© Rahel Nicole Eisenring

Wir vermissen euch!

Corona trennt uns nicht nur von unseren Liebsten, sondern nimmt uns auch Orte, die uns viel bedeuten. 13 Menschen erzählen von ihrem ganz persönlichen Sehnsuchtsort in Pandemiezeiten – darunter Persönlichkeiten wie Matthias Hüppi, Maja Brunner und Emil Steinberger.

Texte: Fabian Rottmeier (fro), Annegret Honegger (agh), Usch Vollenwyder (uvo) sowie Emil Steinberger und Paul Imhof. Illustrationen: Rahel Nicole Eisenring


Die Ballettschule

Illustration: ein Ballettpaar in einer typischen Pose. Gelb gekleidet. Zeitlupe.

«Die Ballettschule und das Zürcher Opernhaus sind mein zweites Zuhause. Die Aufführungen und die Live-Atmosphäre im Saal fehlen mir sehr. Wenn der Kronleuchter erlischt und unsere Tänzerinnen und Tänzer ihr Können zeigen, inspiriert mich das immer wieder aufs Neue! Für die Jungen ist Corona am schlimmsten: Sie brauchen die Bühne, um sich auszudrücken. Und sie müssen ihre Karriere noch aufbauen, während ich schon so vieles erleben durfte. Ich unterrichte mit Leidenschaft Ballett. Nicht zu arbeiten, wäre fast undenkbar. Deshalb bin ich froh, kann ich wenigstens meine Jugendlichen unterrichten – natürlich unter strikten Regeln. Die Erwachsenen-Klassen – meine älteste Schülerin ist 78 – vermisse ich. Mit ihnen habe ich auf Zoom gewechselt: Nicht nur für mich war das anfangs neu und ungewohnt. In der Krise bin ich froh um meine Erfahrung als Tänzerin: Flexibilität und Veränderung gehörten schon immer zu meinem Leben.» (agh)

Christina Maria Meyer (71), Ballettlehrerin an der Ballettschule für das Opernhaus Zürich und ehemalige Primaballerina 

«Die Tribüne lebt nur mit den Fans»

Portrait von Matthias Hüppi. Zeitlupe

© Ladina Bischof / FCSG

«Die Tribüne eines Fussballstadions bedeutet für mich Leben. Die Stimmung ist volatil und unberechenbar wie das Spiel selbst. Es liegt etwas in der Luft, eine Energie, die hör- und sichtbar ist. Wenn der FC St. Gallen ein Tor erzielt, fallen mir – unter normalen Umständen – manchmal wildfremde Menschen um den Hals. Diese Freude und diese Verbundenheit schätze ich sehr. Der Mensch braucht Emotionen. Das Stadion ist ein Ort, an dem er sie ausleben kann. Ich freue mich an positiven Gefühlen. Schmähgesänge über den Gegner ärgern mich.

Als Präsident des FC St. Gallen bin ich auch Gastgeber. Ich begrüsse die Leute, die uns unterstützen, bin vor und nach dem Match unterwegs und pflege Beziehungen. Der FC St. Gallen ist für die Ostschweiz sehr bedeutend und vereint Menschen aus allen Schichten. Er ist eine Volksbewegung.Gerne erinnere ich mich, wie ich als Knirps mit meinem Vater zu Fuss ins alte Stadion Espenmoos gepilgert bin. Damit ich auf den Stehplätzen etwas sehen konnte, hob mich mein Vater hoch. Als es hinter dem Tor noch keine Tribüne gab, nahm er auch mal eine Bockleiter mit. Auf der einen Seite stand mein Bruder, auf der andern ich – mit tollem Ausblick. Später, als Jugendlicher, konnte ich auf meinem Stehplatz die Tornetze berühren. Ich verehrte die Torhüter. Heute sitze ich auf der Haupttribüne und suche mir einen freien Sitz. Meistens wechsle ich in der Halbzeit die Seite, damit ich näher beim Tor der gegnerischen Mannschaft sitze. Ein Spiel in einer Loge zu verfolgen, ist nicht mein Ding. Ich kann auch nichts essen, wenn die Partie läuft. Zu wichtig ist ihr Ausgang.

Die Tribüne ist ein Begegnungsort mit vielen Facetten: vom Fanblock, der als Subkultur eine wichtige soziale Rolle einnimmt, bis zum Familiensektor, in dem die Liebe zum Club weitergegeben wird. Wenn es gelingt, für eine Fan-Choreografie das ganze Stadion einzuspannen, entsteht ein magischer Moment. Ich bin überzeugt davon, dass die Energie von den Rängen den Spielern hilft, das Letzte aus sich herauszuholen. Deshalb fehlt ohne Fans ein zentrales Element unserer Sportart. Denn nur mit ihnen lebt die Tribüne – mit all den Emotionen, den Farben und dieser faszinierenden Stimmung.» (fro)

Matthias Hüppi (63), Präsident des FC St. Gallen und ehemaliger Moderator und Kommentator bei SRF

Das Café

«Das Café Negropont besteht seit 2014 und ist ein Angebot von Pro Senectute Region Rorschach und Unterrheintal. Geschäftsstelle und Restaurant befinden sich dort unter einem Dach. Was als Generationentreff geplant war, hat sich zu einem familiären Ort für ältere Menschen entwickelt, an dem auch regelmässig Veranstaltungen stattfinden. Gerade Corona hat uns klar gemacht, wie wichtig solche Orte für alleinstehende Personen sind. Viele kommen täglich. Es ist ein Fixpunkt in ihrem Alltag. Am beliebtesten sind unsere Mittagsmenüs. Der Renner sind Kartoffelstock mit Braten, Hackbraten oder Voressen. Den Menüwochenplan verteilen wir vorab im Café – oder legen ihn den treusten Gästen in ihre Briefkästen. Seit dem Beginn der Pandemie erkundigen wir uns zudem hie und da telefonisch nach ihrem Befinden. Insgesamt 34 Freiwillige engagieren sich wöchentlich. Es ist bereichernd, so sein soziales Umfeld zu erweitern.» (fro)

Brigitte Hungerbühler (67), ehrenamtliche Helferin im Café Negropont in Rorschach  


Das Kino

«Ich habe viel Lebenszeit im Kino verbracht – als Zuschauer, Journalist, Filmverleiher und Kinobetreiber. Es ist ein Ort, an dem ich Filme intensiver aufnehme als zu Hause. Dieses gemeinsame Filmerlebnis ist unersetzbar. Kino heisst Emotionen – und Emotionen teilt man gerne, egal ob in einer Komödie oder einem Drama. Ich habe im Kino stehende Ovationen erlebt – wie etwa beim Bollywoodfilm ‹Lagaan›, als eine Cricketpartie zugunsten der Protagonisten ausging. Die Pandemie hat das Kino zu einem leeren Raum degradiert. Es fehlt das Element, das es zum Leben erweckt: das Publikum. Da ich in Baden-Wettingen das Kino Orient betreibe, kann ich mir zwar für die Programmation auch in Coronazeiten Filme anschauen – jedoch alleine. Der leere Saal ist ein trauriger Anblick. Selbst er scheint mir etwas vereinsamt.» (fro)

Walter Ruggle (66), Präsident des Trägervereins Kino Orient in Baden-Wettingen und langjähriger Direktor der Filmstiftung Trigon-Film


Der Markt

Illustration: ein Markstand mit Gemüse. Eine ältere Frau läuft darauf zu. Zeitlupe.

«Aus dem Traum vom Auswandern ist nichts geworden, aber von Bern nach Basel habe ich es immerhin geschafft. Und da ist das Ausland nicht weit. Am Samstag mit dem Velo nach Lörrach auf den Markt fahren, bei den Markgräfler Bäuerinnen Erdbeeren und Kirschen, Kuchen und Spargeln kaufen, dann im «Mona Lisa» an der Sonne sitzen, einen Cappuccino trinken und sich wie in Italien fühlen – das vermisse ich.» (uvo)

Hans Zaugg (66), Basel  

«Ich brauche das Publikum»

Portrait von Maja Brunner, Zeitlupe.

© zVg

«Die Bühne ist für mich ein Ort, an dem ich etwas bewirken kann. Ich verändere damit nicht die Welt, aber ich kann Menschen ein bisschen Freude vermitteln. Das ist etwas Schönes. Bevor ich die Bühne betrete, klopft mein Herz – und eine Mischung aus Zweifel und grosser Nervosität befällt mich. Ich frage mich: Kann ich bestehen? Sobald ich jedoch beginne und merke, dass es rund läuft, fühlt es sich grossartig an. Im Idealfall gerate ich in einen Flow und fühle mich getragen. Ich brauche das Publikum, diesen Kontakt und diese unmittelbare Rückmeldung. Alleine ein Lied zu singen, selbst in eine Kamera für einen Livestream, käme mir seltsam vor.

Die Bühne vermittelt Selbstsicherheit. Das heisst aber noch lange nicht, dass man in allen Lebenslagen selbstbewusst ist … Der Drang nach diesem Ort der Selbstdarstellung zeigt sich oft früh. Schon als Mädchen trug ich gerne Gedichte in meiner Schulklasse vor – und sang im Musikunterricht am lautesten.

Die Bühne fehlt mir. Zu Beginn der Pandemie war jede Absage ein herber Schlag. Inzwischen nehme ich alles gelassener. Als Künstlerin verliere ich zwar Arbeit, habe aber keine Mietkosten oder Angestellte – im Gegensatz zu vielen Berufsgruppen, die bei einer Aufführung involviert sind. Meine Wohnwände erhalten gerade einen neuen Anstrich. Und ich grabe in meinem Fundus nach unveröffentlichten Liedern und neuen Ideen.

Nach einem Jahr beschäftigt mich die Frage, ob ich es überhaupt noch draufhabe, wenn die Pandemie vorbei sein wird. Ich hoffe, es verhält sich wie beim Velofahren … Auch ich habe in den über 50 Jahren, in denen ich als Sängerin und Musical-Darstellerin auf der Bühne stand, noch nie eine solch lange Zwangspause erlebt. Die Rückkehr auf die Bühne stelle ich mir sehr intensiv und berührend vor. Die Wertschätzung wird immens sein – sowohl bei den Künstlern als auch beim Publikum.» (fro)

Maja Brunner (69), Sängerin und Theaterund MusicalDarstellerin

Das Restaurant

«Am Anfang jonglierte ich voller Elan mit Messer und Kelle. Probierte aus, was ich nicht kannte. Kochte Gerichte aus tiefster Erinnerung. Die Zeit rieselte dahin, Tag für Tag, Essen für Essen. Der Winter kam, Corona blieb. Die Erfahrung wuchs, die Lust am Kochen schwand. Und jetzt möchte ich mich einfach wieder an einen Tisch setzen, die Menükarte erhalten, sie lesen wie einen Klassiker und bestellen, als wär’s das erste Mal.» (Paul Imhof)

Paul Imhof (68), Kulinarik-Journalist und -Autor  


Die Turnhalle

Illustration: eine Seniorin und ein Senior turnen. Zeitlupe

«Die Turnhalle ist ein Ort der Leibeserziehung, aber auch ein geschützter Raum, in dem man gemeinsam viel Spass erlebt. Ich fühle mich geborgen, integriert und wage Dinge, die ich mir sonst nicht zutrauen würde. Dass ich dafür auch Lob ernte, tut der Seele gut. Die ‹Mund-Gymnastik› – das Plaudern – und das Zusammensein fehlen mir am meisten. Der Mensch braucht Gesellschaft.» (fro)

Magdalena Waller (71), Turnerin der Seniorinnenriege beim TV Würenlos 


Die Selbsthilfegruppe

«Seit 16 Jahren leite ich eine Selbsthilfegruppe für Menschen, die wie ich mit Osteoporose leben. Solche Anlaufstellen sind wichtig. Die Ängste bei einer positiven Diagnose sind gross. Wer uns aufsucht, ist froh und erleichtert, verstanden zu werden. Wir treffen uns monatlich zu zehnt in Thun an einem ruhigen Ort – an einem runden Tisch, denn der Blickkontakt ist zentral. Im ersten Teil sprechen wir über die Knochenkrankheit, bevor es gesellig weitergeht und wir uns locker und fröhlich fühlen. Die Gespräche tun gut und wir lachen viel.» (fro)

Rose-Marie Boehlen (85), Leiterin des «Osteoclub» in Thun


Die Beiz

«Mir fehlt meine Stammbeiz. Vor Corona sass ich wöchentlich in der «Metzgerhalle» in Zürich Oerlikon, einer echten Quartierbeiz. Wir alten Oerliker diskutieren dort über alles. Der eine fängt mit Politik an, der andere mit Fussball, alle reden durcheinander und man weiss vorab nie, ob es ernst oder lustig wird. Das macht für mich eine Beiz aus. Und das Servicepersonal kennt mich so gut, dass ein Blick und ein ‹Ja, gerne› reicht, damit ich eine zweite Stange erhalte.» (fro)

Egon Schwarz (69), pensionierter Koch und Bewohner im Pflegezentrum Gehrenholz, Zürich

«Die Bühne ist ein Gesundbrunnen»

Portrait von Emil Steinberger. Zeitlupe

© Gerry Ebner

«Für mich ist die Bühne etwas Geheimnisvolles. Sie ist ein wahrer Gesundbrunnen. Wenn ich auf Tournee nach langer Fahrt müde bin oder in den Knochen eine aufziehende Grippe verspüre: Sobald ich die Bühne betrete und spiele, dann merke ich davon nichts mehr – und dann ist, wie ein Wunder, nach der Vorstellung alles verflogen.

Auf die Frage, wie es mir gehe, antwortete ich einem befreundeten Architekten einst mit den Worten: ‹Danke, es geht.› Worauf er entgegnete: ‹Es kann dir nur gut gehen. In deiner Show senden dir tausend Leute positive Energie auf die Bühne – mit dir als alleinigem Empfänger.›

Ja, vielleicht ist die Bühne eine Art Wundermittel. ‹Wenn ich tätig bin, ist meine Zentrale im Kopf besetzt. Wenn ich nichts tue, dann melden sich sofort alle Organe mit ihren Bobos›, sagte einmal der deutsche Komiker Willy Millowitsch. Gute Jahre wünscht von Herzen, Emil Steinberger.»

Emil Steinberger (88), Kabarettist, Schriftsteller, Regisseur und Schauspieler

Die Sauna

«Sauna ist in Finnland ein Kulturgut. Schon als Mädchen besuchte ich sie. Auf dem Land hat fast jede Familie ihr eigenes Saunahäuschen. In städtischen Mehrfamilienhäusern gibt es meist eine Sauna für alle, die man für sich reservieren kann. Meine Mutter ist bald 98 und geht in Finnland noch heute jeden Freitag in die Sauna – und setzt sich wie stets auf die oberste Liege, den heissesten Platz. Es ist ihr Glücksort, den sie wie neu geboren verlässt. Ich habe zum Glück zu Hause eine Sauna. Sauna ist gut für meine Haut und meine Gelenke und heisst für mich abschalten und entspannen.» (fro)

Riitta Meister (71), Mitglied bei der Schweizerischen Vereinigung der Freunde Finnlands SVFF, Gruppe Bern


Die Weite

Illustration: eine Gartenbank mit zwei Seniorinnen. Zeitlupe.

«Ich sehne mich nach Weite. Ich wünsche mir, im Frühling am Seequai auf ein Bänkli zu sitzen und den Blick über See und Berge schweifen zu lassen. Das stelle ich mir auch auf einer Schifffahrt schön vor. Mein Wunsch nach Weite hat mich ein Leben lang begleitet. Als in unserem Pflegezentrum zwischenzeitlich – verständlicherweise – ein Besuchsverbot galt, wurde mein Lebensraum sehr eng. Ich bin zwar alt, aber ich gehöre auch noch dazu – und werde nach Corona alles ganz bewusst wahrnehmen und neu entdecken. Meine Familie wieder zu umarmen, kann ich kaum erwarten.» (fro)

Rosmarie Zihlmann (86), Bewohnerin im Betagtenzentrum Viva Luzern Eichhof, Luzern 

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