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Geheimnisvolle Welt der Zikaden

Zikaden, das sind die lauten Sänger, die in südlichen Ländern für sommerliche Geräuschkulissen sorgen. In Mitteleuropa leben ebenfalls viele Arten von Zikaden, doch die meisten von ihnen sind sehr klein und unscheinbar.

Text: Esther Wullschleger Schättin

Die heimische Insektenwelt ist weit reicher und vielfältiger, als man denken könnte. Neben den augenfäl­ ligsten Vertretern wie Schmetterlin­ gen, Wildbienen, Käfern oder Libellen leben etwa über 700 Arten von Zikaden im deutschsprachigen Raum. Zum Teil sind diese Insekten so winzig und unauffällig, dass sie kaum jemand erblickt. Auch wenn sie in manchen Fällen in ungeheuer grossen Individuenzahlen vorkommen und deshalb eine wichtige Rolle im Nahrungsnetz der Natur spielen.

Am ehesten sind Naturfreunden vielleicht die hübschen Blutzikaden bekannt, die mit schwarz­ rotem Bändermuster auf den Vorderflügeldecken aus grünen Hochstauden oder aus anderer Vegetation herausleuchten. Mit weit auseinanderliegenden Augen am breiten Kopf und dachförmig über dem Rücken gefalteten Flügeln entsprechen sie recht gut dem typischen Erscheinungsbild einer Rundkopf­ zikade, einer der beiden grossen Verwandtschaftsgruppen der Zikaden.

Unangenehmer Geruch und ungeniessbar

Die knallig rotschwarze Färbung ist offenbar eine Warntracht, welche Ungeniessbarkeit signalisiert. Darin ähneln die Blutzikaden anderen schwarzroten Insekten wie dem Bienenkäfer oder Ritterwanzen, die ebenfalls von weitem auffallen und von manchen Beutegreifern wie den auf Sicht jagenden Vögeln gemieden werden. Wenn eine Blutzikade trotzdem angegriffen wird, kann sie zur Abschreckung eine unangenehm riechende Flüssigkeit absondern, das sogenannte Reflexblut.

Zikaden sind jedoch meist wehr­ los und versuchen, wenn sie eine Ge­ fahr wahrnehmen, sofort zu fliehen. Wer eine der kleinen, unscheinbar bräunlichen Schaumzikaden aufspürt, bemerkt vielleicht, wie sich das Tier eilig auf die Rückseite des Gras­ oder Schilfhalmes zurückzieht. Wenn das nichts nützt, katapultiert es sich mit einem mächtigen Satz weg, um den Beobachtenden zu entgehen.

Vor allem die Schaumzikaden sind sehr sprungkräftig, obwohl sie nicht so lange Hinterbeine haben wie die Heuschrecken. Die gut sechs bis neun Millimeter kleine Wiesenschaum­zikade etwa kann aus dem Stand bis 70 Zentimeter weit springen! Relativ zur Körpergrösse springt sie somit weiter als ein Floh und beschleunigt dazu erst noch viermal schneller, obwohl sie viel schwerer ist als der kleinere Floh. Das gelingt der Zikade, indem sie die Hinterbeine unter den Körper zieht und arretiert, sodass diese angespannt sind. Mit kräftigen Sprungmuskeln kann sie die «Verrie­gelung» schlagartig lösen. Geschieht dies, werden die Beine in weniger als einer Millisekunde durchgedrückt und schleudern den Körper weg.

Nicht mit Heuschrecken verwandt

Zikaden sind nicht näher mit Heu­ schrecken verwandt, obwohl sie wie diese weit springen und, im Fall der Singzikaden, ähnliche Balzgesänge haben, mit welchen die Männchen ein Weibchen anlocken. Ihre nächsten Verwandten sind vielmehr die Wanzen und die bei Gärtnern gefürchteten Pflanzenläuse. Mit diesen haben die Zikaden ein anderes Merkmal ge­meinsam, einen stechend­-saugenden Rüssel, über welchen sie flüssige Nahrung aufnehmen. Dieser ist bei den Zikaden im Ruhezustand kaum zu sehen, denn er ist unten am Kopf angebracht und nach hinten geklappt, wenn das Insekt nicht gerade Nah­rung aufsaugt.

Fast alle Zikaden ernähren sich von Pflanzensaft, den sie aus den Leitungsbahnen oder aus den Blättern der Pflanzen ziehen. Dieser ist extrem arm an lebenswichtigen Nähr­stoffen, sodass die Pflanzensauger zur Deckung ihres Bedarfs sehr viel davon aufnehmen und einen Grossteil der wässrigen Lösung als Überschuss wieder ausscheiden müssen. Phloem­sauger, die besonders zuckerhaltige Lösung aufnehmen, spritzen die Flüssigkeit dabei möglichst weit weg, um sich nicht selbst damit zu verkleben. Manche Zikaden werden aber auch, wie die Pflanzenläuse, als Honig­tauspender von Ameisen und Bienen «gemolken». Die Larven der verschie­denen Schaumzikaden bilden sich aus ihrer extrem wässerigen Ausscheidung eine Schaumhülle, in der sie sich verbergen. Dieses als «Kuckucksspeichel» bekannte Gebilde schützt sie vor An­greifern und vor Feuchtigkeitsverlust.

Zikadenmännchen werben mit arttypischen Klängen, oder besser «Rhythmen», um ein Weibchen. Mit Ausnahme der grossen Singzikaden, die in zehn Arten ebenfalls in der Schweiz vorkommen, sind sie dabei für menschliche Ohren nicht hörbar. Die kleineren Zikaden kommunizie­ren offenbar durch substratgebundene Vibrationssignale, wie Forscher ge­funden haben. Das heisst, sie bringen vor allem die Pflanze, auf welcher sie sitzen, zum Vibrieren und nutzen sie so eher als Überträger für das Signal als die Luft.

Laute Sänger mit langer Entwicklungszeit

Vor allem tropische Singzikaden sind oft sehr laute Sänger. Wahrhaft ohren­ betäubend ist eine australische Art, der Green Grocer, der mit 120 Dezibel etwa die Lautstärke eines Düsenjets erreicht! Singzikaden sind recht gross und benötigen Jahre, um als Larven im Boden heranzuwachsen. In dieser Hinsicht schlagen die 17­Jahr­Zikaden der östlichen USA alle Rekorde. Nachdem ihre Larven 17 Jahre lang im Erdreich leben, schlüpfen sie zu Abertausenden gleichzeitig und erscheinen als ausgewachsene Insekten zur Paarung an der Oberfläche – wie dies letztes Mal im frühen Sommer 2021 geschehen ist.

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