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Die Elster: ein eleganter Rabenvogel

Elstern erscheinen vielen Menschen suspekt, denn sie gelten als Nesträuber und Diebe glänzender Gegenstände. Dabei sind sie äusserst soziale Tiere, die man sogar beim Spielen beobachten kann. Im Gefüge der Natur vermehren sie sich nicht übermässig. 

Text: Esther Wullschleger Schättin

Die die Meisen, Amseln und Spatzen gehören Elstern zu den häufigen Vögeln in Dörfern und Städten. Nur haben es die «Ägersten» bei den menschlichen Anwohnern deutlich schwerer: Hartnäckig halten sich die bekannten Vorurteile, die sie wie andere Rabenvögel umgeben. Das ist schade, denn die eleganten Elstern mit ihrem metallisch schimmernden Gefieder sind mindestens so interessant zu beobachten wie die kleinen Singvögel.

Auch am winterlichen Futterhäuschen können sie ab und zu eintreffen. In einem Fall schien die Elster aber nicht besonders interessiert an den angebotenen Körnern. Stattdessen hüpfte sie auf den First des kleinen Schrägdaches und rutschte seitlich mit einigem Neuschnee darauf herunter. Das wiederholte sie noch einige Male und spielte so für einige Zeit herum, wie es für diese intelligenten Rabenvögel typisch ist.

Die Landwirtschaft hat sie in die Siedlungen vertrieben

Ursprünglich waren die Elstern Bewohnerinnen von offenen Landschaften mit einigem Baumbestand oder Büschen, von Waldrandlagen, lichten Wäldern oder reich strukturiertem Kulturland mit Hecken und Feldgehölzen. Sie brauchen mindestens ein paar Bäume oder dichte Sträucher, um ihr grosses Kugelnest darin zu bauen, aber auch offene Flächen mit niedrigem Pflanzenbewuchs, wo sie ihre Nahrung finden.

In der durch die Intensivierung der Landwirtschaft mehrheitlich ausgeräumten Kulturlandschaft scheinen sie weniger gut zurechtzukommen. Ausserdem werden sie vielerorts bejagt. Seit einigen Jahrzehnten haben sich die Elstern denn auch deutlich vom Landwirtschaftsland in die Siedlungsgebiete verlagert – ein Trend, der sich in der Schweiz und in weiteren europäischen Ländern zeigt. Ähnlich wie die Amseln und die Stadtfüchse sind sie zu Kulturfolgern geworden, die bestens im Umfeld des Menschen leben können – wenn man sie lässt.

Auch Beeren und Frösche stehen auf dem Menüplan

Die Nahrung der Elstern besteht zu einem grossen Teil aus Insekten und anderen Kleintieren wie Würmern und Schnecken, die sie umherschreitend aufstöbern. Sie picken aber auch Beeren oder Sämereien auf oder überwältigen vereinzelt grössere Tiere wie Mäuse oder Frösche. Wenn Nahrung im Überfluss vorhanden ist, legen Elstern wie Krähen kleine Verstecke an. Sie vergraben einzelne Stücke im Boden und achten dabei darauf, nicht von Artgenossen beobachtet zu werden. Die für ein paar Tage angelegten Vorräte finden sie dank ihres guten Gedächtnisses auch meistens wieder.

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Rabenvögel und Menschen

Wie andere Rabenvögel können Elstern Menschen offenbar gut einschätzen. Sie wissen, dass ein Gewehr Gefahr bedeutet, und reagieren äusserst nervös auf einen Jäger, der einmal auf sie geschossen hat. Sie können Menschen ihres Umfelds persönlich erkennen und «gefährliche» von «nicht gefährlichen» unterscheiden, wie dies für amerikanische Krähen nachgewiesen wurde. Ebenfalls in den USA hat sich vor einigen Jahren eine erstaunliche Geschichte zugetragen: Ein kleines Mädchen, das jeweils Krähen fütterte, erhielt von diesen plötzlich immer wieder kleine Fundstücke als «Gegengeschenke» vorbeigebracht.

Bei Gelegenheit nehmen die anpassungsfähigen Elstern die Nester kleinerer Vögel aus, picken Parasiten von Grosstieren, plündern Zivilisationsabfälle wie Komposthaufen oder verzehren und beseitigen Tierkadaver. Die normalerweise gut versteckten Singvogelnester sind dabei für die Elstern eher Zufallsfunde, da sie weit verstreut angelegt werden. Die kleinen Singvögel müssen sich vor einer Vielzahl von Nesträubern wie Katzen, Eichhörnchen, Mardern, Siebenschläfern oder Krähen in Acht nehmen und sind entsprechend vorsichtig. Ein Einfluss der Elstern auf die Kleinvogelbestände konnte, wo dies näher untersucht wurde, nicht festgestellt werden. Die Elstern selbst ziehen nur einmal im Jahr Junge auf, wobei die Jungensterblichkeit hoch ist und viele Bruten auch Raubzügen von Rabenkrähen zum Opfer fallen.

Der Nestbau ist Teamwork

Das grosse, kugelige Elsternnest wird oft in grosser Höhe auf Bäumen gebaut, wo sich die Vögel sicherer wähnen und die Umgebung gut im Überblick haben. Beide Partner beteiligen sich am Nestbau und tragen dazu Hunderte von Stöckchen und Zweigen herbei, die sie vom Boden auflesen oder mit dem Schnabel aus Gehölzen brechen. Besonders ältere, erfahrene Elstern bauen ausgeklügelte Nester mit einer kleinen Überdachung, die vor Angreiferinnen wie den Rabenkrähen schützt. Die Nestmulde darin ist ausgepolstert und von einem seitlichen Eingang her zu erreichen. Viele der verlassenen oder ungenutzten Elsternnester haben «Nachmieter» und werden von anderen Vögeln wie Waldohreulen oder Turmfalken zum Nisten genutzt.

Elstern wie Krähen gehören zu den Rabenvögeln, einer Verwandtschaftsgruppe von Singvögeln, die für ihr soziales Wesen und ihre ausgeprägte Intelligenz bekannt sind. Sie bilden enge Paarbeziehungen, die meistens ein Leben lang halten, in einigen Fällen aber wieder aufgelöst werden. Die flüggen Jungelstern, erkennbar am kürzeren Schwanz und dem noch glanzlosen Gefieder, bleiben längere Zeit bei den Eltern und lernen von ihnen. Sie werden von diesen verteidigt, wobei die Elstern grossen Mut zeigen und einen Angreifer mit viel Gezeter angehen. Sie scheuen nicht davor zurück, sich der Katze oder dem Bussard von hinten anzunähern und sie zu zwicken. ❋

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