Zopf-Pracht und Zapfenlocken

Weltenbummlerin nennt sich Margot Flachsmann Meyer aus Arlesheim BL. Schon als Kind interessierten sie fremde Kulturen – und kunstvolle Frisuren.

Als kleines Mädchen stieg ich jeweils auf einen Stuhl und kontrollierte im Spiegel, ob meine Mutter mich auch wirklich perfekt gekämmt hatte. War der Scheitel krumm, wollte ich nicht in den Kindergarten. Später frisierte ich mich selbst: Meine Zöpfe befestigte ich als Schnecken über den Ohren oder steckte sie hoch wie auf dem Bild mit meiner kleinen Schwester Christa. An Festtagen gehörten schöne Maschen dazu und ich flocht mir Blumen ins Haar.

Schwarzweissfoto: Die damals 14jährige Margot Flachsmann Meyer  mit einer schön geflochtenen Frisur, mit ihrer kleinen Schwester abgebildet.
© zVg

Ich erlebte eine glückliche Kindheit. Meine Eltern waren zwar streng, aber so war es auch bei meinen Freundinnen. Dass man gehorchte und immer pünktlich heimkam, war selbstverständlich. Als ich zehn Jahre alt war, kam meine Schwester zur Welt und ich freute mich sehr. Sie war häufig krank und ich unterstützte meine Mutter oft, fuhr mit der Kleinen spazieren und betreute sie voll mütterlichem Stolz. Ich liebte es auch, mit ihr zu spielen und sie zu frisieren.

Frisuren und Mode waren mir von klein auf wichtig, dafür sparte ich jeden Batzen. Mein erstes Geld verdiente ich, indem ich in den Ferien bei den Grosseltern die Hunde reicher Kurgäste spazieren führte. Meine Grossmutter und mein Grossvater arbeiteten beide als Masseure im vornehmen Parkhotel in Rheinfelden. Dort verbrachte ich immer wunderschöne Sommerferien.

Die Prinzessin im goldenen Lift

Stand ein Abendkonzert im Hotelpark auf dem Programm, zog ich mich schön an und mein Grossvater drehte mir mit Zuckerwasser Zapfenlocken. Sogar Lackschuhe durfte ich tragen. Ich vergesse nie, wie ich wie eine Prinzessin auf dem roten Polstersessel im vergoldeten Hotel-Lift sass und mich im Spiegel bewunderte – während mich der Liftboy, der mich Mademoiselle nannte, hinauf und hinunter fuhr.  

Am liebsten kaufte ich in schönen Geschäften wie Krause Senn oder Feldpausch ein. Die Röcke mit den gestärkten Petticoats, die man damals trug, gefielen mir sehr. Auch an meine ersten Hosen erinnere ich mich gut: Blauweisse Segelhosen, die ich immer erst am See anzog, damit meine Eltern nichts merkten…

Als kleines Mädchen wünschte ich mir zu Weihnachten meist Geschichtsbücher. Seit der Schulzeit interessierten mich fremde Kulturen und Sprachen und ich träumte vom Reisen. Ein Lehrer hatte meine Begeisterung für die französische Sprache und Geschichte geweckt. Besonders Kaiser Napoleon und Kaiserin Josephine verehrte ich und wollte unbedingt sehen, wo sie gelebt hatten. So reiste ich mit 18 Jahren als Au-pair nach Paris, das im zwinglianischen Zürich meiner Jugend noch als Sündenpfuhl galt. Vorher schnitt ich mein langes Haar ab und schenkte den Zopf meiner Schwester. Diese trug ihn zu meinem Erstaunen wie eine «Reliquie» auf ihrem kurzen Haar.

Im Bett von Napoleon

Ich genoss die Zeit in der Grossstadt und besuchte viele Konzerte, Opern, Theateraufführungen und Museen. Andächtig stand ich im Louvre im Schlafzimmer Napoleons – stieg spontan über die Absperrkordel und legte mich in sein Bett. Als plötzlich eine Stimme fragte «Qu’est-ce que vous faites, Mademoiselle?», stand mein Herz fast still. Ein anderer Museumsbesucher hatte mich entdeckt, was mich einen Kaffee mit ihm kostete. Mit dem jungen Franzosen, der sogar ein «de» im Namen trug, entstand eine schöne Freundschaft. Fast wäre sogar mehr daraus geworden… Doch ich lehnte seinen Heiratsantrag schweren Herzens ab, da ich mich noch zu jung für eine solche Bindung fühlte.

Aus mir wurde – zum Schrecken meiner Eltern – eine richtige Weltenbummlerin. Zum Glück erlebte ich die goldenen Zeiten, als man immer eine Stelle fand, um Geld für die nächste Reise zu verdienen. In London wohnte ich mit Künstlern, Malern und Musikern zusammen im vornehmen Viertel Knightsbridge. Auch dort tauchte ich tief ins kulturelle Leben der Stadt ein. Ich verliebte mich in einen jungen Polen, wobei natürlich nicht mehr passierte, als dass wir Hand in Hand durch die Stadt spazierten und uns auf der Tower Bridge küssten.

Schliesslich heiratete ich einen Schweizer, den ich in London kennengelernt hatte, und wir zogen nach Basel. Während er studierte und Rechtsanwalt wurde, verdiente ich das Geld mit einer Agentur, die Häuser, Wohnungen und Zimmer vermittelte. Nach zwanzig Jahren trennten wir uns in Frieden. Ich lebte allein mit meiner Tochter und arbeitete an zwei Stellen gleichzeitig, damit wir über die Runden kamen.

Lieblingsstadt Wien

Meinen zweiten Mann lernte ich im Zug kennen: Beim Aussteigen drückte er mir sein Billett mit seiner Telefonnummer in die Hand. Als ich ihn anrief, stellten wir fest, dass uns viele Interessen verbanden. Nach der Pensionierung reisten wir oft und wohnten eine Weile in Wien, das mit seiner Kunst und Kultur und wegen der eleganten Restaurants und Geschäfte unsere Lieblingsstadt wurde.

Nun leben wir in einer Alterswohnung, wo wir auch Unterstützung erhalten. Ich leide unter Muskelerkrankungen und oft unter Schmerzen. Umso wichtiger sind die schönen Erinnerungen. Wenn mein Mann und ich über unsere Reisen reden, blühen wir beide auf. Auch beim Betrachten meiner Haarspangen und Accessoires von früher, die ich bis heute aufbewahre, steigen wunderbare Bilder in mir auf. Davon zehre ich an Tagen, an denen nicht mehr alles so einfach ist wie damals.

Aufgezeichnet von Annegret Honegger

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Beitrag vom 03.03.2022

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