© Sonja Ruckstuhl

«Emotionen sind mein Kapital»

Beat Schlatter mag ausgefallene Ideen – und ist vielseitig unterwegs. Der Zürcher Schauspieler, Kabarettist und Drehbuchautor schreibt Komödien ebenso wie Predigten. Ein Gespräch über Postkarten, das Sammeln von Emotionen und die Leere als Inspiration. 

Interview: Fabian Rottmeier, Fotos: Sonja Ruckstuhl

Im März 2020 haben Sie ein Buch voller Postkarten aus Ihrer Sammlung veröffentlicht – als hätten Sie das Fernweh als Folge der Pandemie vorausgeahnt. Welches ist Ihre wertvollste?
Ironischerweise eine selbst verfasste. Als mein Vater vor vier Jahren verstarb, stiess ich auf eine Kiste, in der er alle Klassenlager-Postkarten von meinem Bruder und mir aufbewahrt hatte. Auf mehreren stand die Anschrift «Liebes Mami, lieber Papi, lieber Hans». Ich war irritiert: Mein Bruder heisst Martin. Er konnte mich schliesslich aufklären: Weil uns Beat und Martin zu sehr nach Kindernamen klangen, nannten wir uns beim «Büro»-Spielen mit dem Spielzeugtelefon jeweils Fritz und … Hans. Zum Ärger meiner Eltern nannte ich Martin auch sonst oft Hans.

Behalten Sie jede Postkarte?
Nein, nur die emotional wertvollen. Das Verfasste kann eine spezielle Bedeutung haben, der Absender mittlerweile verstorben – oder die Absenderin heute ein Weltstar sein. Alles schon passiert. Auch die Karten und Briefe aus früheren Beziehungen habe ich behalten. Ausserdem Postkarten von Orten, die ich gerne einmal besuchen möchte. Ich müsste wohl 300 Jahre alt werden, um alle zu bereisen …

Wie finden Sie im Urlaub die passende Karte für Ihre Freundinnen und Freunde?
Je besser ich den Geschmack der Person kenne, desto einfacher die Wahl. Ich weiss, wer sich über Postkartenmotive wie Raststätten, Waffenplätze oder Häusersiedlungen freut. Gerne verschicke ich auch unbekannte Motive einer Stadt, abseits des Zentrums. Dort, wo alles noch etwas authentischer scheint. 

Sie sammeln «Emotionen auf Postkarten», wie Sie im Buch schreiben. Treibt Sie dieses Abrufen von Emotionen auch als Schauspieler an?
Ja, unbedingt, das gehört zu meinem Beruf. Wenn ich Trauer vermitteln soll, muss ich dieses Gefühl herstellen können. Das gelingt nur mit dem Abrufen verschiedener Bilder. Sprich: Ich erinnere mich, wie mich eine Freundin verlassen hat, wie ein Kollege verunglückt ist – oder ich versetze mich in den Moment, als meine Mutter starb und ich am Bettrand sass. Emotionen sind für mich als Schauspieler wie eine Währung, die ich sammle. Sie sind mein Kapital.

Beat Schlatter im Interview mit der Zeitlupe.
© Sonja Ruckstuhl

Sich mit Mitte 20 drei Jahre um seine kranke Mutter zu kümmern und sie in den Tod zu begleiten, muss enorm prägen …
Ja, sehr stark. Wer seine Mutter so lange und nahe in den Tod begleitet, reagiert sehr sensibel, wenn jemand aus dem eigenen Umfeld etwas Ähnliches durchmacht. Meine Mutter starb drei Jahre nach ihrer Diagnose an Sklerodermie. Die Bindegewebskrankheit war vielen erst durch Paul Klee, der ebenfalls daran gelitten hatte, ein Begriff geworden. Mein Vater konnte seinen Job nicht aufgeben, mein Bruder war in Ausbildung, so kümmerte ich mich tagsüber um sie. Wegen ihrer Krankheit sah mich meine Mutter nie auf der Bühne spielen. Ich war gerührt, als ich in Vaters Estrich auch auf Postkarten stiess, die ich meiner Mutter von meinen Auftritten zugesandt hatte. Ich schilderte ihr darauf jeweils, wie der Abend verlaufen war.

Läuft man bei solch traurigen Rückblenden nicht Gefahr, auf der Bühne aus dem Tritt zu geraten?
Nein. Schauspielerei ist eine Präzisionsarbeit. Erst wenn der Partner sich nicht an den Text hält, fliegt man aus der Bahn. Mit dieser Irritation muss man umgehen können. Man sagt, ein Schauspieler sei immer nur so gut wie sein Gegenüber. Wichtig ist auch, die Grenzen einer Szene gut zu kennen – und zu merken, wann wieder eine andere Emotion gefragt ist.

Träumer, Punk und Multitalent

Beat Schlatter wuchs in Rüschlikon am Zürichsee auf – und träumte von einem eigenen Laden (damit er ein «Bin gleich zurück»-Schild an die Türe hängen könnte). Er absolvierte eine Lehre als Innendekorateur, tourte aber lieber als Schlagzeuger mit einer Frauenpunkband und als Strassenmusiker mit Stephan Eicher durch die Gegend. Der Durchbruch gelang ihm in den 1990ern mit Kabarett Götterspass und als Schauspieler in den Komödien «Katzendiebe» und «Komiker» (für die er auch am Drehbuch mitschrieb) sowie in der SRF-Soap «Lüthi und Blanc». Seinen letzten Filmerfolg landete er mit «Flitzer». Als Nächstes ist er in der Theaterkomödie «Ab die Post» zu sehen. Der 60-Jährige hat mehrere Bücher veröffentlicht und lebt seit 25 Jahren im Zürcher Niederdorf. Er ist seit 2011 mit der selbstständigen Buchproduzentin Mirjam Fischer verheiratet. Ihre Feier fand in einem Brockenhaus statt.

Woher kommt dieser Drang, Gefühle künstlich zu erzeugen?
Leidenschaft und Lust haben wohl viel damit zu tun. Es macht Spass, eine Szene so lange umzubauen, bis sie glaubhaft wirkt und funktioniert. Eine Komödie soll so leicht wie möglich daherkommen. Wenn das Publikum denkt: «Das kann ich auch!», dann kommen auch die Emotionen an. Komödien sind brutal – und für mich das Königsgenre. Die Platzierung eines einzelnen Wortes kann darüber entscheiden, ob das Publikum lacht – oder eben nicht.

Wie gut konnten Sie mit der langen Corona-Zwangspause umgehen?
Der zweite Lockdown war hart. Wir Künstler brauchen das Publikum. Man steht mit einem ganz anderen Gefühl auf, wenn abends eine Vorstellung ansteht. Ich war froh, wenigstens für Radio SRF 1 unsere Radio-Bingo-Show machen zu dürfen. Zu Beginn der Pandemie hatte ich die Situation noch als befreiend empfunden, da ich plötzlich viel Zeit für Drehbücher hatte. Mit Christoph Fellmann schrieb ich ein Stück fürs Freilichttheater Ballenberg und mit Peter Luisi eine Filmkomödie über eine Schweiz, die per Abstimmung beschliesst, sich aus Kostengründen auf eine Landessprache zu beschränken.

Beat Schlatter lacht im Interview mit der Zeitlupe. Seine Sonnebrille liegt auf dem Tisch.
© Sonja Ruckstuhl

Bevor Sie Schauspieler wurden, tourten Sie als Punkmusiker durch Europa und mit Stephan Eicher durch die Gassen. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf diese Zeit zurück?
Es war meine wichtigste und prägendste Zeit, in der ich realisiert habe, was ich will. In unserem Bandraum schworen wir uns wie Blutsbrüder: kein Militärdienst, keine Heirat und keinen bürgerlichen Beruf – nichts davon sollte uns abhalten, Kunst zu schaffen. Meine Bilanz liest sich ganz okay: Bei der Militäraushebung wurde ich wegen meiner blondierten Haare als homosexuell betrachtet und für untauglich erklärt, beruflich angestellt war ich auch nie – und geheiratet habe ich mit 50.

Aber die Anekdote, dass Sie als Punkmusiker in einem Altersheim Katzen geklaut haben, um später den Finderlohn zu kassieren, ist bloss eine Legende, oder?
Nein! Wir fanden zwischenzeitlich in der Zürcher Agglomeration einen Proberaum – in der Nähe eines Alters- und Wohnheims. Dort wurde ein Pilotversuch gestartet: Die Heimleitung erhoffte sich zufriedenere Bewohnerinnen und Bewohner, wenn diese ein Haustier mitbringen durften. Der Katzenklau schien uns ideal, um unsere Miete zu zahlen. Da wir noch alle zu Hause wohnten, konnten wir die Katzen nur im Bandraum unterbringen und füttern. An Proben war da natürlich nicht zu denken … Sobald die Vermisstmeldung aufgegeben wurde, liessen wir die Katzen von Kollegen zurückbringen, um den Finderlohn einzustreichen.

Sie sind im vergangenen Mai 60 Jahre alt geworden. Denken Sie übers Älterwerden nach?
Ja, etwa wenn ich merke, dass ich viel öfters zur Brille greifen muss als auch schon. Oder wenn ich wieder mal jemanden nicht gut verstanden habe. Kürzlich bin ich sogar an einer Baustelle stehen geblieben – ein klares Alterszeichen. Zudem nehme ich die Zeit viel bewusster wahr. Zeit heisst heute: Mit wem verbringe ich sie am liebsten? Zeit bedeutet aber auch, dass mich die zwei verkaterten Tage reuen, die ich nach einem Abend mit reichlich Alkohol durchstehen muss. Corona hat uns Kulturschaffende so stark ausgebremst, dass ich mir nun vorstellen kann, wie sich die Pensionierung anfühlt. Ich konnte ein bisschen üben.

An Ihrem Geburtstag pflegen Sie ein schönes Ritual: Sie nehmen frei und fahren alleine irgendwohin. Wie kam es dazu?
Die Idee ist einem Gefühl entsprungen. Ich fragte mich, wie das damals für meine Eltern gewesen sein musste, als ich zur Welt kam. Dazu wollte ich mir Gedanken machen und Fragen beantworten, die man im Alltag verdrängt. Und so zog ich eines Jahres an meinem Geburtstag ganz alleine los. Am liebsten reise ich in fremdsprachige Orte, um Ablenkung zu vermeiden. Norditalien oder das Tessin sind dafür perfekt.

Das Alleinsein ist auch eine wichtige Ideenquelle, sagen Sie.
Man muss sich als Künstler bewusst Leere schaffen. Ideen entspringen oft, indem man den Müssiggang pflegt und sich eine Auszeit nimmt. Das ist ein wichtiger Prozess. Eine weitere Inspirationsquelle sind Begegnungen mit Menschen, die oft einen Anstoss für eine Idee liefern.

Wann wissen Sie, dass eine Idee gut ist?
Es gehört zu meinem Beruf, ein Gespür dafür zu entwickeln. Es gibt verschiedene Aspekte, doch eine gute Idee muss nicht automatisch erfolgreich sein. Über mein Fotobuch, in dem ich 200 Garderoben von Orten veröffentlichte, an denen ich aufgetreten war, wurde sogar in der «Tagesschau» berichtet. Verkauft hat es sich trotzdem schlecht.

«Man muss sich  als Künstler bewusst Leere schaffen»

Zum Lachen gebracht hat mich auch der Einfall, dass Sie an Ihrer Hochzeit die Traurede auf Arabisch übersetzen liessen – und sich für ein Biobierglace stark machten. War das Eis ein Flop?
Ja. Es wollte uns einfach nicht gelingen, den Biergeschmack zu kopieren. Nicht einmal ein Starkoch hatte Erfolg. Das Softice wurde bloss bei jedem neuen Versuch noch alkoholhaltiger. Nach zwei Kugeln war man sternhagelvoll. Und die grossen Softice-Maschinen wollte auch niemand aufstellen.

Ihr Werdegang überrascht mit vielfältigen Engagements. Sie sind etwa Verwaltungsrat der Hürlimann Bier AG, die mit dem «Hürlimann-Rappen» auf witzige Art Projekte unterstützt. Ihr Vater und Grossvater arbeiteten beide bei der Brauerei Hürlimann – auch Sie als Jugendlicher. Wollten Sie damit eine Tradition weiterführen?
Ja, denn ich mag Traditionen. Es freut mich, dass es weitergeht mit der Biermarke. Mein Vater hätte nie einen Fuss in eine Beiz gesetzt, in der es kein Hürlimann-Bier gab. Was wir in diesen zehn Jahren mit dem Hürlimann-Rappen alles erleben durften, ist toll. Einmal förderten wir einen Sportler, der sonst bestimmt nie Sponsorengelder gesehen hätte. Unsere Wahl fiel auf einen jungen Rollschuhtänzer, der nicht wusste, wie ihm geschah. Ein anderes Mal bezahlten wir einer Frau die Jahreslohndifferenz gegenüber Männern in ihrem Beruf.

nterviewbild von Beat Schlatter an der Limmat in Zürich.
© Sonja Ruckstuhl

Ebenfalls überrascht haben Sie mit Ihren Kirchenpredigten, nachdem Sie für die Zeitung «Reformiert» Kolumnen geschrieben und viele Pfarrer interviewt hatten. Was war Ihre Motivation, in der Kirche zu sprechen?
Die tollen Begegnungen mit den Pfarrern. Aus diesen respektvollen Gesprächen sind schöne Freundschaften entstanden. So wurde ich eines Tages gefragt, ob ich nicht auf der Kanzel sprechen wolle. Ich sagte begeistert zu, schliesslich ging damit ein insgeheimer Wunsch in Erfüllung.

Sie zählten den Gottesdienst kurzerhand zur Unterhaltungsbranche.
Die Kirche hat als unterhaltender Ort grosses Potenzial. Ich wollte genau wissen, wie man beim Verfassen einer Predigt vorgeht, damit sie Anklang findet. Es war mir wichtig, etwas Witz in die Kirche zu bringen und gleichzeitig den Respekt vor dem Glauben zu wahren. Ich habe mehrere Reden verfasst – und der Plan ging auf. Sogar bei den Katholiken! In Teufen erntete ich Applaus. Mein Vorhaben, bis am Sonntagmittag wieder zu Hause zu sein, ging jedoch schief. Ich habe noch stundenlang mit dem Pfarrer diskutiert und dabei mit ihm praktisch den ganzen Messwein getrunken.

Welche Themen sprechen Sie auf der Kanzel an?
Das Thema Veränderung zum Beispiel. Es ist wichtig, sich Veränderungen auszusetzen. Meistens richten wir uns unseren Alltag möglichst angenehm und bequem ein. Veränderungen bedeuten schliesslich Arbeit. Aber wer diese verweigert, verliert. Das Leben ist Veränderung, von der Geburt bis zum Tod, wobei der Tod dann die grösste Veränderung bleibt – hoffentlich. ❋


  • Beat Schlatter: «Postcards», Christoph Merian Verlag, Basel, merianverlag.ch, ca. CHF 34.–
  • Erfahren Sie zudem im Zeitlupe-Video, womit Beat Schlatter sein erstes Geld verdiente und von welchem Beruf er als Kind träumte. Zum Video: zeitlupe.ch/schlatter