© Gerard Visser

Teil 8: Die Macht der Psyche Tagebuch einer Sterbenden

Mein Leben dauert länger als gedacht. Die Hirnmetastasen sind wie durch ein Wunder verschwunden, und ich glaube nicht, dass einzig die Bestrahlung diese Kehrtwende bewirken konnte. Deshalb frage ich mich, was ich selbst dazu beigetragen habe – auf mentaler Ebene.

Ärzte erklären die «Spontanheilung» zwar einzig mit der Radiotherapie. Als Psychologin ist mir diese Herleitung aber zu einfach, zu medizinisch. In Ordnung, die Therapie hat wahrscheinlich tatsächlich einen grossen Beitrag geleistet. Doch schon während der Bestrahlung versuchte ich aktiv deren Wirkung zu unterstützen. Die Radioonkologin gab mir den Tipp, mir dabei Bilder vorzustellen. Also stellte ich mir vor, wie unzählige kleine, ätherische Elfen zu meinem Gehirn fliegen und mit ihren Zauberstäben Feenstaub auf die Metastasen rieseln lassen – und damit die Metastasen-Masse zusätzlich vernichten. 

Selbst wenn man todkrank ist, lässt sich das Leben durch die Kraft der Psyche mitbestimmen. Ich beispielsweise konnte die Diagnose sofort annehmen. Kein Verleugnen, kein Hadern, kein Bereuen, keine Schuldgefühle. Ich verlor keine unnötige Energie, indem ich gegen den Krebs kämpfte und konzentrierte mich stattdessen lieber darauf, gut für mich zu sorgen. Seit über fünfzehn Jahren wende ich die elf Schritte zur Stärkung der psychischen Gesundheit an, in meinen Beratungen und Kursen aber auch bei mir selbst. Nun zeigt sich, dass diese einfachen und alltagstauglichen Impulse auch in der letzten Lebensphase hilfreich sind. Ich bin mir sicher: Ihre Anwendung hat einen wichtigen Beitrag zur plötzlichen Genesung gleistet.

Bestimmt hat mir meine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Tod, mit dem Menschsein, mit dem, was mir wichtig ist, geholfen, das Sterben mit einer gewissen Gelassenheit zu akzeptieren. Nein, ich habe keine Angst zu sterben, mein Leben fühlt sich erfüllt an. Ich habe nichts verpasst und auch nichts zu bereuen. Seit vielen Jahren lebe ich MEINS. Wenn mir etwas wichtig ist, mache ich das – selbst dann, wenn mich Leute davor warnen und mich auf allfällige Risiken verweisen. Es sind ihre Ängste, nicht meine. 

Ich anerkenne, dass eine Krebserkrankung nicht wirklich kontrollierbar ist. Dass der Krebs, der in meinem Körper aktiv ist, immer wieder loslegen und Metastasen bilden kann. Ich kann zwar nicht kontrollieren, wie sich diese Krankheit entwickelt. Ich kann jedoch bestimmen, wie ich damit umgehe. Wie ich all das Neue rund um die Diagnose wahrnehme, was ich darüber denke, wie ich mich dabei fühle und wie ich gut selbst für mich sorge. Das ist wichtig: Denn, wo ich Einfluss nehmen kann, übernehme ich die Kontrolle. Und dadurch bin ich dem Krebs nicht einfach hilflos ausgeliefert.

Bin ich glücklich, schwirren Glückshormone durch den Körper, stärken diesen und binden somit die Krebszellen zurück.

Selbst an Tagen, an denen ich mich elend fühle, achte ich darauf, meinen Tagesrhythmus aufrechtzuerhalten, denn regelmässige Abläufe geben mir Halt. Ich mag mich nicht gehen lassen, nur noch auf dem Sofa sitzen und mich körperlich vernachlässigen. Zwar verzichte ich an besonders schlimmen Tagen schon einmal darauf, mich zu duschen, meine Haare zu waschen oder meine Zähne zu putzen – weil Dringlicheres ansteht. Wenn es einem nichts mehr bedeutet, seine Kleider zu waschen und zu wechseln, dann ist es an der Zeit, genauer hinzuschauen. Will ich mich tatsächlich aufgeben? Nein.

Ich übe mich schon lange in Achtsamkeit, seit Studienzeiten meditiere ich. Die kleinen Pausen, die ich regelmässig in meine Tage streue, helfen mir, bewusster zu leben. Indem ich mich immer wieder frage: «Was ist los? Wie fühle ich mich in diesem Moment?» Dabei verzichte ich darauf, meine Beobachtungen zu werten und frage mich stattdessen: «Was benötige ich? Was würde mir jetzt, in diesen Minuten guttun?» Diese Fragen führen idealerweise zu Gedanken oder Handlungen, die eine Änderung zum Guten bewirken. Auch wenn sie oftmals nur klitzeklein sind, sie helfen. 

Ich bin davon überzeugt: Alles, was mir gute Gefühle vermittelt, wirkt sich auch auf körperlicher Ebene aus. Bin ich glücklich, schwirren Glückshormone durch den Körper, stärken diesen und binden somit die Krebszellen zurück. Und gute Gefühle habe ich insbesondere, wenn ich etwas Sinnvolles für die Gemeinschaft mache, indem ich beispielsweise dieses Krebstagebuch führe, um dem Tod den Schrecken zu nehmen oder wenn ich im Betroffenenrat der Schweizer Krebsliga mitwirke. 

Auch all meine Beziehungen vermitteln mir gute Gefühle. Freundschaften zu pflegen ist einer der elf Schritte für psychische Gesundheit. Sie helfen mir, mit Lebensfreude durch diese herausfordernde Zeit zu kommen.


Aktuell tourt die Basler Psychologin durch die Schweiz und liest in diversen Städten aus ihrer Autobiografie. Eine Übersicht ihrer Auftritte finden Sie unter psyche-staerken.ch/autobiografie

Mehr über das Buch «Volle Pulle leben – Lebe Deins, jetzt», in dem Michèle Bowley über Ihr Leben und Sterben schreibt, finden Sie hier.

Beitrag vom 09.05.2023

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Das könnte sie auch interessieren

Tagebuch einer Sterbenden

Teil 10: Mein Leben 2.0 

Michèle Bowley (56) ist todkrank. Lesen Sie in Ihrem Tagebuch, wie Sie Menschen inspirieren möchte, denen es ähnlich ergeht wie ihr. Teil 10: Mein Leben 2.0.

Tagebuch einer Sterbenden

Teil 9: Elf Schritte ins Glück 

Michèle Bowley (56) ist todkrank. Lesen Sie in Ihrem Tagebuch, wie Sie Menschen inspirieren möchte, denen es ähnlich ergeht wie ihr. Teil 9: Elf Schritte ins Glück.

Tagebuch einer Sterbenden

Teil 7: Hirnmetastasen ade

Michèle Bowley (56) ist todkrank. Lesen Sie in Ihrem Tagebuch, wie Sie Menschen inspirieren möchte, denen es ähnlich ergeht wie ihr. Teil 7: Hirnmetastasen ade.

Tagebuch einer Sterbenden

«Ich habe nichts zu bereuen»

Michèle Bowley (56) ist todkrank und beschreibt in einem Tagebuch, wie sie damit umgeht. Ihr Ziel: Zeigen, dass man sterben lernen kann, indem man gut lebt.