© shutterstock

Die andere Seite der Pandemie

Covid hat viele ältere Menschen in die Isolation getrieben und deren Psyche nachhaltig strapaziert. Ein Experte erklärt, wie sie den Herausforderungen der Krise besser trotzen – und wo sie Hilfe finden.

Covid setzt allen Menschen zu. Macht uns die Pandemie aber auch psychisch krank?
Soziale Isolation sowie die Furcht vor einer allfälligen Covid-Infektion können durchaus Depressionen und Angstzustände bewirken. Unser Zentrum wurde im vergangenen Jahr jedenfalls verstärkt von Menschen kontaktiert, die wenige Jahre vor der Rente standen und sich durch die Pandemie existenziell gefährdet sahen. Auch Einsamkeit spielt eine wichtige Rolle. Zudem war der ambulante Beratungsbedarf in Familien, in denen Menschen mit Demenzerkrankung leben, während der Pandemie enorm hoch.

Wann braucht es professionelle Hilfe?
Bei hochbetagten Menschen verweisen oft körperliche Beschwerden auf grosse psychische Not, etwa Schlaflosigkeit oder Atemnot. Treten diese ohne erklärbare körperliche Ursache wiederholt auf, kann es sinnvoll sein, ein ambulantes alterspsychiatrisches Angebot in Anspruch zu nehmen. Die Schwelle, sich bei psychischen Beschwerden Hilfe zu holen, ist aber bei Älteren generationsbedingt oft hoch. Hier sind Angehörige und Freunde gefordert, Betroffene zu unterstützen, diesen Schritt zu wagen.

Wie können Expertinnen und Experten psychisch Angeschlagenen helfen?
Beispielsweise durch Telefonberatung. Oder durch Videotherapien – diese haben sich mittlerweile etabliert und lassen sich auch bezüglich Datensicherheit immer besser einsetzen, falls die technischen Voraussetzungen gegeben sind (ein Handy reicht aus). Auch Hausbesuche sind unter Einhaltung der geltenden Schutzmassnahmen in Notsituationen grundsätzlich möglich – viele sehen jedoch davon ab, weil sie Kontakte verständlicherweise weitgehend meiden.

Sind taugliche Therapien unter diesen Umständen überhaupt möglich?
Durchaus. Wir bieten in unserem Zentrum für Alterspsychiatrie und Privé das vollständige Therapieprogramm an, und dieses wird von älteren Patientinnen und Patienten intensiv genutzt. Viele schätzten insbesondere während den Lockdowns neben den Vorzügen einer intensiven stationären Therapie etwa die gemeinschaftliche Atmosphäre, die sie zu Hause so sehr vermissten. An unseren ambulanten Standorten bieten wir ebenfalls konstant ärztliche und pflegerische Therapien an.

Was können Menschen tun, um sich während der Krise körperlich und psychisch fit zu halten?
Aktuelle Untersuchungen zeigten, dass Menschen zwischen 60 und über 90 Jahren mit regelmässigen körperlichen Aktivitäten ihre Resilienz (psychische Widerstandskraft) und Zuversicht nachhaltig stärken können: etwa mit Wanderungen, Spaziergängen oder Gymnastik. Darüber hinaus sind (Video-)Telefonate mit Angehörigen oder anderen nahestehenden Personen wichtig. Sie lindern das Gefühl der Einsamkeit. Wer an digitalen Konzerten, Theateraufführungen oder Lesungen partizipiert, fühlt sich weniger allein und fördert damit sein Wohlbefinden. 

Dr. med. Bernd Ibach

Privatdozent, Chefarzt des Zentrums für Alterspsychiatrie und Privé der Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Clienia Littenheid AG

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.