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Freundschaften halten das Gehirn fit

Echte Freundschaften tun nicht nur der Seele gut, sondern auch der Gehirngesundheit. Neurowissenschaftlerin Barbara Studer erklärt, warum freundschaftliche Verbindungen mit zunehmendem Alter besonders wichtig sind und was Einsamkeit im Gehirn anrichten kann.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft ist tief in unseren Strukturen verankert. Ein gutes soziales Umfeld bietet Nähe, Unterstützung, Vertrauen und Zugehörigkeit. Im Widerspruch zu diesem Grundbedürfnis zu leben, kann chronischen Stress auslösen, krankmachen und wehtun.

Tatsächlich zeigen Studien, dass Einsamkeit Schmerzen verursacht: Bei Menschen, die sich einsam fühlen, sind die gleichen Hirnareale aktiv, die auch für das Schmerzempfinden zuständig sind. Umgekehrt zeigen Studien, dass Freundschaften das Schmerzempfinden verringern. Menschen ertragen umso mehr Schmerzen, je mehr Freundschaften sie haben. Mehr noch: Den Befunden zufolge nimmt die Schmerztoleranz eines Menschen mit der Grösse seines sozialen Netzwerks zu.

Grund dafür ist die Zahl der Endorphinrezeptoren im Gehirn. Endorphine sind körpereigene Glückshormone. Eine hohe Konzentration davon bewirkt, dass wir negative Emotionen oder Schmerzen besser aushalten können. Des weitern bewirken gute Freundschaften die Aktivierung des Belohnungssystems und die Ausschüttung der Botenstoffe Dopamin und Oxytozin, welche Glücksgefühle in uns auslösen. Wohltuende Interaktionen, Vertrauen, soziale Wertschätzung und Kooperationsbereitschaft erhöhen somit unsere Stimmung und das Glückserleben.

Es gibt aber noch mehr positive Effekte guter Freundschaften – und das sind der Schutz und die Stärkung unserer Gehirngesundheit. Unser Gehirn ist ein soziales Organ. Es will sich mit anderen Gehirnen verbinden und profitiert von Interaktion und Gemeinschaft. Beziehungen und Begegnungen sind sozusagen Futter und Belohnung für unser Kopforgan. Denn das Gehirn muss im Gespräch mit anderen Höchstleistungen vollbringen, indem es zuhören, verarbeiten, nachdenken und Antworten formulieren muss. So kann aufmerksames Zuhören die kognitiven Fähigkeiten verbessern und unser Gehirn fit halten. Und wenn wir Leute um uns haben, die uns zuhören, schützt es unsere Gehirngesundheit genauso. Dies bestätigen Studien, die aufzeigen, dass Menschen mit einer grösseren Anzahl von sozialen Beziehungen im Erwachsenenalter umfangreichere Gehirnstrukturen in der Grosshirnrinde haben als einsamere.

Im Gegensatz dazu haben Personen, die sich einsam fühlen, ein um ca. 40% höheres Risiko für kognitive Beeinträchtigungen und Demenz, unabhängig von sozialer Isolation und genetischen Risikofaktoren. Einsamkeit und der damit einhergehende chronische Stress schaden dem Gehirn. Betroffen ist vor allem der Hippocampus, der eine sensible Hirnstruktur für Alzheimer und Demenz darstellt.

Wie essenziell Gemeinschaft und soziale Interaktion für unsere Lebensfreude und psychische Gesundheit sind, hat uns auch die Corona-Pandemie wieder deutlich gezeigt. Hoffentlich werden wir dies nicht so schnell vergessen und bemüht bleiben, in ein intensives Sozialleben zu investieren. Wie eine Studie von der University of North Carolina zeigte, scheinen freundschaftliche Verbindungen mit zunehmendem Alter ganz besonders wichtig.

Konkret können Sie Ihre Interaktionen im Alltag intensivieren, indem Sie mit möglichst vielen Leuten um sich – egal ob Nachbar, Bäckerin oder Freunden – ins Gespräch kommen. Und das möglichst jeden Tag mehrmals. Oder indem Sie einem sinnvollen sozialen Engagement nachgehen, das erfüllend und gleichzeitig kognitiv stimulierend ist. Und indem Sie in tragende und tiefe Beziehungen investieren. Nehmen Sie doch das Telefon zur Hand und rufen Sie jemanden an.

Beitrag vom 11.10.2022
Barbara Studer

Dr. phil, Neuropsychologin/Dozentin an der Uni Bern, Referentin (studertalk.ch) und Geschäftsführerin der hirncoach GmbH (hirncoach.ch)

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