
Mona Petri: «Ich gehe dorthin, wo die Angst ist»
Mona Petri ist die Enkelin von Anne-Marie Blanc und selbst eine preisgekrönte Schauspielerin. Im Zweitberuf pflegt sie alte Menschen in der letzten Lebensphase. Wie bringt sie die beiden Welten zusammen?
Text: Claudia Senn, Fotos: Mirjam Kluka
Mona Petri, Sie sind in einer Künstlerfamilie aufgewachsen. Ihr Vater ist der Musiker Daniel Fueter, Ihre Mutter die Flötistin Anna-Katharina Graf, Ihre Grossmutter war die Schauspielerin Anne-Marie Blanc. Gab es da für Kinder überhaupt genügend Raum?
Die Kunst war omnipräsent, das stimmt, doch wir Kinder durften immer mit dabei sein. Abends wurde Musik gemacht, und wir konnten uns ein Gute-Nacht-Lied nach dem anderen wünschen. Meine Gotte, die eine wunderbare klassische Sängerin war und gleich gegenüber wohnte, kam vorbei und sang. Oft sassen wir still unter dem Flügel und lauschten. Dieser Teil meiner Kindheit war unbezahlbar schön und reichhaltig.
Haben Sie auch andere, weniger schöne Erinnerungen?
Meine Eltern hatten hohe Ansprüche. Sie waren sehr engagiert, sehr idealistisch, sehr diszipliniert. Bei uns wurde nicht «gechillt» oder mal Trivialliteratur oder ein Heftli gelesen. Auch laut zu werden oder launisch sein zu dürfen, waren keine Optionen. Diesen Idealen zu genügen, war anstrengend. Neben dem Pflegekind, das meine Eltern aufgenommen hatten, fühlte ich mich als gesundes Kind manchmal ungesehen und glaubte, erst recht perfekt sein zu müssen.

«Ich wollte diesen Körper, der allen so gefiel, loswerden.»
Als Teenager hatten Sie wenig Boden unter den Füssen. «Ich war damit beschäftigt, mich selbst abzuschaffen», sagten Sie einmal.
Damit meinte ich zum Beispiel meine Anorexie-Krise. Im Nachhinein würde ich sagen, mir hat das Talent zur Rebellin gefehlt. Wenn man sich nicht traut, an der Aussenwelt zu rütteln, dann richtet man die Aggression eben gegen innen.
Was machte Ihnen zu schaffen?
Da kam vieles zusammen. Etwa der Drill im Gymnasium. Ich fühlte mich überhaupt nicht zugehörig, weil fast alle Kinder vom Zürichberg und von der Goldküste stammten – ganz andere Milieus. Anderseits galt ich früh als hübsches und damit auch als attraktives Mädchen. Lehrer, Berufskollegen meiner Eltern, die Väter meiner Freundinnen, gefühlt jeder Mann sagte mir, wie unfassbar schön ich sei. Das überforderte mich. Ich wollte diesen Körper, der einen so bescheuerten Effekt auf andere hatte, loswerden. Gleichzeitig war es unmöglich, sich zu beklagen, denn schön sein war das, was alle wollten.
Wie haben Sie aus der Magersucht wieder herausgefunden?
Eine Freundin ist mit mir nach Paris gefahren, wo wir essen übten. Sie konnte essen. Sie nahm mich schwesterlich an die Hand, und ich habe alles, was sie gegessen hat, mitgegessen. Das war toll. Gleichzeitig positionierte ich mich zu Hause neu, weil ich nun nicht mehr die Starke, die Schöne, das Sonnenscheinkind war. Aus dieser Position heraus konnte ich mich neu denken. Mit 16 beschloss ich, ganz allein ein Jahr in Moskau zu verbringen.
Warum Moskau?
Weil ich die russische Literatur so liebte. Und weil ich meine Überlebensgeister stählen wollte. Das hat auch geklappt. Die Härte des Lebens dort, die Tatsache, dass ich für ein Brot eine Stunde anstehen musste, haben mir wieder Appetit gemacht.
Das hätte aber auch schiefgehen können.
Ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie mir das zugetraut haben. Ich hatte ja keine Gastfamilie, ich war wirklich ganz auf mich allein gestellt. Ich lernte Russisch, schloss Freundschaften, fand Orte, an denen ich mich wohlfühlte, tankte Selbstbewusstsein. Als ich zurückkam, fühlte ich mich superüberlebensfähig. Das gab mir einen tollen Boden.
Lag es bei Ihrem familiären Background auf der Hand, dass Sie einen künstlerischen Beruf ergreifen?
Es gab bei uns schon die Haltung, dass nur die Kunst wirklich zählt. Etwas völlig anderes zu machen, hätte sich angefühlt, als wäre ich die einzige Ungläubige in einer religiösen Familie. Ursprünglich wollte ich aber gar nicht Schauspielerin werden, sondern Russisch-Übersetzerin. Nur fühlte ich mich an der Uni total fremd. Von zu Hause war ich Menschen gewohnt, die für das, was sie machten, lichterloh brannten. So war es an der Uni nicht. Erst an der Schauspielschule fand ich einen Ort, wo ich merkte: Ja! In diese bunte, tolle Klasse voller liebenswürdiger Verrückter gehöre ich hin! Das war einfach wow.
Schauspielerinnen müssen mit harter Kritik umgehen können. Fällt Ihnen das leicht?
Schon bevor ich Profi wurde, durfte ich im Theater am Hechtplatz spielen, zusammen mit Mathias Gnädinger und Stephanie Glaser. Eine Kritikerin schrieb damals über mich in der NZZ, ich sei «der personifizierte Diminutiv». Ich war 17 und dachte, ich sterbe. Alle in der Schule würden das ja lesen! Das Schöne ist aber: Ich bin nicht gestorben. Und die Kritik interessierte bald keinen mehr. Es ging einfach vorbei. Später habe ich von harter Kritik oft viel gelernt. Manchmal nicht sofort, sondern mit Verzögerung.
«Bescheidenheit und Humor sind zwei Muskeln, die ich trainiere.»

Mögen Sie Glamour und rote Teppiche?
Als ich den Schweizer Filmpreis bekam, machte ich so gut wie alles falsch. Ich wusste nicht, dass man eine Rede halten muss und stand auf der Bühne bloss blöd herum. Um ein Haar wäre ich sogar in Jeans hingegangen. Eine Freundin aus der Schauspielschule rettete mich. Bist du wahnsinnig, sagte sie, in diesem Aufzug willst du da auftauchen? Du bist nominiert! Ich hatte überhaupt nicht daran gedacht, mich aufzubrezeln, weil ich manchmal so verträumt und verschlafen bin. Zum Glück lieh sie mir ein Kleid. Ich bewundere Menschen, die sich auf dem roten Teppich wohlfühlen, aber ich selbst bin dafür leider zu verklemmt.
Seit vielen Jahren arbeiten Sie auch als Alterspflegerin. Ein ungewöhnlicher Zweitberuf für eine Schauspielerin. Wie kamen Sie dazu?
Ausschlaggebend war meine Grossmutter Anne-Marie Blanc. Als sie 85 war, machten wir zusammen ihr letztes Stück. Sie war schon ziemlich schwach auf den Beinen, ging am Stock, und die Demenz klopfte leise an. Ich selbst war hochschwanger und brachte in einer Spielpause meine Tochter Anouk zur Welt. Es war total schön und gemütlich, mit meiner Grossmutter und dem Säugling durch die Lande zu tingeln. Doch bald nach Ende der Tournee stürzte meine Grossmutter heftig und entschloss sich, in ein Heim zu gehen. In dieser Phase ihres Lebens hatten wir eine sehr enge Beziehung. Wir machten viele Spaziergänge. Ich schob den Rollstuhl, und Anouk sass bei ihr auf dem Schoss. Doch wenn ich meine Grossmutter abends ins Bett brachte, musste ich immer nach der Nachtschwester klingeln, das gab mir jedes Mal einen Stich.
Warum?
Weil ich mich nicht in der Lage fühlte, sie selbst zu versorgen. Wie macht man den Transfer vom Rollstuhl ins Bett? Wie wechselt man die Einlagen? Dass ich solche banalen Dinge nicht wusste, fühlte sich an wie eine Behinderung. Ich wollte es können. Das sind doch grundlegende Fähigkeiten, mit denen wir Menschen uns gegenseitig weiterhelfen können.
Liessen Sie sich zur Pflegefachfrau ausbilden?
Dafür fehlten mir leider die Zeit und das Geld. Ich machte beim Roten Kreuz einen Kurs als Pflegehelferin und arbeitete bald regelmässig auf einer Pflegestation. Die Kolleginnen dort waren mein Menschenschlag. Ich wusste: Hier bin ich richtig. Pflegende nehmen sich selbst nicht so wichtig. Sie sehen über den Tellerrand hinaus, erleben Orte, an die andere gar nicht erst hinkommen wollen, sind dort, wo die Angst ist, der Ekel und der Tod.
Und das wollen Sie auch?
Ja. Das Zaudern und Zweifeln, das auch zu meinem Naturell gehört, ist dann einfach weg. Ich stelle keine Fragen mehr, sondern tue, was getan werden muss. Dabei fühle ich mich sehr lebendig. Ich mag es, diese alten, ausgezehrten Körper waschen zu dürfen. Ich empfinde das als Verneigung vor dem Leben. Es sind schöne Körper, voller Lebenszeichnungen.
Welche Menschen pflegen Sie besonders gern?
Ich habe keine Meinung zu meinen Patientinnen und Patienten, sondern versuche, offen und ohne Vorurteile auf sie zuzugehen. Mir fällt aber auf: Jene, die Bescheidenheit und Humor an den Tag legen, kommen mit fast jeder schlimmen Situation zurecht. Bescheidenheit und Humor sind zwei Muskeln, die auch ich trainiere. Eines Tages wird mir das helfen.

Viele Menschen schreckt die Begegnung mit dem Tod ab. Bei Ihnen habe ich das Gefühl, Sie suchen sie.
Das Hingucken nimmt mir die Angst. Wenn man etwas genau betrachtet, verliert es meist seinen Schrecken. Deshalb gehe ich gerne dorthin, wo die Angst ist. Ausserdem kommt der Tod im Pflegeheim ja nicht als fieser Party-Crasher daher, sondern eher wie eine Erlösung, wie ein bestelltes Taxi, das einen auf die andere Seite bringt. Der Tod hat viele Gesichter.
Vor fünf Jahren ist Ihre Schwester, die Sängerin Rea Claudia Kost, an Leukämie gestorben. Sie haben sie bis zu ihrem Tod zu Hause gepflegt. Wie haben Sie die letzte gemeinsame Zeit erlebt?
Den Löwenanteil hat ihr Mann gemacht, aber ich war auch da. Es war ein Segen, nicht hilflos zu sein. Den Kindern zeigen zu dürfen, wie sie den Mund ihrer sterbenden Mutter befeuchten können. Zu wissen, wie man den Kiefer hochbindet, als sie dann gegangen war. Das ist alles echt. Das gehört alles dazu. Natürlich ist es auch furchtbar schwer, und erst einmal weiss man gar nicht, wie man weiteratmen soll. Doch dieser Schmerz gehört zum wahren Leben, also kann ich etwas damit anfangen. Womit ich nichts anfangen kann, ist überflüssiges Zeug. Ich würde durchdrehen, wenn ich in einem Laden für dänische Designobjekte arbeiten müsste.
Waren Sie dabei, als Ihre Schwester gestorben ist?
Ihr Mann war dabei – genau, wie sie es sich gewünscht hatte. Aber das ist ja fast immer so. Man stirbt nicht einfach. Man geht dann, wenn es passt. Ich dachte, ich weiss schon viel über den Tod, doch mit meiner kleinen Schwester habe ich noch einmal eine richtig gute Lehrmeisterin bekommen. Wie sie uns alle und vor allem ihre Kinder auf ihr Ende vorbereitet hat, war einfach grossartig. Das hat viel dazu beigetragen, dass wir das als Familie später gut verarbeiten konnten.
Wie ist Ihnen das gelungen?
Irgendwann im Sommer danach fanden wir: Jetzt reicht es mit Heulen und Saufen. Dann haben mein Vater, mein Schwager und ich eine erste Verarbeitungsproduktion für die Bühne gemacht, später eine zweite und eine dritte. Das ist das Schöne an unserem Beruf: Man kann sich aus der ganzen Scheisse, die einem so passiert, einen Zwerg backen. Irgendwie funktioniert das immer.
Zur Person
Mona Petri (49) liess sich in Bern zur Schauspielerin ausbilden. Sie trat am Landestheater Tübingen und am Badischen Staatstheater Karlsruhe auf. Petri ist festes Mitglied des Theaters Ariane in Winterthur. Daneben spielte sie in zahllosen Film- und Fernsehproduktionen mit. Petris Tochter Anouk (22) ist ebenfalls auf dem Weg zur Schauspielerin. Von Anouks Vater ist sie seit Langem getrennt. So wie einst ihre Eltern nahm auch Mona Petri ein Pflegekind auf. Petri ist liiert und lebt in Zürich. Mehr zu Mona Petri: theaterariane.ch, theater-ticino.ch
Hier ist Mona Petri zu sehen
Mona Petri trat – und tritt – an vielen Bühnen und in zahllosen Kino- und TV-Produktionen auf. Für ihre Rolle in «Füür oder Flamme» bekam sie 2003 den Schweizer Filmpreis.



