Bundesasylzentrum Zürich © Claudia Herzog

«Sozialromantik ist hier deplatziert»

Seit rund drei Monaten arbeitet die 63-jährige Jeanine Kosch als katholische Seelsorgerin in den Bundesasylzentren Zürich und Embrach. Ein Gespräch über den festen Glauben an Menschenrechte und an Gott.

Von Claudia Herzog

In den Schweizer Bundesasylzentren leben Flüchtlinge, die auf einen Entscheid über ihr Asylgesuch warten oder diesen bereits erhalten haben und auf den Transfer warten. Wer kommt zu Ihnen als Seelsorgerin?
Jeanine Kosch: Es gibt einen sogenannten Raum der Stille. Wenn ich in diesem Raum das Licht anmache, kommen Frauen, Männer oder Kinder. Aus zwei Gründen. Sie wissen, dass meine Kollegen und ich uns Zeit für sie nehmen. Und die zweite Attraktion dieses Raumes: Wir haben dort das schnellste WLAN im ganzen Zentrum (lacht)

Seelsorgerin Jeanine Kosch. © Claudia Herzog

Wie sieht Ihr Berufsalltag aus?
Bei schönem Wetter sitzen viele der Bewohnerinnen und Bewohner im Hof. Dann setzte ich mich oft dazu. Einmal erzählte mir eine hochschwangere Frau, wie sie mit ihrer Familie hierher flüchtete. Am nächsten Tag sass sie wieder draussen. Sie rief mich zu sich. Ich fragte: «Worüber möchten Sie heute reden?» «Über nichts», sagte sie lachend, nahm mich in den Arm und ergänzte: «Es ist schön, bist du da.» Ich biete teilweise aber auch praktische Hilfe an. So ist beispielsweise eine der Frauen mit ihren zwei kleinen Kindern – ihr Mann ist weiter auf der Flucht – manchmal überfordert. Damit sie ruhig Mittagessen kann, schaue ich zu ihrem Baby. 

Wie reden Sie mit den Bewohnerinnen und Bewohner?
Mit Händen und Füssen. Ich spreche Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch. Extrem bequem wäre es, wenn ich Türkisch und Arabisch sprechen könnte. Sprachbarrieren sind echte Hindernisse, den Seelsorge mit Übersetzung funktioniert nicht. Intimes und Persönliches lässt sich so nicht besprechen. 

« Seelsorge mit Übersetzung funktioniert nicht.»

Zurzeit gibt es eine Frau, die zum vierten Mal ein Baby verloren hat. Wir können uns leider mit Worten in keiner Sprache verständigen. Ich kann ihr höchstens die Hand auf die Schultern legen. Von Frau zu Frau geht das. Bei Männern sind solche Berührungen bereits heikel. 

Sie haben per se mit schweren Geschichten und Schicksalen zu tun.
Ja. Die wenigsten Flüchtlingen kommen mit einem Flugticket in die Schweiz. Der grösste Teil von ihnen hat eine unsägliche Tour de force hinter sich. Letztes Jahr sah ich eines Abends am Fernsehen einen Bericht über den Brand in einem griechischen Flüchtlingslager. Wochen später sass mir ein 14-jähriges Mädchen gegenüber und erzählte, wie sie dieser Flammenhölle entkommen war, indem sie um ihr Leben rannte. Oder eine Mutter, die in einem Lastwagen floh, erzählte mir, wie der Lastwagen komplett überfüllt war und sie während der ganzen Fahrt Angst hatte, dass ihr kleines Kind ersticken könnte. Bei solchen Geschichten läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Was Menschen auf der Flucht auf sich nehmen müssen, ist oft unvorstellbar grausam. 

Wie halten Sie die eigene Ohnmacht aus?
Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass ich die Not wenden muss. Das kann ich nicht. Aber ich kann die Not mitaushalten. Ich begleite Menschen im Hier und Jetzt. Früher dachte ich viel schneller: Oh, dieser Mensch hat ein Problem. Ich muss es lösen. Nein! Ich muss seine Probleme nicht lösen. Es braucht Lebenserfahrung in meinem Beruf. Sozialromantik ist hier deplatziert. 

Haben Sie ein Kontrastprogramm zur Schwere Ihres Berufsalltag? 
Ich lese und schaue für mein Leben gern Krimis. Diese Leidenschaft stammt noch vom Studium her. Unser Philosophie-Professor schaute mit uns regelmässig den «Dienstag-Krimi». Er sagte immer, das sei gut für die Logik. Nach 90 Minuten ist das Problem gelöst und der Mörder gestellt – das ist Entspannung pur. Neben den Krimis mag ich auch Kostümserien wie «Die Borgias». Dort ist immer klar, wer die Bösen und die Guten sind. Grundsätzlich kann ich meinen Berufsalltag aber gut zur Seite schieben. Ich habe viel Kontakt mit den Schwestern des Kloster Fahr. Diese Schwestern nehmen intensiv Anteil an meinem Berufsalltag. Wenn ich einen besonders verknorzten Fall habe, bitte ich die Schwestern: Betet doch für diesen Menschen. Das hilft dann auch mir.

« Wenn ich Dingen einen Namen geben kann, halte ich sie besser aus.»

Was ist Ihre berufliche Motivation?
Ich habe Theologie studiert, weil mich vor allem die Philosophie – also die grossen Fragen des Lebens – faszinierte. Ich glaube ohne Abstriche an Menschenrechte, Menschenwürde und Ethik als internationale Verfassungsrechte. Theologie ist eine Wissenschaft. Die Bibel ist nicht ein vom Himmel gefallenes Buch. Es ist eine von Gott inspirierte Schrift, die über Jahrhunderte hinweg entstanden ist. Auch die Kirche, das Christentum haben eine Verfassungsgeschichte. Ich will meinen Mitmenschen helfen, Zusammenhänge, in denen sie stecken, zu sehen und diese zu verstehen. Wenn ich Dingen einen Namen geben kann, halte ich sie besser aus. Unsicherheiten machen Menschen fertig. Für die Bewohnerinnen und Bewohner des Asylzentrum ist es sehr schlimm, dass sie nicht wissen, ob sie bleiben können oder nicht.

Wie hat sich Ihr Menschenbild im Laufe der Berufsjahre verändert?
Ich trenne stark zwischen dem Menschen und seiner Geschichte. Ich sehe, hier ist ein Mensch in Not. Ich stehe diesem Menschen in seiner Not bei. Aber ob seine Geschichte stimmt oder nicht, ist nicht an mir zu beurteilen. Im gesamten Asylverfahren sind wir Seelsorgerinnen und Seelsorger für keine Entscheidungen zuständig. Und das ist auch gut so.

Glauben Sie, dass etwas in Ihrem Leben passieren könnte, dass Sie sagen: «Ich kann nicht mehr an Gott glauben?»
Nein, das glaube ich nicht. Viele denken bei Christentum an Weihnachten, die Geburt eines herzigen Babys. Vergessen werden gerne in dieser Geschichte die Elemente des Verrats, des Leidens, des Sterbens von Karfreitag und Ostern. Christentum heisst nicht, das wir jeden Tag Weihnachten feiern. Ganz abgesehen davon, dass Familien-Weihnachten häufig ein Horror sind. Christentum heisst für mich: Du bist auch in deinem Leid nicht allein. Gott ist mit dir. Die bereits erwähnte Frau, die zum vierten Mal ein Baby verloren hat, ist eine gläubige Muslimin. Ich habe das Gefühl, ihre Tränen sind dank ihres Glaubens aufgehoben. Sie versinkt in ihrem Leid nicht ins Bodenlose. 

«Ich bin oft auch böse auf den sogenannten lieben Gott. »

Der Glaube ist für mich eine Haltung, wie man dem Leben in all seinen Facetten begegnen kann. Aber auf die Frage, warum Gott Leid zulässt, weiss ich auch keine Antwort. Und ich bin oft auch böse auf den sogenannten lieben Gott. Trotzdem verliere ich den Glauben an ihn nicht. 

Was ist für Sie Erfolg in ihrem Beruf?
Wenn ein Mensch, der sich von Leid geprüft krümmte, wieder aufrecht stehen kann.