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Das Wasser ist ihr Zuhause

An Seeufern, auf Weihern und gar auf manchen Teichen sind sie öfters anzutreffen. Die Blässhühnchen, in der Schweiz auch als Taucherli bekannt, gehören zu den häufigsten unserer heimischen Wasservögel. 

Text: Esther Wullschleger Schättin

Im Winter fallen sie besonders auf: die schwarzen Taucherli mit dem weissen Stirnschild, das wohl manche Beobachtende an eine Blesse (weisser Fleck) erinnert hat. Deshalb heissen die kleinen Wasservögel auch Blässhühnchen. Sie tummeln sich während der kalten Jahreszeit meist zahlreich auf dem See, denn viele Artgenossen aus nordöstlich gelegenen Brutgebieten treffen zum Überwintern auf den hiesigen Gewässern ein.

Dass sie keine Enten sind, sieht man bereits an ihren Füssen. Die Zehen der Blässhühner sind nicht durch Schwimmhäute miteinander verbunden wie bei Ente und Schwan, sondern je einzeln von Lappen umrandet, welche ebenfalls den Vortrieb im Wasser erleichtern. Auch der kräftige weisse Schnabel unterscheidet sich vom breiten Seihschnabel der Enten.

Keine Scheu vor Menschen

Das Blässhühnchen lebt aber ganz ähnlich wie Enten, hält sich normalerweise schwimmend auf See oder Teich auf und taucht ab und zu im Wasser ab, um nach Nahrung zu suchen. Vor dem Menschen zeigt es wenig Scheu, wenn es etwa an belebten Uferstellen ans Land kommt. Seine kurzen, hellen «Tick»-Rufe hört man an manchem Seeufer, wobei sie schärfer klingen, wenn die Vögel aufgeregt sind. Manchmal erinnern ihre Laute, die im Ganzen erstaunlich vielfältig sind, auch fast an die Rufe der Kraniche.

Das Blässhuhn ist eine Ralle, und zählt somit zu einer Gruppe von recht wenig bekannten Vögeln, die im Allgemeinen in Wassernähe leben. Rallen gehören zur näheren Verwandtschaft der Kraniche und sind normalerweise sehr versteckte Tiere. Die meisten Arten dieser Gruppe verbergen sich in dichter Ufervegetation und verraten sich höchstens durch ihre merkwürdigen Rufe. Ihr schmaler Körperbau erlaubt es beispielsweise der einheimischen Wasserralle, sich rasch und geschmeidig durch Schilfbestände zu bewegen, ohne dass die hohen Halme verräterisch in Bewegung geraten.

Am ähnlichsten in Gestalt und Lebensweise kommt dem Blässhühnchen das ebenfalls dunkel befiederte Teichhuhn, auch als Teichralle bekannt. Man könnte es mit dem Blässhuhn verwechseln, doch ist es klar zu erkennen an seinem roten Schnabel mit gelber Spitze und dem ebenso roten Stirnschild. Es hält sich meist in der Nähe schützender Vegetation auf, schwimmt aber auch auf offenen Wasserflächen umher wie das Blässhuhn. Dabei trägt das Teichhuhn ein wenig längere Zehen als das Blässhuhn, sodass es gut über Schwimmblätter laufen kann, ohne einzusinken.

Eine gute Schwimmerin

Das Blässhuhn ist die ausgeprägteste Schwimmerin unter den Rallen. Betreffend seiner Wasserlebensräume ist es wenig anspruchsvoll, bevorzugt aber seichtere Stellen mit schlammigem Grund und einigem Pflanzenbewuchs, wo es nach Nahrung tauchen kann. Wasserpflanzen, Algen, Würmer, Muscheln und Wasserschnecken, Schilfblatt oder junge Schilfsprossen, Gräser, auf dem Wasser treibendes abgestorbenes Pflanzenmaterial, Samen und Insekten gehören zur Nahrung dieser anpassungsfähigen, aber mehrheitlich vegetarisch orientierten Allesfresser.

Ein Blässhuhn sitzt auf einem Nest.
© Michel Poinsignon / naturepl.com

Am Seeufer, in Weihern und selbst in flachen Teichen, sofern diese eine gewisse Ausdehnung und etwas Pflanzenbewuchs haben, kann sich ein Blässhuhnpaar im Frühjahr zum Nisten ansiedeln. Wo eine Ufervegetation vorhanden ist, legen die Vögel normalerweise ihr aus Pflanzenteilen gebautes Nest an, entweder auf festem Grund oder oft auch schwimmend. Weitere, etwas flachere Nestplattformen, die nicht zur Aufzucht der Jungen dienen, werden gelegentlich als «Nebennester» zum Ruhen genutzt.

Die Küken mit dem merkwürdig roten Kopf werden bis etwa zwei Monate lang von den Eltern geführt und gefüttert. Sie mausern später in ein helles Jugendkleid, wobei die Wangen und die Vorderseite der jungen Taucherli weisslich-grau erscheinen. Die Geschlechter lassen sich bei den Blässhühnern kaum unterscheiden, doch sind die Weibchen ein wenig kleiner.

Das Brutrevier wird energisch gegenüber Eindringlingen verteidigt, wobei man Blässhühnchen oftmals dabei sieht, wie sie übers Wasser laufend und flatternd auf einen Gegner zuschiessen. Gerne brüten auch Haubentaucher in einiger Nähe zu einem Blässhuhnnest. Sie profitieren offenbar von der Wachsamkeit des rabiateren Nachbarn.

Das Blässhühnchen besiedelt ein riesiges Verbreitungsgebiet in der Alten Welt. Es kommt von Europa über weite Bereiche Asiens und sogar in Australien vor. Die australischen Arten gehören dabei einer eigenen Unterart an, sie sind etwas kleiner als unser einheimisches Blässhühnchen.

Geheimnisvolle Rallen

Von manchen Arten der Rallenvögel weiss man sehr wenig, da sie sich nur schwer beobachten lassen. Manche hatten sich bis auf entlegene Meeresinseln verbreitet und sich dort zu eigenen Arten entwickelt. So lebt auf einer Insel der Tristan-da-Cunha-Gruppe im Südatlantik die kaum starengrosse Atlantisralle, der kleinste flugunfähige Vogel der Welt. In der Schweiz beinahe verschwunden ist der ans Landleben angepasste Wachtelkönig. Seine knarrenden Rufe waren in früheren Zeiten häufig aus den Wiesen zu hören. Heute fehlt es dieser Wiesenralle in Mitteleuropa an naturnah bewirtschafteten, spät im Jahr gemähten Wiesen.

Beitrag vom 15.11.2021

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