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Herr Blüemli

Viele Hausbesitzerinnen und -besitzer interessieren sich kein bisschen für die Gärten, die vor ihren Haustüren liegen. Unser Gartenautor wundert sich darüber – was ihn selber in die Kritik bringt.

Mein Nachbar nannte mich Herr Blüemli, und das meinte er keineswegs wohlwollend. Ihm war offenbar aufgefallen, dass ich grosse Freude am Naturgärtnern habe und mich anstrenge, vielen Tieren einen Ort zu schaffen, in dem sie Schutz und Nahrung finden. Im Tonfall, wie er die beiden Worte aussprach, schwang deutlich hörbar Hohn und Spott mit. Und hätte es ihm sein Anstand nicht verboten, hätte er mich wohl gar Kompost-Köbi oder Dreck-Dieter gerufen. Wahrscheinlich konnte er nicht verstehen, dass jemand seine Zeit an Bienen und Blumen vergeudet, derweil ihm das Leben so viel Besseres bietet. Etwa Kaviar, Kultur und Kaschmir.

Der Fachmann für Besseres

Für Besseres war mein Nachbar ein ausgewiesener Experte. Er wusste haargenau, was unser Dasein adelt oder mindert – und vermass die Menschen daran. Seine Ansprüche waren gross: Er besass ein professionelles Fotostudio mit Top-Ausstattung, was seine Aufnahmen leider nicht wirklich besser machte. Darüber hinaus lebte er in einem stattlichen Haus mit einem stattlichen Garten rundherum. Davor stand ein stattliches Auto, mit dem mein Nachbar einmal im Monat zu seiner stattlichen Ferienwohnung in den Bergen fuhr. Bewirtete er Gäste, tischte er Champagner auf und erzählte ihnen von seiner Finca auf Mallorca. Und wann immer es rund ums Haus etwas zu tun gab, rief er seinen Gärtner an, der husch-husch herbeibrauste, die Rosen stutzte, die Zitronenbäume ins Winterlager hievte oder mit dem Laubbläser Jagd auf gefallene Blätter machte. Derweil lehnte sich mein Nachbar zurück. Weshalb die Finger dreckig machen, wenn es dafür Expertinnen und Experten gibt?

Der Umschwung meines Nachbarn war entsprechend gepützelt. Die Beete hatte er mit Häckselgut abdecken und die Wege mit Betonplatten belegen lassen, damit darin ja kein Unkraut wächst. Auch die riesige Rasenfläche, die unbenutzt vor dem Haus lag, war komplett frei von Löwenzahn, Klee und anderen ungebetenen Gästen. Ein Mähroboter summte von morgens bis abends durch das Halmenmeer, um dieses perfekt in Form zu halten. Einzig, wenn der Hund meines Nachbarn sein Geschäft in den Rasen setzte, geriet die Ordnung kurz aus den Fugen. Dann flog der Haufen quer durch die Idylle. Denn der Roboter futiert sich um Noblesse und leistet willig Drecksarbeit. So wie ich es auch tue – wir sind sozusagen Verwandte im Geiste.

Gärten des Grauens

Die Nachbarinnen und Nachbarn, in deren Mitte ich lebte, hatten es zu etwas gebracht. Das war allein an der Grösse ihrer Häuser abzulesen. Viele Gärten glichen aber sozialen Brachen, blieben weitgehend unbenutzt. Denn die meisten Bewohnerinnen und Bewohner waren kaum je zu Hause: entweder arbeiteten sie rund um die Uhr oder bereisten die Welt oder waren in anderer Mission unterwegs. Dazu zählte auch die Ärztin in der Landhaus-Villa, die meist leer? und unbeleuchtet blieb. Die Frau liess ihren Garten trotzdem für viel Geld umpflügen, terrassieren und mit Hortensien, japanischen Kirschbäumen und anderem Grün bepflanzen. In der Folge aber kümmerte sie sich kaum um das neugeschaffene Paradies, sodass die Pflanzen über den Sommer beinah verdorrten. Wahrscheinlich spielte die Frau wieder wochenlang Golf in den Bergen und hatte darob vergessen, einen Hausdienst zu beauftragen, nach den Hortensien und Kirschbäumchen zu schauen. 

Neun Jahre lebte ich im Reich der Reichen und stellte mir immer wieder die gleiche Frage:  Weshalb bloss leben Menschen in Häusern mit riesigen Gärten, obwohl sie sich kein bisschen für die Natur interessieren? Weshalb ziehen sie nicht in eine Stadtwohnung – von mir aus in eine Luxusloft oder ein Penthouse –, die ihnen vor der Haustüre kaum Arbeit bereitet, und überlassen ihre grünen Wohnsitze nicht Familien mit Kindern? Es muss ja nicht jeder so spinnert für die Natur fiebern, wie ich es tue – aber ein Mindestmass an Leidenschaft sollten die Besitzerinnen und Besitzer für ihre Biotope schon aufbringen. Doch das sehen viele Eigenheimlerinnen und -heimler offenbar anders. Deshalb begraben sie ihre Gartenflächen unter Steinlawinen, wählen Pflanzungen, die möglichst keine Arbeit machen, und foutieren sich um jegliche Anliegen, welche die Umwelt an sie stellt. Die Folge davon: Gärten des Grauens, die seelenlos vor den Häusern liegen, als seien sie aus Plastik geschaffen. Reiner Dekor also. 

Wie erwähnt: Mein Nachbar nannte mich Herr Blüemli. Als er mir diesen Namen zum ersten Mal gab, überlegte ich mir kurz, ihm zu erklären, weshalb es mir mehr Freude bereitet, in der Sonne zu chrampfen statt in der Lounge die nächste Luxus-Reise zu planen. Doch ich überlegte es mir anders, lächelte bittersüss über den Zaun und fragte den Mann: «Hat Dein Hund mittlerweile gelernt, nicht mehr in den Garten zu kacken?» Genau genommen tat er mir leid.

Der Gartenpöstler

Roland Grüter, Gartenkolumnist der Zeitlupe

© Jessica Prinz

Roland Grüter (60) ist leidenschaftlicher Hobbygärtner und folgt strikt den Regeln des Bio-Gärtnerns. Heute lebt er in der Nähe von Zürich und hegt und pflegt einen kunterbunten, wilden Blumengarten. Roland Grüter schreibt an dieser Stelle regelmässig über seinen Spass und seine Spleens im grünen Bereich.


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