
Wie entsteht unser Zeitgefühl?
Das Gute gleich vorweg: Ob die Jahrzehnte im Rückblick gerast sind oder sich dehnen, hat man auch in der eigenen Hand – ein wenig zumindest.
Text: Fabian Rottmeier
Schon mancher Philosoph und Physiker hat sich den Kopf darüber zerbrochen, was Zeit ist. Manchmal rast sie – doch sobald wir etwas erdulden müssen, schleicht sie.
Kann man beeinflussen, wie rasch die Zeit vergeht?
Ja. Das Beruhigende dabei: Vieles, was ein gesundes Altern beinhaltet, deckt sich mit einem erfüllenden Verstreichen der Zeit. Zeitforschende haben herausgefunden, dass dabei folgende Elemente zentral sind: Erlebnisse, intensive Gefühle, soziale Kontakte, Abwechslung und Aufmerksamkeit. Sie alle helfen, dass die Zeit im Moment selbst möglichst angenehm und schnell vergeht. Rückblickend aber dehnt sie sich und wirkt ausgefüllt und zufriedenstellend. Klingt widersprüchlich, aber das sogenannte Zeitparadox ist wissenschaftlich erwiesen.
Die Erklärung: Die erwähnten Schlüsselelemente führen alle zu einer grösseren Achtsamkeit. Unsere Sinne sind geschärft, wir erleben alles bewusster und erinnern uns später besser und detaillierter. Bestes Beispiel sind Ferien, in denen wir in einer fremden Umgebung täglich neue Orte besuchen. Unser Körper nimmt in diesen kurzweiligen Tagen viele Details wahr. Am Ende erinnern wir uns an eine gefühlt lange Zeitspanne. Marc Wittmann, Zeitforscher, Psychologe und Humanbiologe in Freiburg i. B., erklärt es so: «Neue und abwechslungsreiche Erlebnisse sowie Emotionales strecken die Zeit im Rückblick. Routine hingegen ist der Zeitkiller.» Wenn es also gelinge, gegen die Routine zu arbeiten, würden wir die gefühlte Lebenszeit verlängern.
Verfliegt die Zeit tatsächlich immer schneller, je älter wir werden?
Jein. Der Eindruck täuscht zwar nicht. Er trifft aber nur zu, wenn man die letzten zehn Jahre als Mass betrachtet. Eine Studie von Marc Wittmann in Österreich und Deutschland ergab, dass das letzte Jahrzehnt ab dem Jugendalter bis zu einem Alter von ungefähr 60 Jahren stetig rascher vergangen schien. Erst mit 60 Jahren erreichte diese Beschleunigung ihr Plateau. Die Ergebnisse der Studie haben sich inzwischen auf anderen Kontinenten in Industrienationen wie Japan oder Neuseeland bestätigt. Die Studie konnte aber keinen Unterschied feststellen, wenn Menschen verschiedenen Alters einschätzen sollten, wie rasch die letzte Woche, der letzte Monat oder das letzte Jahr passé waren.
Dass die letzten zehn Jahre für jüngere Erwachsene länger scheinen, liegt für die deutsche Zeitforscherin und Soziologin Elke Grosser daran, dass wir in jüngeren Jahren generell mehr und viel Neues erleben würden. «Wir erwerben in dieser Lebensphase neue Fähigkeiten. Unser Gehirn speichert diese Erfahrungen ab und bildet neue Spuren im Gedächtnis, denn das Gefühl für die Zeit speist sich aus dem Gedächtnis.» Diese Erfahrungen seien prägend für unsere Erinnerung und würden die Zeit im Nachhinein länger andauern lassen. Dann, später, prägen Kinder oder langjährige Partnerschaften unseren Alltag. «Je älter man wird, desto mehr Routine und Gewohnheiten schleichen sich in den Alltag.» Neues wird seltener. Die Zeit vergehe rückwirkend rascher, «weil die subjektive Zeitwahrnehmung von unseren Erinnerungen abhängig ist», hält Elke Grosser fest.
Spannend: Die Neuauswertung einer früheren Studie von Marc Wittmann ergab, dass das zurückliegende Jahrzehnt für Menschen mit Kindern rascher vergangen ist als für Kinderlose. Und: Je mehr Kinder, desto schneller rasten die Jahre.
Wie entsteht das menschliche Zeitgefühl?
Es gibt kein eigentliches Sinnesorgan für die Zeit. Vielmehr nehmen wir sie durch viele Organe in unserem Körper wahr, die ihre Signale ununterbrochen ans Gehirn leiten. Dort nimmt die Insula, ein Teil der Grosshirnrinde, die Signale auf (wie etwa Durst, Kälte oder Hunger). Wie Zeitforscher Marc Wittmann mittels MRI-Aufnahmen belegen konnte, «ist der subjektiv gefühlte Moment mit der Insula gekoppelt». Dabei spielen auch Herzsignale eine wichtige Rolle – ja sogar der Herzrhythmus. Bei Erlebnissen misst unser Körper die Zeit auch am veränderten Puls. «Wenn er sich verlangsamt, werden wir aufmerksamer», sagt Marc Wittmann. Motorische Areale des Gehirns sind ebenfalls beteiligt, indem sie das Timing unserer Bewegungen steuern.
Licht und Temperatur wiederum sind wichtige Signale für unsere biologische Uhr. Sie steuern unseren Schlaf-Wach-Rhythmus und regulieren die Körpertemperatur sowie den Stoffwechsel. Auch die Atmung ist ein Taktgeber, wie Marc Wittmann in «Gefühlte Zeit» schreibt: «Es ist nicht von ungefähr, dass eine Periode des entspannten Atmens etwa drei Sekunden beträgt. Eine Atemperiode hat exakt die Dauer des erlebten Momentes.»
Wie gelingt die Balance zwischen zu viel und zu wenig Zeit?
«Es gibt kein Zuviel oder Zuwenig an Zeit, wenn die Balance zwischen den eigenen Bedürfnissen und den gegebenen Rahmenbedingungen stimmt und wir uns Aufgaben widmen, die befriedigen», schreibt Pasqualina Perrig-Chiello auf Anfrage. Die Entwicklungspsychologin und Psychotherapeutin beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Alters-und Generationsfragen. Für Pensionierte, die zu viel oder zu wenig Zeit haben, hat die emeritierte Honorarprofessorin der Universität Bern viele Tipps parat, die zum Nachdenken (und Handeln!) anregen:
Zu wenig Zeit:
- Sich unbequemen Fragen stellen: Wozu tue ich mir das alles an? Bin ich wirklich so unersetzlich? Warum brauche ich so viel Bestätigung? Was kommt zu kurz? Weshalb nehme ich meine Bedürfnisse nicht besser wahr? Warum will ich es allen recht machen? Weiss ich, was mir guttut?
- Selbsterkenntnis: Man muss niemandem gefallen. Weniger ist mehr!
- Eigenzeit/Auszeiten einplanen
- Alltag strukturieren und Grenzen setzen
- Bei einer Überlastung durch Betreuungsaufgaben: mit Angehörigen besprechen und wenn nötig, professionelle Hilfe einholen
Zu viel Zeit:
- Verantwortung für sich selbst übernehmen – nicht warten, dass andere etwas tun
- Liste erstellen mit Dingen, die einem Freude machen Ziele setzen und sich in kleinen Schritten annähern
- Tagesabläufe erstellen und wöchentlich zwei bis drei Aktivitäten unter Leuten einplanen
- Neues wagen (Hobby, Instrument, Sprache, Haustier, Reisen)
- Kontakte pflegen und Besuch einladen
- Am Quartier-/Dorfleben teilnehmen (Vereine, Freiwilligenarbeit, Kulturangebote)
- Angebote von Organisationen in Anspruch nehmen, z. B. Kurse besuchen (Pro Senectute, Kirchgemeinden, Rotes Kreuz etc.)