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Betreuung hilft – auch gegen Gewalt im Alter

Bisher hat die Politik der Thematik «Gewalt und Missbrauch im Alter» wenig Beachtung geschenkt. Zwei Vorstösse bringen das Thema wieder auf die politische Agenda. Dabei rückt die präventive Wirkung von Betreuungs- und Unterstützungsangeboten in den Fokus. Allgemein zugängliche und erschwingliche Angebote, eine Sensibilisierung und Schulung der Fachpersonen sowie eine verstärkte Koordination der Akteure sind der Schlüssel zu gezielter Prävention.

Von Alexander Widmer, Leiter «Innovation und Politik», Pro Senectute Schweiz

Vor sechs Jahren kam mit dem Postulat 15.3945 der Mitte-Nationalrätin Ida Glanzmann (siehe Grafik) das Thema Gewalt und Missbrauch im Alter auf die politische Bühne. Fünf Jahre später beauftragte der Bundesrat das Eidgenössische Departement des Innern im entsprechenden Postulatsbericht, in Abstimmung mit den Kantonen ein Impulsprogramm zur Prävention und Intervention von Gewalt und Vernachlässigung im Alter zu prüfen.

Zudem sollen Prävention und Bekämpfung über die Altershilfeorganisationen gestärkt werden. Um diesen Arbeiten Schub zu verleihen, reichten im Frühling dieses Jahres 78 Vertreterinnen und Vertreter aller Parteien eine weitere Motion (21.3715) ein, welche vom Bundesrat explizit ein ebensolches Impulsprogramm mit den Schwerpunkten «Sensibilisierung und Enttabuisierung» sowie «Betreuungs- und Entlastungsangebote» fordert.

Die Interpellation der SP-Nationalrätin Flavia Wasserfallen (21.3708) fordert zusätzlich die stärkere  Berücksichtigung der Thematik in der sogenannten «Roadmap häusliche Gewalt».

Bei den Risikofaktoren ansetzen

Pro Senectute engagiert sich verschiedentlich zu Themen rund um Gewalt und finanziellen Missbrauch. Betreuungs- und Unterstützungsangebote gehören dabei zu den Kernaufgaben von Pro Senectute. Denn eine gute und umfassende Betreuung fördert soziale Kontakte und Beziehungen und unterstützt Seniorinnen und Senioren, ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden zu führen. 

Unterstützungsangebote von Pro Senectute entlasten Angehörige gezielt und bedarfsgerecht. In diesem Sinne nehmen diese Angebote bereits eine wichtige Aufgabe im Alltag älterer Menschen und ihrer Angehörigen ein. 

Doch welchen Beitrag können Betreuungs- und Unterstützungsangebote zur Prävention leisten? Wie im Bericht des Bundesrats dargelegt, erhöhen unter anderem vier Faktoren das Risiko für Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung im Alter:

• Einsamkeit respektive soziale Isolation

• geringes Einkommen beziehungsweise sozioökonomischer Status 

• schlechter Gesundheitszustand

• Überlastung/Überforderung von Angehörigen oder Fachkräften bei der Betreuung und Pflege

Betreuungs- und Unterstützungsangebote setzen direkt bei den Risikofaktoren an. So verringern Besuchsdienste, Unterstützung im Haushalt, beim Kochen oder auch Bewegungsangebote die Einsamkeit und die soziale  Isolation. Ähnliches gilt für betreuende und pflegende Angehörige. Ein Austausch mit anderen Menschen kann neue Impulse für den Alltag geben, aber auch einfach das Gefühl vermitteln, mit der Situation nicht allein zu sein.

Betreuungsfinanzierung in den Fokus rücken

Leider aber können sich viele keine Betreuungsangebote leisten, da diese im Gegensatz zur Pflege nicht durch die Grundversicherung der Krankenversicherung abgedeckt werden. Entscheidend ist somit, dass Menschen in finanziell knappen Verhältnissen der Zugang sowohl zu Betreuungsleistungen wie auch zu Unterstützungsangeboten ermöglicht wird. Dies, indem diese ganz oder mindestens mitfinanziert werden. Eine zurzeit diskutierte Massnahme ist die Finanzierung von Betreuung zu Hause durch die Ergänzungsleistungen.

Dies hat den Vorteil, dass die Betreuungsleistungen gezielt und bedarfsgerecht zum Einsatz kommen und den Menschen der Verbleib in den eigenen vier Wänden möglich bleibt. Das Netzwerk «Gutes Alter» plant diesbezüglich eine Volksinitiative mit einem ähnlichen Fokus. Auch hier steht die Finanzierung von Betreuung im Zentrum.

Erkennen und intervenieren

Die ambulante Betreuung und Pflege kann weitere zentrale Rollen einnehmen, sei dies bei der Erkennung von Gewalt und Missbrauch, sei dies bei der Intervention bei Verdachtsfällen. Mittels zusätzlicher Schulungen können die Sensibilisierung für die Früherkennung durch Fachpersonen weiter verbessert, Hemmungen abgebaut und die Involvierung der richtigen Stellen sichergestellt werden. 

Unterstützung und Information bleiben zentral

Gerade auch pflegerische Dienstleistungen stehen unter einem enormen zeitlichen und finanziellen Druck. Hinzu kommt die gestiegene Komplexität, was das Missbrauchsrisiko durch Überlastung erhöht. Das Gleiche gilt für betreuende und pflegende Angehörige: Sedierende Medikation, Isolation, Bewegungseinschränkungen oder die Verweigerung von Hilfe können Folgen sein. Oft sind sie das Ergebnis von Überforderung. Gerade  Entlastungsangebote für Angehörige, aber auch eine Reduktion des (finanziellen) Drucks für Betreuungs- und Pflegepersonen könnten hier einen substanziellen Beitrag leisten. 

Schliesslich sind auch Informationen über Betreuungsangebote sowie deren Inanspruchnahme in der Bevölkerung zu fördern. Ein Impulsprogramm müsste hier den Fokus auf sozial isolierte und finanziell schwach gestellte Personengruppen legen, da dort eine hohe präventive Wirkung erzielt werden kann.

Bedauerlicherweise lehnt der Bundesrat die Motion 21.3715 und somit ein Impulsprogramm ab, wobei er die Ergebnisse der anstehenden Anhörung mit den zuständigen kantonalen Direktorenkonferenzen abwarten möchte. In seiner Antwort anerkennt der Bundesrat jedoch die Bedeutung der Betreuung. Deshalb beabsichtigt er, den Bedarf und die Handlungsoptionen im Bereich der Betreuung zu prüfen.

Quelle: «Psinfo» 4/21.

Fachwissen kompakt aufbereitet

Das gerontologische Fachmagazin «Psinfo» von Pro Senectute erscheint viermal jährlich mit Themenausgaben. Am 1. Oktober, dem Tag des Alters, beleuchtet die Redaktion das noch immer tabuisierte Thema «Gewalt und Missbrauch im Alter». Dabei werden aktuelle politische Vorstösse eingeordnet und Fachpersonen aus Prävention und Forschung erläutern  im Interview, wo Handlungsbedarf herrscht. Schliesslich zeigt Pro Senectute auf, wie die Stiftung der älteren Bevölkerung und deren Angehörigen zur Seite steht.

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