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Jute statt Plastik

Der Verschleiss an Kunststoffen ist im Hobbygarten erschreckend gross. Unser Gartenpöstler wünscht sich einen sorgsameren Umgang – und steht damit nicht allein.

Letzthin bekam ich Gratis-Post von einem hiesigen Pflanzenanbieter: ein rund 2,5 Kilo schwerer Kunststoffeimer, gefüllt mit einer speziellen Erdmischung, die Pflanzen in den Himmel wachsen lassen und gleichzeitig das Erdgut verbessern soll. Auf dem Deckel lag ein Kärtchen, das ich in die nächste Filiale des Absenders tragen und gegen ein Samentütchen eintauschen kann, «damit der Plant-Booster gleich zum Einsatz kommt». 

Grüne Branche muss umdenken

Das Präsent war sicherlich nett gemeint, liess mich aber trotzdem etwas stutzen. Denn seit Langem treibt mich die Frage um: Weshalb hantiert ausgerechnet die Grüne Branche, die sich ganz und gar der Natur verschrieben hat, dermassen sorglos mit Kunststoffen? Sie ummantelt Drähte und Stangen mit Plastik, formt daraus Liegen, Giesskannen, Gerätegriffe, Pflanzenschilder und postuliert trotzdem in grossen Lettern ihre Sorge um die Natur. Selbst Hornspäne und Gesteinsmehle – total bio, total umweltschonend – werden in Kunststoffsäcke verpackt, die man getrost den Mount Everest hoch und runter schleifen könnte, ohne dass sie dabei Schaden nähmen. Zwar sind viele der verarbeiteten Kunststoffe rezykliert oder zumindest rezyklierbar, könnten also wie der Hausmüll gesammelt und gesondert entsorgt werden. Die meisten Verpackungen landen aber wohl in industriellen Verbrennungsanlagen – so wie die verschickten Plant-Booster. 

Deshalb mahnt uns ein wachsender Kreis von Naturfreundinnen und -freunde an, den Kunststoffeinsatz im Hobbygarten zu überdenken. Gänzlich lässt sich dieser wohl kaum verhindern. Denn moderne Kunststoffe sind wasserdicht, leicht und beständig – Qualitäten, die in den Beetreihen allesamt positiv zum Tragen kommen. Mehr Achtsamkeit ist aber sehr wohl möglich, egal ob ein Paradies gross oder klein ist, professionell oder heppklepp unterhalten wird. Ich jedenfalls gebe mir Mühe, den Plastikkonsum möglichst klein zu halten. 

Kleinvieh macht auch Mist

Eben hat Bloggerin und Biologin Elke Schwarzer ein Buch geschrieben, in dem sie uns lehren will, wie «plastikfreies Gärtnern» funktioniert. In ihrem Werk listet sie 150 nachhaltige Ideen auf, wie sich dieser Werkstoff verringern oder ganz streichen lässt. Sie zeigt beispielsweise auf, wie man Gartenerde selber herstellen kann oder fordert uns auf, Pflanzen selber zu ziehen, was lange Transportwege und aufwändige Verpackungen erübrigt. Sie erklärt, weshalb mehrjährige Stauden ökologischer sind als einjährige und erinnert an den ökologischen Schlachtruf der 1970er-Jahre: Jute statt Plastik. 

Man muss diesen Satz ja nicht zwingend in die Welt hinausbrüllen und zur radikalen Denkumkehr blasen. Es tut aber niemandem weh, auf Quelltabletten mit Kunststoffnetz zu verzichten, wie sie heute für die Anzucht von Pflanzen tausendfach verkauft werden. Und statt billiges Plastikglump hochwertige und langlebige Kunststoff-Produkte zu kaufen, die länger im Einsatz stehen und nicht innert kürzester Zeit in tausend Stücke zerfallen. Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist. Und dieser lässt sich mit einer Holzschaufel genauso gut austragen wie mit einem Plastikmodell.

Der Gartenpöstler

Roland Grüter, Gartenkolumnist der Zeitlupe

© Jessica Prinz

Roland Grüter (61) ist leidenschaftlicher Hobbygärtner und folgt strikt den Regeln des Bio-Gärtnerns. Heute lebt er in der Nähe von Zürich und hegt und pflegt einen kunterbunten, wilden Blumengarten. Roland Grüter schreibt an dieser Stelle regelmässig über seinen Spass und seine Spleens im grünen Bereich.


Beitrag vom 07.04.2022
  • Daniel P. Müller sagt:

    Gute Erfahrung mache ich, je nach Einsatzzweck, mit textilen Materialien.
    Z. B. Rebgaze (schattieren, feine Abdeckung, … ) oder gebrauchten Kaffeesäcken (doppelt, aufgetrennt oder in Teile geschnitten für starke oder mittlere Abdeckung, auch als Winterschutz, im Garten oder auf Balkon und Terrasse). Gebrauchte Kaffeesäcke sind oft günstig erhältlich bei den vielen regionalen Kaffeeröstereien.

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