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Wasser her!

Nicht nur Menschen leiden unter der Gluthitze, sondern auch Pflanzen. Die lange Trockenheit macht Hobbygärtnerinnen und Hobbygärtner dementsprechend zu erprobten Wasserträgerinnen und -trägern. Das bringt unseren Gartenautor gehörig ins Schwitzen.

Roland Grüter, Gartenkolumnist der Zeitlupe
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Text: Roland Grüter

Die Rose von Jericho ist ein Wunder der Natur. Sie kann bis 95 Prozent ihres eingelagerten Wassers verlieren, ohne daran Schaden zu nehmen. Leider serbeln die meisten anderen Pflanzen bereits bei 20 bis 30 Prozent – was Hobbygärtnerinnen und -gärtner in heissen Sommerwochen, wie wir sie aktuell erleben, regelmässig zur Giesskanne oder zum Gartenschlauch drängt, wollen sie ihre Geranien und Gurken, aufrecht zu halten.

Denn Pflanzen reagieren auf die Sonnenglut ähnlich empfindlich wie Menschen. Sie müssen sich beispielsweise mit einem selbst produzierten Schutzmittel vor dem Strahlenmeer schützen. Die innere Uhr gibt Gemüsen und Stauden vor, wann sie die entsprechende Produktion hochfahren sollen. Darüber hinaus beginnt das Grün in der Hitze zu schwitzen, indem sie ihre Spaltöffnungen (Stomatas) öffnen, mit denen ihre Blätter durchzogen sind. Tomaten, Rüebli & Co. regulieren dadurch ihren Wärmehaushalt und verhindern, dass sie nicht durchgegart werden, bevor sie auf unseren Tellern landen. Andererseits bewirkt die ständige Transpiration einen leichten Unterdruck in den Blättern und Stängeln, was wiederum Wasser und darin enthaltene Nährstoffe aus der Erde ansaugt. Salopp formuliert: Was oben rausgeht muss unten nachgefüllt werden. Bei Menschen funktioniert das Kreislaufprinzip umgekehrt.

Pflanzen sind Überlebenskünstler

In der Regel kommen Pflanzen mit Trockenperioden gut zurecht. Oft treiben sie ihre Wurzeln in die Tiefe, um sich dort, wo es selbst in trockenen Zeiten feucht bleibt, Flüssigkeit zu besorgen. Einjährige Vertreterinnen und Vertreter wiederum verkürzen bei Wassermangel einfach ihren Lebenszyklus. Sie kommen schneller zur Blüte und zur Samenbildung, um damit den Fortbestand ihrer Art abzusichern. Danach ist der Sinn ihres Daseins erfüllt. Exitus. Wieder anderes Grün rollt in der Hitze seine Blätter ein oder stösst diese ganz ab, um damit die Wasserverdunstung zu minimieren. Das funktioniert aber nur kurzfristig. Denn durch den Sommerblues wird auch die Photosynthese – und damit die Nahrungskette – stark beeinträchtigt, was Pflanzen schwächeln oder sogar ganz absterben lässt. Forschende sind aktuell weltweit damit beschäftigt, exakt dieses Zusammenspiel zu ergründen. Denn im sich abzeichnenden Klimawandel sind entsprechende Erkenntnisse überlebenswichtig: nicht nur für das Grünzeug, sondern auch für uns Menschen. Ohne Ernte, keine Nahrung.  

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So giessen Sie richtig

Entweder greifen Sie früh morgens oder abends zu Schlauch oder zur Giesskanne. Unser Gartenautor ist ein Morgen-Plätscherer. Dadurch bleibt seinen Pflanzen genügend Zeit, tags abzutrocken – was das Risiko auf Pilzkrankheiten mindert. Ausserdem rollt er Schnecken nicht den roten Teppich aus. Denn ist abends der Boden feucht, kommen die Schleimer auf Hochtouren und schmausen sich durch das Gemüsebeet. Vorteil des abendlichen Schauers: Die Erde wird in der Nacht nicht aufgeheizt, das Wasser verdunstet weniger schnell.

Wer Töpfe hortet: Die Pflanzen sind auf tägliche Wassergaben angewiesen. Die Tröge trocknen schnell aus. Am besten lässt man temperiertes Wasser plätschern. Denn ist dieses zu kalt oder zu heiss, beschert man dem Grün zusätzlichen Stress.

Wässern Sie Pflanzen möglichst, ohne deren Blätter zu nässen. Das ist insbesondere für viele Gemüsearten und Kräuter wichtig. Denn werden sie abgeduscht, sind sie anfälliger auf Pilzkrankheiten. Und in der Sommersonne erleiden sie unterhalb der Wassertröpfchen grobe Verbrennungen.

Wer übers Wochenende wegfahren will. Aus Pet-Flaschen lassen sich auf die Schnelle Wasserspender basteln. Die Flasche mit Wasser füllen, ein grosses Loch in den Deckel bohren, den Flaschenhals in die Erde stecken: Damit ist die Notration gesichert.

Weniger ist mehr: Wässern Sie Gartenbeete nicht täglich, dafür ein, zwei Mal in der Woche gründlich. Im Gemüsebeet rechnet man mit etwa 10 bis 15 Litern Wasser pro Quadratmeter, im übrigen Garten können an heissen Tagen 20 bis 30 Liter nötig sein.

Wem die Prozedur zu mühsam ist, kann allenfalls den Rasensprenger künstlich regnen lassen. Nicht jede Nachbarin, jeder Nachbar schätzt es, im Liegestuhl geduscht zu werden: also Vorsicht!

Soweit zur Biologie. Aktuell droht diese empfindlich aus dem Gleichgewicht zu geraten. Denn Petrus macht seit Wochen hitzefrei und weigert sich beharrlich, Wolken vor die Sonnenkugel zu schieben, geschweige denn, es daraus ausgiebig regnen zu lassen. Das macht den Hobbygarten zur knochentrockenen Disziplin – und Hobbygärtnerinnen und -gärtner zu duldsamen Wasserträgern. Mich trifft das besonders hart. Denn Stauden zu wässern, gehört zu meinen unbeliebtesten Gartenpflichten. Wer mag schon stundelang dastehen wie Manneken Pis in Brüssel und einen satten Strahl ins Himmelblau plätschern lassen? Das Leben hat uns weit Schöneres, Spannenderes zu bieten. Was für eine Zeitverschwendung. Darüber hinaus ist die Prozedur pure Ironie des Schicksals. Männer meines Alters leiden oft genug an Prostata und müssen sich nun auch in freier Natur damit abmühen, Wasser zu lassen. Also bitte sehr.

Es ist wie bei Prostatikern: Jeder Tropfen zählt

Doch leider liegt mein Hobbygarten auf dem Flachdach eines Gebäudes. Die Erdschicht ist entsprechend dünn und trocknet schneller aus. Das lässt die Stauden regelmässig aussehen wie gezuckerten Salat. Will heissen: Diese stehen mit elend schlappen Blättern in der Sommersonne und verlangen nach Wasser. Zwar gebe ich mir redlich Mühe, darüber hinwegzusehen: Doch am Ende stehe ich dann doch mit der Brause in der Hand in den Beet-Reihen und versuche, das Elend wegzuschwemmen. Was mich neuerlich an meine Prostata erinnert: Jeder Tropfen zählt. 

Vielleicht sollte ich mir gelegentlich Trockenspezialistinnen wie die Rose von Jericho in mein Reich holen. Denn der Sommer ist wahrscheinlich noch lang, und die Aussichten auf künftige Hitzesommer sind wolkenlos. Meine Karriere als Manneken Pis ist damit besiegelt. Wasserdoria!

  

Der Gartenpöstler

Roland Grüter (61) ist leidenschaftlicher Hobbygärtner und folgt strikt den Regeln des Bio-Gärtnerns. Heute lebt er in der Nähe von Zürich und hegt und pflegt einen kunterbunten, wilden Blumengarten. Roland Grüter schreibt an dieser Stelle regelmässig über seinen Spass und seine Spleens im grünen Bereich.


Beitrag vom 27.07.2022

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