Wasser lassen!

Auch wenn der Regen davon ablenkt: Wassermangel könnte im Hobbygarten schon bald zum Politikum werden. Unser Gartenkolumnist Roland Grüter richtet sich und seine Lieblinge bereits jetzt auf diese Zukunft aus. 

Sonnenfans mögen es mir verzeihen: Ich mag Schlechtwetterlagen. Denn das Wechselspiel zwischen Sonne und Regen hält das Rad der Natur ohne mein Zutun in Schwung: Wärme und Wasser lassen meine Pflanzen gross werden und kräftig wachsen. Wunderbar. 

Der Regen ist für mich folglich ein Segen. Darüber hinaus bewahrt er mich von einer Gartenarbeit, die ganz unten auf meiner Favoritenliste steht: Giessen und Wässern! In den Beeten dazustehen wie Manneken Piss, mit einem Schlauch in der Hand, aus dem ein Wasserstrahl ins Himmelblau plätschert – das ergibt kein schönes Bild. Eine befreundete Hobbygärtnerin, mit der ich mich unlängst über geliebte und ungeliebte Gartenpflichten unterhielt, wollte mir die Misere schönmalen. Sie schwärmte davon, wie wunderbar sich während des Giessens übers Leben nachdenken lässt, wie sie im Stillstand immer wieder neue Wunder der Natur entdeckt. Doch die Argumente tropften ins Leere. Ich brauche Wasser weiterhin lieber zum Waschen – und freue mich darüber, wenn sich die Schleusen des Himmels neuerlich öffnen. 

Pflanzen können sich selber helfen

Oft genug aber bleiben sie geschlossen. Dieses Elend lässt auch mich zur Giesskanne greifen. Denn all die Pflanzen, die in meinen Töpfen wachsen, sind dringend auf Wasserspenden angewiesen – denn in der Enge ihrer Behausungen würden sie sonst schlappen und serbeln. Also trage ich mit Widerwillen abgefülltes Nass durch die Beete. Und hoffe auf die Natur, damit ich bald schon wieder einen Bogen um das Thema und den Wasserhahn machen kann. 

Ich bin also zugegebenermassen im Garten ein Wassermuffel. Deshalb müssen die vielen Stauden, die in meinen Beeten wachsen, fast ausnahmslos auf meine Unterstützung verzichten und sich in dieser Sache selber behelfen. Weshalb sollten Stauden und Gehölze das nicht können? Pflanzen in freier Natur müssen ja auch mit Trockenheit klarkommen und schaffen das in der Regel spielend, sonst würde um uns herum Dürre und Ödnis herrschen. Denn Pflanzen sind erprobte Überlebenskünstlerinnen. Wird es ihnen zu heiss, stellen sie das Wachstum im Sonnenlicht ein und lassen im Gegenzug ihre Wurzeln unter der Erde tiefer wachsen. Überdies verfügen Pflanzen über allerlei andere Tricks, um die Wasserverdunstung unter Hitzestress zu regulieren und sichern damit ihr Auskommen ab – dieses Gesetz der Natur greift weiter als mein Arm mit Giesskanne. Also hielt ich der Wasserpredigt meiner Freundin entgegen: «Wer Pflanzen ständig mit Tränken verhätschelt, blockiert diese Mechanismen. Pflanzen begnügen sich so beispielsweise mit ihrem flachen Wurzelwerk und werden in der nächstfolgenden Hitzephase anfälliger.» 

Folglich lasse ich die Giesskanne und den Gartenschlauch nicht nur aus Faulheit, sondern aus Überzeugung möglichst in der Ecke stehen. Was aber nicht heiss, dass ich meine Lieblinge bewusst ins Verderben führe. Im Gegenteil: Ich versuche, sie erst gar nicht in Nöte zu bringen. Deshalb achte ich sorgfältig darauf, trockene oder besonnte Lagen ausschliesslich mit Bewohnerinnen und Bewohnern zu bestücken, die sich dort wohl fühlen. Viele Naturfreunde foutieren sich aber um die Standortfrage und weisen Kräutern, Blumen und Gemüsen Standorte zu, an denen einzig sie selber Gefallen finden – die Pflanzen aber weit weniger. Was zur Folge hat, dass sie diese regelmässig über Wasser halten müssen, wollen sie nicht alsbald vor dürren Stängeln statt vor üppigem Grün stehen. 

Das könnte Ignoranten bald öfters passieren. Denn der Klimawandel, den manche immer noch leugnen, hat den Hobbygarten längst erreicht. Er wird unsere Bepflanzungen auf harte Proben stellen. Profis richten sich bereits reihum darauf aus und mahnen uns, es ihnen gleichzutun. Sie investieren gutes Geld in Beschattungs- und Regenwasser-Sammelanlagen. Denn Wasser, so die gängige Meinung der Expertinnen und Experten, wird bald schon eine heiss diskutierte Ressource im Gartenbau sein. Bereits heute werden weltweit 70 Prozent unserer Trinkwasservorräte in der Landwirtschaft verbraucht – und dieser Anteil soll möglichst nicht grösser werden. 

Klimawandel hat den Hausgarten längst erreicht

Sie denken an dieser Stelle, der sintflutartige Regen in letzter Zeit habe die Bedenken der Klimawarner weggeschwemmt? Der Blick auf die längere Zeitachse beweist leider das Gegenteil. Seit Beginn der Industrialisierung hat sich die Welttemperatur um rund 1°C erwärmt, in der Schweiz sogar um 2°C. Extreme Wetterlagen haben stark zugenommen. Luzern beispielsweise verzeichnete Anfang der 1980er-Jahre maximal 10 Hitzetage pro Jahr, mittlerweile sind es bis zu mehr als 25. Meteorologen erwarten gemeinhin längere Hitzeperioden gefolgt von Starkregen und anderen blöden Wetterkapriolen. Die Natur wird darunter ächzen – und mit ihr alles, was darin kreucht und fleucht. Also auch der Mensch. 

Die Forschung gibt entsprechend Gas, um sich auf die Zeichen der Zeit auszurichten. Denn Dürren sind nicht nur lästig, sie gefährden auch die Welternährung. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten deshalb auf Hochtouren, klimaresiliente Pflanzen zu entwickeln: Sorten, die mit wenig Wasser auskommen und trotzdem reiche Ernte tragen. Das anvisierte Ziel sind Präzisionszüchtungen, sogenannte Smart Breedings. Darin kommen modernste Techniken zum Zuge, die an ein Versuchslabor in China erinnern. Viele Maissorten tragen bereits das Gen von Bacillus-subtilis-Bakterien in sich, das den Pflanzen hilft, bei Wassermangel wichtige Zellfunktionen aufrechtzuerhalten. In Argentinien wachsen Sojabohnen mit Sonnenblumen-Gen, auch diese sind auf weniger Wasser angewiesen. Und Weizen und Zuckerrohr wurden genetisch ebenfalls für die hoffentlich noch fernen Tage fit gemacht, in denen weniger Regen fällt. 

Der Gartenpöstler

Roland Grüter (60) ist leidenschaftlicher Hobbygärtner und folgt strikt den Regeln des Bio-Gärtnerns. Sein erstes Reich hat er vor 40 Jahren aus Not angelegt – er wollte die Pflanzen aus dem Garten eines Hauses retten, das abgerissen wurde. Heute lebt er in der Nähe von Zürich und hegt und pflegt einen kunterbunten, wilden Blumengarten. Eine Ecke ist darin für Gemüse reserviert. Roland Grüter schreibt an dieser Stelle regelmässig über seinen Spass und seine Spleens im grünen Bereich.

Die meisten Erkenntnisse dieses Bereichs hat die Wissenschaft aus der Ackerschmalwand geschöpft: einem unscheinbaren Unkraut unserer Breitengrade, das mit Wassermangel besonders gut zurechtkommt. Dieses kann einen Grossteil des eingelagerten Wassers verdampfen, ohne daran Schaden zu nehmen (die meisten Pflanzen sterben bei 20 bis 30 Prozent ab). Die Ackerschmalwand verfügt über ein feinjustiertes Alarmsystem, das den Stoffwechsel früh in Gang setzt, um sich gegen die Trockenheit zu wappnen. Dieser Mechanismus wird nun auf andere (Nutz)Pflanzen übertragen.

Zwar müssen sich Hobbygärtnerinnen und -gärtner nicht um ihre Existenz oder Ernährung sorgen, wenn ihre Paradiese unter den Hitzesommern leiden. Ich habe meine Bestände trotzdem schon längst auf diese Misere ausgerichtet. Rund ums Haus wächst kaum mehr einjähriger Flor. Denn dieser ist dringlich auf Wasserspenden angewiesen. Schliesslich haben wir die Genetik von Geranien und Zinnien dermassen verändert, dass sie in kürzester Zeit heranwachsen und möglichst viele Blumen tragen – und dafür ist viel Wasser nötig (dasselbe gilt für Gemüsesorten).

Ich verzichte konsequent auf Vieltrinker und bevorzuge Trockenspezialisten. In meinen Beeten wachsen zuhauf Lavendel, Thymian, Glockenblumen, Schafgarben, Malven und andere Sonnenkinder. Darüber hinaus gruppiere ich Stauden zu gestuften Verbünden – was nicht nur hübscher aussieht, sondern die einzelnen Vertreterinnen weniger anfällig auf Wetterkapriolen macht, weil sie sich unter anderem gegenseitig Schatten spenden. Und wie vorausgeschickt achte ich exakt darauf, jeder Staude den richtigen Standort zuzuweisen.

All das macht die Pflanzen und mich glücklich. Denn der nächste Hitzesommer kommt bestimmt. Und bei knapp 40 Grad Celsius lehne ich mich lieber zurück, statt Wasser durch den Garten zu schleppen. 


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