Die Via Engadina verläuft am Südhang des Engadins. © Dominik Täuber

Stille Pracht

Glitzernde Schneekristalle, ein Farbrausch in Weiss und Blau. Die Via Engiadina führt Winterwanderinnen und -wanderer vier Tage über den Südhang des Engadins – durch verschneite Wälder und idyllische Dörfer. Das Reisegepäck wird nachgeliefert. Damit man die Naturwunder unbelastet geniessen kann.

Text: Roland Grüter

Zwar scheint die Sonne am stahlblauen Himmel, am Südhang des Unterengadins ist es heute aber bitterkalt. Der Wind lässt die Schneeflocken über die schneebedeckten Hänge tanzen. Vor uns liegt Guarda GR, schmuck und idyllisch, wie wir das Dorf aus dem Kinderbuch «Schellen-Ursli» kennen. Hier dachten sich Selina Chönz und Alois Carigiet vor 77 Jahren den kleinen Helden aus. Wahrscheinlich an einem prächtigen Wintertag wie diesem. Die Häuser des Dorfes stehen nahe beieinander, als müssten sie sich gegenseitig wärmen. Sie tragen einen dickweissen Hut. Winteridylle, wie man sie im Flachland nur selten findet.

Weg lässt sich beliebig abkürzen

Genau deshalb machten wir uns vor rund zwei Stunden auf den Weg, auf die Via Engiadina: um den Winterzauber fernab des Gewusels, wie er talaufwärts im umtriebigen St. Moritz herrscht, auf uns wirken zu lassen. Vier Tage werden wir dem ehemaligen Säumerpfad zwischen Zernez und Sent folgen. Vorbei an tief verschneiten Wäldern und den Perlen des Unterengadins: Susch, Lavin, Guarda, Ardez, Ftan, Scuol und Sent. Viermal übernachten wir auf dem Weg durchs makellose Weiss – das Gepäck wird per Kurier nachgereicht. Damit die Freude an der Natur unbelastet bleibt.

Winterliche Ortsansicht von Sent im Engadin.
Idylle: Sent liegt im tiefen Schnee. © Andrea Badrutt

Der Engadiner Winterwanderweg wird regelmässig hergerichtet und alte Spuren verwischt. Er ist insgesamt 46,8 Kilometer lang und lässt sich mit festem Schuhwerk leicht bewältigen. Seine An- und Abstiege sind sanft – die längste Tagesetappe beansprucht knapp viereinhalb Stunden. So bleibt unterwegs genügend Zeit, Land und Leute näher kennenzulernen.

Maria Louise Meier ist eine davon. Die Frau empfängt uns in Guarda mit offenem Lachen. Sie ist in den 1980er-Jahren mit ihrem Mann ins Dorf gezogen und führte Fremde lange Jahre nach Voranmeldung stolz durch die beschaulichen Häuserreihen. Anders als die umliegenden Gemeinden blieb Guarda von Lawinen, vom Feuer und den Raubrittern aus Österreich grösstenteils unbehelligt.

Via Engiadina Der Winter-Panoramaweg auf der Via Engiadina ist 46,8 Kilometer lang und in vier Tagen zu bewältigen. Die 4-Tages-Pauschale umfasst u. a. vier Übernachtungen im DZ, Frühstück (Halbpension auf Anfrage), Gepäcktransport von einem Hotel zum andern, Winterwanderkarte und Gästekarte PLUS mit Bergbahntickets und kostenloser ÖV-Benutzung. Preis pro Person: ab 509 Franken.
Mehr Infos: Tourismus Engadin Scuol Samnaun Val Müstair, Tel. 081 861 88 00 oder engadin.com

«Ist Ihnen aufgefallen, dass alle Häuser hin zu den Brunnen gebaut sind?», fragt Marie Louise Meier. «Sie waren das, was für moderne Menschen heute das Internet ist: Nachrichtenbörse und sozialer Treffpunkt.» Hier trafen sich die Bewohner, hier wurde das Vieh getränkt und schmutzige Wäsche gewaschen – auch verbal. Alle sieben Brunnen von Guarda lassen noch immer frisches Quellwasser in die Tröge plätschern. Heute tragen sie einen Bart aus Eis.

Brunnen im winterlichen Guarda am Via Engiadina
An den Dorfbrunnen in Guarda wurde einst schmutzige Wäsche gewaschen. © Dominik Täuber

Weiter gehts nach Ardez. Der Weg führt über eine kleine Geländeterrasse zum Weiler Boscha. Die Strasse ist etwas vereist. «Aufgepasst», warnt mein Begleiter. Doch kaum hat er das Wort gesprochen, schon liegt er am Boden. «Schreib, dass man unbedingt Schuhspikes ins Unterengadin mitbringen soll.» Also unbedingt vormerken.

Anderntags präsentieren sich der Winter und die Bündner Berge erneut von ihren Prachtseiten. Über Ardez geht die Sonne auf – strahlend blauer Himmel. Vor uns liegt die schönste Strecke der Via Engiadina – hinauf nach Ftan mit Blick auf unzählige Gipfel und Wipfel. Wir setzen uns auf eine Holzbank und schauen den Langläufern zu, wie sie in die Ferne gleiten. Das Winterglück ist in diesem Moment unermesslich. Mit einem Seufzer nehmen wir den Weg unter die Sohlen (dieses Mal mit Spikes) und peilen das ehemalige Luxushotel von Ftan an. Es heisst Paradies – passend zur Via Engiadina.

Wandern im Winter – die schönsten Kurzstrecken

Wallis: In der Moosalp-Region wurde vor Jahren ein Panorama-Winterwanderweg eröffnet. Er führt von Törbel nach Bürch – mit Prachtblick auf das Hochgebirge des Matter- und Saastals und die Aletsch-Gipfel. Wer will, kann bis nach Eischoll/Strygge weiterlaufen. Länge: 8 km, Dauer: 2,5 h.

Schwyz: Der Brückenrundweg oberhalb von Sattel ist zwar nur kurz (1,5 km) und schont die Fitness – spektakulär ist er aber alleweil. Er verbindet die Bergstation Mostelberg mit der 374 Meter langen Hängebrücke «Skywalk», die europaweit einzigartig ist. Wer nach dem Spaziergang noch mehr Winterluft schnuppern will, kann auf dem Schlitten nach Sattel hinuntersausen. Dauer der Kurzwanderung: 40 min.

Appenzell: Auf dem Laternliweg Schwägalp stehen Sie knöcheltief im Schnee – und in Glückshormonen. Denn hier wandert man an ausgewählten Tagen in dunkler Nacht, der Weg durch die verwunschene Natur wird von Laternen erhellt. Romantischer kann Winterwandern nicht sein. Längen: 2,2 km, Dauer: ca. 50 min.

St. Gallen: Auf dem Chäserrugg oberhalb Unterwasser wandeln Sie auf höchstem Niveau: auf 2262 Metern über Meer. Der spektakuläre Panoramarundweg startet bei der Bergsation und wendet bei den Rosenböden. Dazwischen liegt die Aussicht auf den Walensee, das Toggenburg und Rheintal sowie die Berge von insgesamt sechs Ländern. Länge: bis 3 km, Dauer: 45 bis 120 min.

Bern: Gstaad propagierte einst den Slogan «Come up – slow down» – dazu passt der neue Winterwanderweg vom Hausberg Eggli ins Dorf perfekt. Mit Glück begegnen Sie unterwegs sogar einem Promi. Länge: 3,2 km, Dauer: 1,5 h.

Weitere Winterwanderwege finden Sie auf myswitzerland.com

Beitrag vom 20.12.2022

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