© Ethan Oelman

«Ein Leben reicht nicht für alle Träume»

Ihre Persönlichkeit ist so markant wie ihre Brille: Tilla Theus ist die bekannteste Architektin der Schweiz. Noch immer arbeitet die Bündnerin elf Stunden am Tag. Ein Gespräch über Lebenspläne, Leidenschaften und Lasten. 

Text: Roland Grüter, Fotos: Ethan Oelman

Kritiker nennen Sie bewundernd Grande Dame der Architektur oder Stararchitektin: Ehrt Sie das?

Kein bisschen. Solche Bezeichnungen bedeuten mir rein gar nichts. Im Gegenteil, ich finde sie etwas lächerlich. Ich baue Häuser wie andere Architektinnen und Architekten auch – mehr nicht.

Das millionenschwere Hauptgebäude des Fussballweltverbandes Fifa, das Fünfsternehotel Widder in Zürich: Ihre Bauten werden in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Überrascht Sie das? Architektur bleibt sonst meist unbeachtet.

Das hat weniger mit mir oder mit -meiner Arbeit zu tun als mit meiner Position: Es gibt nur wenige Frauen in meiner Branche, die ein eigenes Büro führen. Ich leite seit über 50 Jahren ein Büro, mittlerweile arbeiten darin 16 Angestellte. Allein schon deshalb falle ich auf.

Was genau zeichnet Ihre Arbeit aus?

Vielleicht das: dass meine Leute und ich selbst auf die schwierigsten Fragen immer eine Antwort finden. Auftraggeber klopfen bei uns erst dann an, wenn sie anderswo mit ihren komplexen Anliegen nicht weiterkommen. Darüber hinaus sind wir bekannt für unsere Sorgfalt, mit der wir unsere Antworten suchen. Keiner meiner Bauten gleicht den anderen. Bei mir gibts nichts Serielles, nichts ab der Stange. 

Sie sind bekannt für Ihren Hang nach Perfektion. Gehört Selbstausbeutung und Leiden dazu? 

Nein. Der Wille, an etwas dranzubleiben, genügt. Ich entwerfe, verwerfe, beginne von vorne, suche nach einer guten Lösung noch nach einer besseren, bis ich restlos überzeugt bin. Das braucht Durchhaltewillen ohne Blick auf die Uhr. 

Wenn Sie doch einmal aufs Zifferblatt schauen: Wie lange arbeiten Sie täglich?

Ich bin morgens um neun im Büro und höre seit kurzem abends um acht Uhr auf. Früher waren die Arbeitstage länger und die Nächte kürzer. 

Viele arbeiten fürs Leben – leben Sie für die Arbeit?  

Nein, in keiner Weise. Ich stückle bloss mein Leben nicht, unterteile es nicht in Freizeit und Beruf. Somit ist es egal, ob die Arbeit zwölf oder achtzehn Stunden dauert. Darüber hinaus trage ich Verantwortung: Ich gebe 16 Menschen Arbeit und Lohn. Auch das nimmt mich in die Pflicht.

Bleibt in dieser Fülle Zeit für Privates?

Mein Beruf stand und steht zwar immer im Lebenszentrum: Gleichwohl fand ich immer Zeit für meine Familie, für Freunde, Reisen, die Besuche von Museen und Galerien. Ich kann besser abschalten, als viele glauben.

Was bietet Ihnen Ihr Privatleben, was der Beruf nicht kann?

Erholung, eingebettet sein, getragen werden. Ich habe das Glück, von guten Menschen umgeben zu sein. Unter anderem bin ich glücklich verheiratet. 

Die Familie scheint Ihnen wichtig: Weshalb haben Sie sich dennoch dagegen entschieden?

Falsch. Nicht ich habe mich dagegen entschieden, sondern das Leben. Es hatte andere Pläne mit mir, es hat einfach nie richtig gepasst. Im Ferienhaus, das ich mir vor 43 Jahren gebaut habe, hats zwei Kinderzimmer. Jetzt werden sie halt anders genutzt als ursprünglich geplant.

Bedauern Sie diese Entscheidung des Lebens?

Kein bisschen. Im Gegenzug wurde der Weg, der hinter mir liegt, dadurch erst ermöglicht. Als Mutter hätte ich nicht dasselbe leisten können – in -einem Leben kann man nicht all seine Träume verwirklichen. Das müssen wir akzeptieren. 

An der Spitze ist es einsam: Kennen Sie das Gefühl?

Ja klar. Ich habe vieles durchlitten, habe oft geweint. Das gehört mit dazu: Das Leben, egal wie wir es führen, hat immer seinen Preis.

Wenn Sie durch die Schweiz fahren: Gefällt Ihnen, was Sie sehen?

Nicht überall gleichermassen. Die Landschaft ist arg zersiedelt. In den Städten stehen überall unsensible Neubauten, die ihr Umfeld beherrschen. Schade.

Tilla Theus im Interview in ihrem Büro.
© Ethan Oelman

Architektur könnte die Welt verschönern. Was ist schiefgelaufen?

Wir haben alle versagt. Die Planer, die Architekten, die Behörden, die Investoren und Besitzer. Man hat zwar vieles reguliert, aber wenig damit erreicht. Die Lösung überlassen wir der nächsten Generation, das ist unschön. Nur wenige Bauten erfüllen den Grundauftrag der Architektur, unsere Lebensqualität zu steigern. 

Wo liegt die Lösung?

Wüssten meine Berufskollegen und ich das, hätten wir es anders gemacht. Womit wir allerdings beginnen sollten: Wir müssen energieneutral und verdichtet, jedoch gleichwohl menschenwürdig bauen – um damit bezahlbaren Wohnraum auch für jene Menschen zu schaffen, die nicht mit irdischen Gütern gesegnet sind. Noch gibt es mehr Fragen als Antworten. Das bedrückt mich.

Was muss ein Gebäude bieten, damit sich Menschen darin wohl fühlen?

Eine sympathische Ausstrahlung, Luft und Licht, alltagspraktische Tauglichkeit, eine Atmosphäre der Geborgenheit. Oder wie es der Humanist und Architekturtheoretiker Leon Battista Alberti bereits vor 600 Jahren so poetisch formulierte: Ein Haus mit seinen Korridoren, Hallen und Zimmern ähnelt einer Stadt mit Gassen und Plätzen. Stadt und Haus funktionieren nur, wenn sie den Bewohnern eine Fülle an Erlebnismöglichkeiten schenken.

Sie führen Ihr Architekturbüro seit einem halben Jahrhundert – wie hält man die Leidenschaft über eine derart lange Zeitspanne aufrecht?

Indem man sich Mühe gibt, die Aufgaben, die einem das Leben parathält, anzunehmen und diese ordentlich zu meistern. Und sich immer wieder zu neuen Sachen überreden lässt, auch wenn man sich anfangs damit schwertut. Man muss sich auf Neues einlassen können, ohne sich zu verraten oder zu verbiegen. Dann bleibt die Leidenschaft erhalten: im Beruf, aber auch in anderen Bereichen des Lebens. 

Daraus schöpfen Sie Ihre Kraft?

Durchaus. Die Arbeit und mein Team machen mir noch immer grosse Freude. 

Auf Ihrem Schreibtisch steht kein PC. Wie skizzieren Sie Ihre Ideen?

Mit dem Bleistift. Entwurf und Ausführungsplanung gehen für mich mit Bleistift und Papier einfacher. Der Weg vom Kopf zum Bleistift ist direkt und sehr schnell.

Sie überlassen die Arbeit am Computer andern …

Stimmt. Ich diktiere meine Mails. Und aus meinen Handskizzen entwickeln meine Mitarbeiter digitalisierte, präzise Architekturpläne. 

Haben Sie keine Angst, den Anschluss an die Zeit zu verpassen?

Weil ich mit dem Bleistift zeichne? Ich habe ja Menschen um mich herum, die mir helfen. Ich tue mich nicht schwer damit, einzugestehen, dass ich etwas nicht kann. Ohne diese Fähigkeit wäre ich in meinem Beruf nie so weit gekommen. 

Inwiefern?

Ich stand in den 1970er-Jahren kurz nach dem Studium zum ersten Mal auf einer Baustelle. Alle warnten mich vor diesem männerdominierten Moloch. Ich aber erlebte meist nur Wohlwollen und Unterstützung. Ich hatte damals vom Bauen wenig Ahnung, also bat ich die Handwerkerprofis, mir zu helfen, gemeinsam mit mir Lösungen für anstehende Probleme zu suchen. 

Ist das eine persönliche Stärke oder die Stärke einer Frau?

Wahrscheinlich tun sich viele Frauen tatsächlich weniger schwer, sich zu Schwächen zu bekennen. Männer versuchen oft, diese zu überspielen. Eine Frau aber kann um Hilfe bitten. 

Sie sind die Vorzeigefrau der Architektur, finden aber wenig Gefallen an dieser Rolle. Weshalb?

Ich werde seit meinem Studium immer wieder darauf angesprochen und weiss dennoch nicht genau, weshalb. Mir stellen sich die gleichen Fragen wie Männern. Statische Gesetze und Bauvorschriften sind geschlechtsneutral. Ich bemühe mich einzig um gutes Bauen. Es gibt überzeugende Architektur, weniger und gar nicht überzeugende, egal ob aus weiblicher oder männlicher Hand. Entsprechend langweilen mich die Fragen nach den Geschlechterrollen.

Sie könnten jungen Frauen helfen, ihren Weg zu finden: indem Sie -darüber sprechen. Frauen fehlen oft taugliche Vorbilder.

Das sagten mir letzthin junge Architektinnen auch, daran habe ich vorher gar nie gedacht. Ich war mir nicht bewusst, dass mein Weg für andere spannend sein könnte. Mir schien er zu unbedeutend. Ich habe mich nie gefragt, was sich für eine Frau ziemt und was nicht. Ich habe zeit meines Lebens das gemacht, zu dem ich mich berufen fühlte. Jeder Mensch, ob Frau oder Mann, muss letztlich seinen eigenen Weg suchen. Vorbilder helfen wenig.

Wenn nicht Vorbilder: Was taugt besser?

Die Verantwortung für sich selber, Sachen auszuprobieren, Entscheidungen für sich selber zu treffen. 

Frauen erreichen in Ihrem Metier weit seltener die Spitze. Weshalb?

Noch dominieren Männer die Politik, die Wirtschaft, die Wissenschaft, die Medien, die Kultur. Weshalb soll es in der Architektur anders sein? Es braucht Zeit und mehr Einsicht, um die Gleichstellung zu verwirklichen. Ich persönlich beanspruche sie Tag für Tag als Selbstverständlichkeit. Ich argumentiere aber nicht mit Worten, sondern mit meinen Projekten – und sammelte damit ermutigende Erfahrungen.
Wenn das für andere Architektinnen beispielgebend wirkt, erfüllt es mich mit Freude. Aber eine Spezialistin für Frauenrechte und Architektur bin ich nicht. 

Sie selber mussten am Anfang Ihrer Karriere immer wieder erfahren, dass Ihr Genre männlich geprägt ist.

Aber ich machte kein Aufsehen darum, parierte Gehässigkeiten auf Augenhöhe. Ein Beispiel: Als ich nach dem Studium den ersten Architekturwettbewerb gewann und mein Projekt dem Gremium präsentieren durfte, wurde ich gefragt, ob ich – die einzige Frau am Tisch – das Protokoll führen möge. Daraufhin antwortete ich dem fragenden Herrn, dass ich das sehr gerne mache, wenn er im Gegenzug mein Siegerprojekt präsentiere. Damit war die Sache erledigt. 

Sind Sie durch Ihren Beruf männlicher geworden?

Gott bewahre, ich hoffe nicht! 

Woher kommt Ihr Eigensinn?

Mein Vater war im Kanton Graubünden ein bekannter Politiker: Bauernsekretär, Regierungs- und Ständerat. Meine Familie ass jeweils zusammen zu Mittag, dabei lief im Hintergrund das Radio, und wir besprachen am Mittagstisch die Nachrichten des Tages. Jeder war aufgefordert, seine Meinung einzubringen. Wir mussten unsere Standpunkte darlegen, begründen und Gegenargumente anhören. Diese Gesprächskultur hat mich zum Denken angeregt. Meine Eltern erzogen mich zur Selbstständigkeit, zu Verantwortungsbereitschaft, Gerad-linigkeit und zum Durchhaltewillen. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Wenn Sie auf Ihr Leben zurückschauen und auf einen Satz komprimieren müssten: Wie lautet dieser?

Nimm Dein Schicksal in die eigenen Hände. 

Wie geht es für Sie weiter?

Selbstbestimmt und höchst motiviert. Von der Leidenschaft zur Architektur kann und will ich nicht lassen. Die Ideen sprudeln und wollen, solange mir die Gesundheit dieses Privileg schenkt, verwirklicht werden. Was danach kommt, werden wir sehen.

Ist die Nachfolge in Ihrem Büro geregelt?

Die muss man regeln, sobald man sich selbstständig macht – und nicht erst mit siebzig. Keine Sorge, ich habe vorgedacht und vorgesorgt.

Der letzte Stein setzt uns das Leben, den Grabstein. Wie muss dieser dereinst aussehen? 

Die letzte – oder eher die erste – Ruhestätte darf ich nicht nur wünschen, sondern bestimmen. Es genügt, wenn mein Mann und meine engsten Angehörigen diese Ideen kennen.

Seit 50 Jahren mit ­Leidenschaft im Beruf

Am 10. Januar 1969 schwenkte Tilla Theus (75) ein auf die Erfolgsstrasse. Sie gründete einen Tag nach dem Abschluss des Studiums ihr Architekturbüro – und gewann kurz darauf den ersten Wettbewerb. Sie durfte das Altersheim in Mollis GL bauen. Über die Jahre folgten diverse Neu- und Umbauten, die sie landesweit bekannt machten: unter anderem die Renovation des Hotels Widder in Zürich und das Fifa-Hauptgebäude. Sie führt ihr Architekturbüro noch immer mit sanfter Gewalt. Ihr Bündner Dialekt ist weich, ihr Umgang mit den 16 Angestellten -herzlich, ihr Wille und ihre Hartnäckigkeit aber so hart und beständig wie Beton. Sie fordert sich und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern stets das Maximum ab. Tilla Theus lebt und arbeitet in Zürich, übers Wochenende fährt sie aber noch immer heim nach Uerikon oder ins Bündnerland: dorthin, wo ein Teil ihrer Liebsten lebt.