch nicht ausschliessen. Das Leben, findet der Marketingexperte, durchlaufe wie jedes andere Produkt verschiedene Phasen. Kindheit, Ausbildung, Berufsleben, Familie, Sport: «Alles hat seine Zeit. Wenn eine Etappe endet, beginnt eine neue mit neuen Herausforderungen. Jetzt bin ich Witwer und muss lernen, wie ich damit zurechtkomme.»

Sein Fenster zur Welt ist der Computer. Via Internet hält Pierre Hostettler Kontakt mit Familie und Freunden, schaut Nachrichten aus der alten Heimat, auch französische und deutsche Sender oder Al Jazeera aus der arabischen Welt. Über die jüngsten Abstimmungsvorlagen in der Schweiz ist er ebenso gut informiert wie über die Arena-Sendung von letzter Woche. Die Abstimmungsunterlagen schickt ihm die Stadt Biel, wobei er zu den lokalen Vorlagen keine Stellung nimmt. Zu den nationalen aber durchaus. In der «Peripherie», 7000 Kilometer weit weg, hat Pierre Hostettler festgestellt: «Viele Fragen, die in der Schweiz diskutiert werden, sind universell und betreffen eigentlich die ganze Welt.»

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Mehr als 10 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer leben im Ausland. Die Zeitlupe gibt ihnen in einer Artikel-Serie ein Gesicht. Lesen Sie hier weitere interessante Portraits.

 


  • Haben Sie auch eine Weile im Ausland gelebt oder weilen Sie immer noch dort? Dann erzählen Sie uns im Kommentarfeld doch davon. Wir würden uns freuen.
Beitrag vom 16.04.2022
  • Dr. John Vazquez sagt:

    It is quite evident that Dr. Pierre Hostettler has lived a remarkable life and can now sit back and enjoy the fruit of his accomplishments and unique travels throughout the world. Moreover, his children, as well as his grandchildren, will certainly inherit his dynamic and inquisitive nature of world affairs and cultures That in itself is a meaningful legacy which is worth much more than what money can buy.

  • Barbara Gosling sagt:

    Wohne auch schon seit 28 Jahren in der Karibik. Dem Wetter wegen. Gleichmässige Temparatur, vermisse die Kälte nicht!. Shorts und T’Shirt.

  • Hächler sagt:

    Ich habe einen Kommentar geschrieben, aber ich glaube am faschen Ort, als «Antwort an». Versuche es später nochmals

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