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Ein Herz für Vierbeiner

Es muss nicht unbedingt ein eigenes Tier sein. Angela Cina geht mit den Hunden eines nahe gelegenen Tierheims spazieren. Begeistertes Schwanzwedeln ist ihr gewiss.

Text: Claudia Senn

Dienstag Nachmittag, kurz vor halb drei. Vor dem Eingang des Tierheims Tierdörfli in Wangen bei Olten, gleich neben der Volière mit den tschilpenden Sittichen, steht eine kleine Gruppe von Menschen beisammen und wartet in der Kälte. Es sind die freiwilligen Hundespaziergängerinnen und -Spaziergänger, die den Schützlingen des Tierheims zu etwas Auslauf verhelfen. Wegen der schneidenden Bise sind heute nur wenige gekommen.

Doch Angela Cina, 68, aus dem benachbarten Hägendorf, lässt sich den Hundespaziergang auch von garstigen Bedingungen nicht vermiesen. Drei Schichten oben, drei Schichten unten, ein doppeltes Paar Socken in den warmen Winterschuhen und eine bunte peruanische Wollmütze – so würde sie zur Not auch einem Schneesturm trotzen.

Seit 15 Jahren geht die ehemalige Datatypistin mit den Tierheim-Hunden an die Luft. «Ich bin nicht der Typ, der gern zu Hause rumhockt», sagt sie. Läge es da nicht nahe, sich einen eigenen Hund anzuschaffen? Auf gar keinen Fall, sagt Angela Cina bestimmt, denn dann wäre das Gassigehen ja ein Müssen und kein Wollen mehr, und das ist für sie ein himmelweiter Unterschied. «Wenn ich etwas tun muss, dann stinkts mir», bekennt sie mit einem schelmischen Lächeln, freiwillig hingegen sei sie zu allem Möglichen bereit. Zweimal pro Woche hilft sie auch in einer Katzen-Auffangstation aus. Zu Hause, wo sie mit ihrem Mann lebt – die Kinder sind längst aus dem Haus – warten zudem drei betagte Büsis: die 16-jährige Mutzli und ihre um ein Jahr jüngeren Nachkommen Felix und Sophie. 

Nun kommt Bewegung in die Wartenden. Eine Mitarbeiterin des Tierheims bringt die Hunde. Angela Cina nimmt die elfjährige Lulu in Empfang, einen cremefarbenen Mischling. Als Lulu vor einem Jahr ins Tierheim kam, war sie so dick, dass sie sich kaum fortbewegen konnte. Inzwischen hat die ehemals 22 Kilogramm schwere Hündin dank Diätfutter ihr Idealgewicht von 11 Kilo erreicht. Doch nach wie vor ist Lulus Appetit so unersättlich, dass sie alles frisst, was ihr vor die Schnauze kommt – zur Not auch kleine Stöckchen, von anderen Hunden bepinkeltes Gras oder Rossbollen. Angela Cina muss höllisch aufpassen, dass nichts Falsches in Lulus Magen landet.

Wie alle Tierheim-Hunde läuft auch Lulu an einer doppelten Leine. Aus Sicherheitsgründen, damit nichts passieren kann, selbst wenn sich einer der Karabinerhaken lösen sollte. Angela Cina darf Lulu und die anderen Hunde niemals von der Leine lassen – zu unberechenbar ist deren Reaktion. «Schliesslich sind viele von ihnen traumatisiert.»

Mehr Auslauf dank Freiwilligen

Freiwillige Helfer wie Angela Cina sind für das Tierheim eine wichtige Stütze. Dank ihnen bekommen die Hunde mehr Auslauf und Abwechslung. Spazieren gehen dürfen die Helfer mit allen Hunden, ausser mit jenen, die im Tierheim bloss Ferien machen. Und mit den Listenhunden, also gefährlichen Rassen wie Pitbulls oder Bull Terriern, deren Haltung in manchen Kantonen verboten ist. Wer mithelfen will, muss volljährig sein und eine Haftpflichtversicherung vorweisen können. Vorkenntnisse braucht es nicht. «Eine schlechte Erfahrung mit einem Hund habe ich noch nie gemacht», sagt Angela Cina.

Nach einer kleinen Runde über die Feldwege rund um das Tierheim streikt Lulu. Ihr reichts! Angela Cina macht sich auf den Rückweg, um den Hund heimzubringen und ihren zweiten Schützling abzuholen: Simba, eine Französische Bulldogge. Wie viele Schicksalsgenossen seiner Rasse ist er überzüchtet und braucht wegen seiner Rückenprobleme wöchentlich Physiotherapie. Noch dazu ist der 11-jährige Hunde-Opa inkontinent. Doch Angela Cina liebt ihn trotzdem – so innig, dass sie Simba zu ihrem Patenhund auserkoren hat und ihn auch finanziell unterstützt. 

«Er läuft nur, wenn er gute Laune hat» sagt sie. Wenn das stimmt, scheint Simba heute entsetzlich mies drauf zu sein. Nur mittels Bestechung lässt er sich überhaupt zu ein paar Schritten hinreissen. Angela Cina wirft ihm ein Leckerli auf die Strasse, Simba schleppt sich zwei Meter voran, um sich das Leckerli zu schnappen. Sein Frauchen wirft wieder ein Leckerli, Simba rafft sich erneut zu ein paar Schritten auf. Weit kommt man so nicht.

Viele Hunde hat Angela Cina über die Jahre kommen und gehen sehen. Alle hat sie tief in ihr Herz geschlossen. Manche musste sie gehen lassen, weil sie schwer krank wurden oder hochbetagt starben. Sie ganz loszulassen fällt ihr schwer. So ruht die Asche von Pudel Tapsi und Mischling Flo nun in zwei kleinen Holzkästchen neben ihrem Bett. Die Hunde sollen es schön haben, bis über den Tod hinaus.  

Kontakt und Informationen: www.tierdoerfli.ch, Tel. 062 207 90 00. Auch viele andere Tierheime bieten die Möglichkeit an, mit Hunden spazieren zu gehen


Beitrag vom 07.02.2022

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