© Markus Mallaun

«Es braucht den Konsens aller Beteiligten»

Sterbefastende brauchen einen starken Willen, ein unterstützendes Umfeld und palliative Pflege. Der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) muss gut organisiert werden.

Ist Sterbefasten tatsächlich so einfach, wie der Name suggeriert? 

Sterbefasten ist eine Lebensentscheidung. Am Anfang steht der bewusste und ganz persönliche Entschluss. Meist baut sich dieser über eine gewisse Zeit hinweg auf – wie ein Crescendo in der Musik. Er wird durchdacht, von allen Seiten beleuchtet und dann erst der Umgebung mitgeteilt. Die Betroffenen spüren eine grosse Entschlossenheit und Willenskraft. Mit dieser Kraft schaffen sie es, auf Essen und Trinken zu verzichten. Das Hochgefühl, das sich in der ersten Woche einstellt, bestätigt sie in ihrem Entschluss. Der Körper schüttet Endorphine aus, man wird klar im Kopf und kann auch seinen Entscheid noch einmal rekapitulieren.

Und eventuell darauf zurückkommen?

Das ist der Unterschied zu Exit, wo sich nach der Medikamenteneinnahme der Sterbeprozess nicht mehr aufhalten lässt. In der Praxis wird auch beim Sterbefasten eine Umkehr eher selten beobachtet. Nach ungefähr einer Woche wird der Prozess irreversibel. Der Sterbende schläft immer mehr, die wachen Momente werden seltener. Darum ist es so wichtig, dass die Durchführung des Sterbefastens besprochen ist und dass die entsprechenden Wünsche in der Patientenverfügung festgehalten sind. Sonst kann es sein, dass – in Unkenntnis der Situation – dem Sterbewilligen wieder Nahrung und Flüssigkeit zugeführt werden. 

Ist Sterbefasten schmerzhaft?

Ohne Flüssigkeit werden die im Körper anfallenden Giftstoffe nicht mehr ausgeschieden, die Nieren versagen. Je nach Alter, Vorerkrankung und Allgemeinzustand tritt der Tod nach einer bis drei Wochen ein. Wichtig ist eine kompetente palliative Betreuung mit entsprechender Schmerztherapie. Entscheidend ist dabei die gute Mundhygiene, mit der man das Durstgefühl weitgehend kontrollieren kann. Sterbefastende sind auf die Unterstützung ihrer Nächsten sowie auf pflegerische und medizinische Betreuung angewiesen. Konflikte können entstehen, wenn alle Beteiligten eine andere Perspektive haben: Der Betroffene will sterben, die Angehörigen wollen einen geliebten Menschen nicht verlieren, und das medizinisch-pflegerische Personal möchte niemanden verhungern oder verdursten lassen. 

Was tun?

Aufklären und reden, immer wieder und so lange, bis ein gemeinsamer Konsens im Umgang mit der Situation gefunden wird. Allein lässt sich ein solcher Prozess nicht durchführen. Die private Umgebung des Sterbefastenden muss gut organisiert werden. Jemand, der allein und noch relativ autonom zu Hause lebt, kann für den FVNF kaum in ein Heim, ein Hospiz oder in ein Spital eintreten. Auch wer in einer Altersinstitution lebt, muss sich absprechen. Es gibt immer noch medizinisches und Pflegepersonal, das Sterbefasten als Suizid betrachtet. 

Welches sind die gesellschaftlichen Fragen, die sich beim freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit stellen?

In der Schweiz gibt es aus juristischer Sicht keine Regelung bezüglich des FVNF. An oberster Stelle steht das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen: Es gesteht jedem urteilsfähigen Menschen das Recht zu, seinem Leben ein Ende zu setzen. Beim Sterbefasten liegen der Entscheid und die Tatherrschaft bei der sterbewilligen Person. Diese Autonomie sollte von den Angehörigen und den Pflegenden respektiert und akzeptiert werden. 

Wer entscheidet sich zum FVNF?

Die meisten Menschen, die diesen Weg wählen, sind über achtzig Jahre alt und leiden an Tumorerkrankungen, grossen Schmerzen oder altersbedingter Gebrechlichkeit. Zusätzlich machen ihnen der Verlust ihrer Autonomie und die geringe Lebensqualität zu schaffen. Unsere Studie von 2019 zeigt, dass bei rund der Hälfte aller Sterbefastenden die Lebenserwartung weniger als einen Monat betrug. Doch bei fast einem Drittel der Verstorbenen lag keine schwere Erkrankung vor. Oft sind es Menschen, die davon reden, dass «der liebe Gott sie vergessen hat». Ihre Freunde sind gestorben, sie fühlen sich einsam und haben keine Visionen mehr. Andere spüren, dass für sie der richtige Zeitpunkt zum Sterben gekommen ist. Ihre Biografie ist geklärt und aufgeräumt. Sie sind müde und vom Leben triefend satt. ❋

Prof. Dr. André Fringer (51), ist Pflegewissenschaftler und Co-Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung Pflege an der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur. Seine Forschungsschwerpunkte sind die familienzentrierte Pflege, Palliative Care sowie Sterbefasten.
Kontakt: andre.fringer@zhaw.ch, sterbefasten.ch 

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Es war ein reiches Leben

Beat Aepli-Lehner starb am 7. Juni 2021, nachdem er zwölf Tage lang nichts mehr gegessen und getrunken hatte. Der 91-Jährige ging den Weg des Sterbefastens. Er und seine Familie liessen die Zeitlupe an dieser intensiven Erfahrung teilhaben. 

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Beitrag vom 03.08.2021

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