© Samuel Trümpy

«Stricken und Lesen sind mein Ein und Alles»

Die Anzahl hochaltriger Männer und Frauen ist bei uns in den letzten Jahren rasant angestiegen. Zu den Menschen, die heute 100 und älter sind, gehört auch Alice Schwegler. Die 101-Jährige wohnt im Seniorenheim Neckertal in Brunnadern SG. Vieles ist ihr zu anstrengend geworden – ausser Lesen und Stricken.

Von Fabian Rottmeier

Was bereitet Ihnen heute, mit 101 Jahren, am meisten Freude?
Über Besuch freue ich mich immer. Ich wohne in einem schönen Einzelzimmer mit Sicht auf den Säntis. Mein Ein und Alles sind Stricken und Lesen. Das tue ich abwechslungsweise, weil ich nur noch auf einem Auge sehe. So kann ich mich bestens alleine beschäftigen und belästige niemanden mit meinem «Was hast du gesagt?». Ich höre leider nur noch schlecht.

Was lesen Sie am liebsten?
Bücher! Von Kathrin Rüegg habe ich alle gelesen. Mit zwei gesunden Augen las ich manchmal den ganzen Tag. Wobei: Gestern wurde aus einer Stunde auch plötzlich ein ganzer Nachmittag. Ich musste wissen, wie das Buch ausgeht.

Ist Ihr Zimmer, dieser ruhige Rückzugsort, das Wichtigste für Sie?
Ganz bestimmt. Ich begreife nun auch, weshalb es nicht immer funktioniert hat früher, wenn die alten Eltern bei ihren Kindern leben mussten. Mit den heutigen Wohnoptionen können alle «kutschieren», wie es für sie stimmt. Ich bin sehr zufrieden hier. Und wenn ich eines Morgens nicht mehr erwache, bin ich noch glücklicher. (lacht)

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Nein, aber vor dem Sterben leiden zu müssen, davor fürchte ich mich. Wenn ich mir noch etwas wünschen könnte, dann wäre es, friedlich im Schlaf gehen zu dürfen. Das wäre so schön!

Gibt es ein Leben nach dem Tod?
Ja, ich glaube fest daran.

Ist es etwas Schönes, so alt zu werden, oder eher eine Last, weil man viele geliebte Menschen verloren hat?
Eine Last nicht, aber manchmal denke ich schon, nun wärs Zeit. (lacht) Aber ich will mich nicht beklagen, sondern bin dankbar, dass ich in meinem Alter noch so gesund sein kann. Früher musste bei mir immer etwas gehen. Auch deshalb stricke ich wohl noch heute so fleissig.

Ihr Ratschlag fürs Leben?
Zufrieden sein. Das finde ich wichtig. Und nicht zu viel wollen. Aber heute denkt man anders. Die Leute rennen allem nach. Und ich denke: Ach, wofür auch? Da bin lieber in meinem Zimmer. Das Meiste ist mir zu anstrengend geworden – mit schlechtem Gehör auch Gespräche. Deshalb bin ich am liebsten alleine.

Kommen Sie sich manchmal fremd vor in der heutigen Welt?
Ja, hie und da. Etwa, wenn ich eine Zeitschrift anschaue und merke, dass sie gar nicht mehr zu mir passt. Die Schweizer Illustrierte habe ich seit meiner Hochzeit im Jahr 1940 abonniert. Ich mag sie noch immer.

Was denken Sie über den Klimawandel?
Ich kann nicht begreifen, dass alles einfach nur weggeschmissen wird – im Wissen, wie wichtig es wäre, anders zu handeln. Das macht mich wütend. Und alle müssen jeden Tag frische Kleider tragen! Auch wenn die Hose noch sauber ist. Ich gebe die Kleider erst in die Wäsche, wenn sie schmutzig sind – sofern ich mich durchsetzen kann (lacht). Meine Mutter wusch unsere Pyjamas nur alle zwei Wochen.

Stationen eines langen Lebens

Ein kurzer Überblick, was in den letzten hundert Jahren auf der Welt passiert ist:

1920er-Jahre
Obwohl Coco Chanel in Paris zu ihrem Siegeszug startet, Berlin zu Charlston tanzt und sich Frauen aus dem Miederkorsett und anderen Zwängen befreien: Die 1920er-Jahre sind alles andere als golden. Die Welt, in die unsere 100-Jährigen hineingeboren werden, ist konservativ und steckt in einer grossen Wirtschaftskrise, denn die Schweiz richtete sich nach dem Landesstreik von 1918 erst langsam wieder auf.

1930er-Jahre
In Deutschland übernehmen die Nationalsozialisten das Zepter, 1933 wird Adolf Hitler zum Bundeskanzler gewählt – die Schweiz steckt noch immer in einer tiefen (Wirtschafts-)Depression. Alles, was vom Elend ablenkt, ist willkommen. Romantische Heimatfilme boomen und lassen die Menschen von besseren Zeiten träumen. Eine Frau verbreitet besonderen Glamour: Greta Garbo. Sie ist die grosse Ikone dieser Jahre.

1940er-Jahre
Europa erstarrt – der Zweite Weltkrieg tobt. Unsere 100-Jährigen werden volljährig, Platz für Träume bietet sich ihnen kaum. Die Männer müssen das Land gegen fremde Truppen verteidigen und die Frauen zusehen, wie sie den Alltag bewältigen. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs werden in der Schweiz 420’000 Wehrmänner mobilisiert. Später sind es 700’000 Mann, rund 20 Prozent der Bevölkerung. Nach Kriegsende sitzt der Schock tief. Wie weiter?

1950er-Jahre
Die Menschen glauben wieder an ihre Zukunft. Die Devise der Stunde lautet: Schaffe, schaffe, Häusle bauen. Die Wirtschaft erlebt einen enormen Aufschwung, Elektronik hält Einzug in den Alltag, das Fernsehen bringt das Weltgeschehen nach Hause. Und damit auch die Jugendkultur, die begründet wird. Elvis Presley schockt mit laszivem Hüftschwung und Rock’n’Roll. James Dean wird zum Fahnenträger der Rebellion der Jungen.

1960er-Jahre
Dieses Jahrzehnt ist geprägt vom Mauerbau in Deutschland, dem Vietnamkrieg, den Hippies, John F. Kennedy, Martin Luther King, Andy Warhol, den Beatles, Twiggy, der Antibabypille und der Eroberung des Monds. Der Glaube an die Zukunft ist Schrittmacher, die Schweiz entwickelt sich zur Wohlstandsgesellschaft. Das Bürgertum schaut irritiert auf Woodstock und Hippies, auf Studentenaufstände und Globus-Krawalle – und sie hört den Ruf nach freier Liebe.

1970er-Jahre
Terroristen-Terror erschüttert die Welt, die Ölkrise fegt die Strassen leer. Vordenker in grünen Parkas mobilisieren sich gegen die Atomkraft und für den Umweltschutz. Bis 1975 bleibt das Konkubinat in 14 Kantonen gesetzlich verboten. Überdies steht erstmals die Überfremdung des Landes zur Diskussion. James Schwarzenbach stemmt sich mit seiner Volksinitiative gegen das Fremde und scheitert an der Urne knapp. Wäre die Initiative angenommen worden, hätten 300’000 bis 400’000 Menschen das Land verlassen müssen. 1971 erhalten die Schweizer Frauen das Stimmrecht. Endlich!

1980er-Jahre
Unsere 100-Jährigen stehen vor der Pension – und vor dem ersten Schritt in eine technologische Welt. Der Computer hält in den Büros Einzug, später auch in ihren Stuben. Die neue Technologie soll ihnen das Leben vereinfachen. Die Telefonie lernt laufen. Die PTT lanciert am 1. April 1978 das erste mobile Telefongerät. Es war 26 Kilo schwer und kostete bis zu 18’000 Franken.

1990er-Jahre
Die Welt wird zum Dorf. Die National Science Foundation, eine unabhängige Behörde der US-Regierung, öffnet das Internet für die kommerziellen Nutzung. Dieser Entscheid führt zu einem Umbruch, neue Wirtschaftszweige wachsen, Informationen gehen in Sekundenschnelle um die Welt. Derweil vereint sich Ost- mit Westdeutschland, Bill Clinton wird amerikanischer Präsident und die Schweiz lehnt 1992 einen Beitritt zum europäischen Wirtschaftsraum ab.

2000er-Jahre
Der Sprung über die Milleniumsgrenze ist schadlos geschafft. Unsere Exponentinnen und Exponenten sind mittlerweile 80 – und gehören zu einer wachsenden Bevölkerungsgruppe. Denn die über 80-Jährigen machen gemäss Bundesamt für Statistik bis ins Jahr 2045 etwas mehr als 10 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Das führt zu Diskussionen über die alternde Gesellschaft, die Finanzierung der Altersvorsorge und die explodierenden Kosten im Gesundheitsbereich. Schlüssige Antworten fehlen noch immer.

Unbekanntes Land der Hochaltrigkeit

Der Schwerpunkt der Zeitlupe-Januar-Ausgabe ist dem gesellschaftlichen Thema Hochaltrigkeit gewidmet. Dort lernen Sie drei weitere Hundertjährige kennen und erfahren im Interview mit Rosemarie Meier, Soziologin und ehemalige Leiterin des Städtischen Alterszentrums Bürgerasyl-Pfundhaus in Zürich, welchen Stellenwert Heiterkeit, Gelassenheit, Humor und Dankbarkeit im Leben dieser sehr alten Menschen einnehmen.

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